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Axt-Attacke von Würzburg
Kriminologe warnt vor Nachahmungstätern

Würzburg: Christian Pfeiffer warnt vor Nachahmungstätern
Experte Pfeiffer sieht nach den jüngsten Anschlägen eine deutliche Wiederholungsgefahr. FOTO: RPO
Düsseldorf. Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht nach den Anschlägen von Nizza und Würzburg hohe Wiederholungsgefahr durch Nachahmer. Im Interview mit unserer Redaktion rät er zudem, Migranten ohne echten Asylgrund schnell wieder abzuschieben. Von Reinhard Kowalewsky

Ein allein reisender Jugendlicher aus Afghanistan versuchte Menschen zu ermorden. Sind junge Flüchtlinge die neue Gefahrengruppe?

Pfeiffer Wir hatten auch schon genügend deutsche Amokläufer wie in Erfurt oder Winnenden - also kann man das keineswegs so pauschal sehen. Auch jeder Generalverdacht gegen Muslims wäre falsch. Aber wir müssen müssen noch mehr aufpassen, dass sich einzelne Flüchtlinge nicht isolieren und dann radikalisieren. Es wird noch wichtiger, die hierhin gekommenen Menschen gut zu integrieren, um solche Vorfälle zu verhindern.

Gibt es eine Wiederholungsgefahr?

Pfeiffer Nach dem Massenmord von Nizza und nun der Gewalttat bei Würzburg sehe ich eine deutliche Wiederholungsgefahr. Wir haben es hier ja mit jungen Männern zu tun, die entwurzelt sind und auch noch nicht richtig integriert. Die kann es schon locken, dass sie mit einer solchen Wahnsinnstat auch so berühmt sein wollen wie beispielsweise der Täter von Nizza.

Brauchen wir spezielle Anstrengungen, um die vielen minderjährigen Flüchtlinge zu integrieren?

Pfeiffer Bei Minderjährigen müssen wir uns mehr überlegen, ob sie auch von Muttersprachlern stärker betreut werden müssen, damit sie über ihre Ängste oder andere Gefühle reden können. Andererseits müssen wir sehen, dass Bayern bei der Integration Vorbildliches geleistet hat. Der junge Mann aus Würzburg hatte sogar eine Pflegefamilie und eine Aussicht auf eine Lehrstelle - es gibt da also noch einiges zu den möglichen Motiven zu erforschen.

Der IS scheint speziell stark entwurzelte junge Männer zu Terrortaten zu motivieren, die auch noch sehr häufig einen nordafrikanischen Hintergrund haben. Was bedeutet das für Deutschland?

Pfeiffer Ich glaube, wir können die Lage in Frankreich und Belgien nicht mit der in Deutschland vergleichen. Unsere Einwanderer aus muslimischen Ländern und speziell der Türkei sind deutlich besser integriert. Das zeigt sich auch an immer besseren Schulabschlüssen, an sinkender Gewaltbereitschaft und auch an einer durch Umfragen belegten sinkenden "machohaften" Einstellung der jungen Männer.

In NRW leben mehr als 1000 junge Männer aus den Maghrebstaaten,die eigentlich abgeschoben werden sollen und als Kleinkriminelle auffielen. Droht von ihnen Terrorgefahr?

Pfeiffer Da fast keiner von ihnen einen echten Asylgrund hat, sollte die Politik eine schnelle Ausweisung anstreben. Aber nicht wegen Terrorgefahr, sondern wegen ihrer vielen kleinen Straftaten. Das sind wir auch den Flüchtlingen schuldig, die wie die Syrer und die Afghanen aus Bürgerkriegen zu uns flüchten. Rein statistisch sind syrische Flüchtlinge beispielsweise weniger gewaltbereit als Deutsche - die wollen auf keinen Fall ihr Bleiberecht durch eine Straftat gefährden.

Können Sie verstehen, wenn Teile der Bevölkerung nach einem Anschlag wie bei Würzburg sagen, man hätte die vielen Flüchtlinge besser nie aufgenommen?

Pfeiffer Natürlich verstehe ich die Verunsicherung. Aber ich habe es für richtig gehalten, dass wir aus humanitären Gründen helfen wollten. Nun ist es auch richtig, dass wir die Zahl weiterer Zugänge bremsen und gleichzeitig die Flüchtlinge integrieren. Wir sollten nicht vergessen, dass Deutschland die vielen Einwanderer aus Jugoslawien oder anderen Krisengebieten in den 90er Jahren auch integriert hat. Dies belegt unter anderem die insgesamt sinkende Gewalttendenz in der Bevölkerung in Deutschland.

Jetzt motiviert der IS aber manche Muslime in Europa oder anderen Ländern zum Terror.

Pfeiffer Stimmt – ein Riesenproblem. Aber wir dürfen nicht übersehen: Die riesige Mehrheit der Moslem lehnt diese Fanatiker ab, ebenso alle wichtigen religiösen Führer. Sehr viele Flüchtlinge sind hierhin gekommen, weil sie mit dieser Art des Terrorismus und religiösen Faschismus nichts zu tun haben wollen. Also können wir nicht die große Mehrheit der Moslems mitverantwortlich für die Verbrechen einer kleinen Minderheit machen.

Was halten Sie davon, dass Renate Künast die Verhältnismäßigkeit des Polizeieinsatzes öffentlich hinterfragt?

Pfeiffer Es ist unmöglich, die Polizei nach einem solchen Einsatz pauschal zu kritisieren, ohne genaue Informationen zu haben. Es wird sowieso nach jedem tödlichen Schusswaffeneinsatz durch einen Polizisten ermittelt, wie die Umstände waren. So kann es sein, dass ein auf die Beine gezielter Schuss den Oberkörper traf. Oder es kann sein, dass es in Notwehr keine Alternative gab. Da sollte Frau Künast wirklich warten, was die Ermittlungen ergeben und nicht vom Schreibtisch her solche in Frageform formulierten verbalen Schnellschüsse abfeuern.

(rky)
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