Amoklauf: Winnenden unter Schock
VON RENEE RICARDA BILLAU UND OLIVER SCHMALE, AP - zuletzt aktualisiert: 11.03.2009 - 17:55Winnenden (RPO). In Winnenden herrscht das blanke Entsetzen: Ein unvorstellbares Blutbad hat der 17-jährige Tim K. an seiner früheren Realschule angerichtet.
Fassungslos sitzen völlig verstörte Schüler und Eltern am Straßenrand - inmitten eines Großaufgebots der Polizei. Die 15-jährige Betty kämpft mit den Tränen und ringt mit den Worten: "Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört", berichtet sie. "Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt!'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind, und bin losgerannt."
Der erste Notruf aus der Schule erreichte die Polizei gegen 9.30 Uhr. Tim K., der als unauffälliger Schüler, aber auch als Waffen-Fan beschrieben wird, ist dort in drei Klassenräume und einen Chemiesaal gestürmt. Wild und offenbar wortlos schießt er um sich und richtet dabei ein wahres Blutbad an - anders, sagt Landespolizeipräsident Erwin Hetger, könne man das Verbrechen nicht beschreiben. Ein "Amoklauf in Reinkultur" sei die Tat des Teenagers gewesen.
"Er ist nie auffällig gewesen"
Als zwei Einsatzkräfte des Polizei-Interventionsteams kurz nach dem Notruf die Schule erreichen, ist der Täter schon geflohen. Eine Mutter, die gegen 10 Uhr ihren Sohn vom Unterricht im angrenzenden Gymnasium abholen wollte und atemlos hinter einer Absperrung warten muss, sagt, sie habe "nur Polizei gesehen".
In einer Parkanlage in Richtung des Psychiatrischen Krankenhauses erschießt Tim K. einen Beschäftigten der Klinik, anschließend kidnappt er ein Auto und zwingt den Fahrer, damit weiter bis ins 40 Kilometer entfernte Wendlingen südlich von Winnenden zu fahren. An einer Polizeikontrolle am Autobahnkreuz Wendlingen muss der Fahrer den Wagen stark abbremsen, woraufhin ihm die Flucht gelingt. Danach verlässt auch Tim K. das Auto und flüchtet in ein Industriegebiet.
Dort stürmt er in ein Autohaus, wo er sofort das Feuer eröffnet und einen Kunden und einen Mitarbeiter erschießt. Schließlich stellt ihn die Polizei: Es kommt zu einer wilden Schießerei vor dem Autohaus, bei der der Täter ums Leben kommt. Wahrscheinlich habe sich der 17-Jährige selbst getötet, heißt es am Abend in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Zwei Polizisten werden schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt.
Derweil suchen am Schulzentrum noch immer verzweifelte Eltern nach ihren Kindern. "Meine Tochter ist elf Jahre. Ich weiß nicht, was passiert ist", sagte ein Vater. Später strahlt er, als er das Mädchen in die Arme schließt.
"Etwas Unglaubliches, Unverständliches, Sinnloses"
Der Täter ist ein Deutscher aus dem Leutenbacher Stadtteil Weiler zum Stein, im letzten Jahr hatte er an der Albertville-Schule seinen Abschluss gemacht. Laut Innenminister Heribert Rech hat Tim K. die Mittlere Reife, und ist "nie auffällig gewesen". Der Vater des Täters besitze als Mitglied im Schützenverein legal 16 Schusswaffen, eine fehle. Die Familie sei normal in die 5000 Einwohner zählende Gemeinde und ins Vereinsleben integriert gewesen, sagt der um Fassung ringende Bürgermeister von Leutenbach, Jürgen Kiesl.
Die Politiker, die am Unglücksort eintreffen, sind sichtlich berührt. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) spricht den Angehörigen und den Schülern und Lehrern sein Mitgefühl aus: "Baden-Württemberg ist tief getroffen", sagte Oettinger. Diese Tat habe ein Ausmaß angenommen, die das Land bisher nicht gekannt habe.
Die Schüler des Schulzentrums werden vor Ort von Psychologen betreut und von der Öffentlichkeit abgeschirmt. "Ich konnte spüren, dass sie etwas Unglaubliches, Unverständliches und Sinnloses erlebt haben", sagt der evangelische Polizeiseelsorger Sebastian Berghaus. "Es herrscht absolute Sprachlosigkeit." Berghaus selbst ringt mit den Worten, nachdem er den Tatort in Augenschein nehmen konnte. Dies, sagt er, habe er selbst noch längst nicht verarbeitet.
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