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Kuhjagd als PR-Aktion?
Yvonne – die arme Werbe-Kuh

Kuh Yvonne wird nach 98 Tagen in neues Heim gebracht
Kuh Yvonne wird nach 98 Tagen in neues Heim gebracht FOTO: dapd
Eigelsberg (RP). An allen vier Beinen fixiert haben Tierschützer vom Gut Aiderbichl die seit Ende Mai flüchtige Kuh auf einen Vieh-Anhänger gezerrt. Experten kritisieren nicht nur dieses Vorgehen, sondern äußern auch einen Verdacht: Die Jagd nach der Kuh war eine große PR-Aktion. Von Dieter Dormann

Nach fast 100 Tagen auf der Flucht ist die Kuh Yvonne in ihrem neuen Zuhause, dem Gnadenhof Gut Aiderbichl im bayerischen Deggendorf, angekommen. Dramatisch ist das weltweit Schlagzeilen machende Sommertheater um die Kuh, die wochenlang ein Reh sein wollte, zu Ende gegangen.

Es ist Freitag, kurz nach sechs Uhr, als Tierarzt Henning Wiesner das Blasrohr mit dem Betäubungspfeil ansetzt und auf Yvonne zielt. Ein Landwirt hatte sie am Dienstag an einer Weide nahe Eigelsberg entdeckt und hinter den Zaun getrieben. Da die Nachricht schon am Donnerstag bekanntgeworden war, dokumentieren zahlreiche Fotografen und Kameraleute Wiesners ersten Schuss.

Er trifft, aber Yvonne bekommt keine weichen Knie. Auch der zweite Schuss trifft – noch ein paar Schritte läuft das 650 Kilo schwere Tier Richtung Wald. Dann fällt Yvonne.

Yvonne tritt um sich

Doch der Plan, die Betäubte in den Viehtransporter zu hieven, scheitert. Die Wiese ist für den Traktor zu matschig. Das freiheitsliebende Rindvieh muss selbst auf den Anhänger laufen. Yvonne wird also mit einem Gegenmittel aus der Betäubung geholt, die Tierschützer vom Gut Aiderbichl fixieren sie. Seile werden um alle vier Hufe gebunden, ein Halfter und eine Augenbinde angelegt.

Yvonne erwacht wieder, muht laut, tritt um sich, springt mit allen Vieren in die Höhe. Erst mit Hilfe des Traktors gelingt es, sie in den Transporter zu ziehen. "Wir sind absolut froh über dieses ganz gute Ende", sagt später die Sprecherin des Gutes Aiderbichl. Dass Yvonne fixiert werden musste, nennt sie ein normales Vorgehen.

"Die das gemacht haben, haben keine Ahnung, wie man eine Kuh verlädt. Was dort getan wurde, ist grenzwertig", meint hingegen Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Rheinland, der nach eigener Aussage selbst schon "bestimmt 100 Kühe, Rinder oder Kälber auf einen Transporter getrieben hat".

Auch Jörg Hartung, Professor am Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, beurteilt die Aktion der Aiderbichler kritisch. Der Rummel habe Yvonne "völlig kopfscheu" gemacht. "Das hätte man viel besser machen können." Weniger Menschen, vor allem keine Fotografen und Kamerateams, hätten für Yvonne weniger Stress bedeutet.

Experten kritisieren Vorgehen

Nicht nur die dramatische Einfang-Aktion erregt Kritik. Für Jörg Hartung ist es unvorstellbar, dass es nicht früher möglich gewesen sein soll, Yvonne zu fangen. Der Institutsleiter vermutet: "Da hat der Werbeeffekt eine große Rolle gespielt." Ähnlich schätzt Bernhard Rüb das Sommertheater um Yvonne ein. "Die vom Gut Aiderbichl haben viel PR für sich gemacht, anstatt das Problem zu lösen", meint er.

Ein Verdacht, der nicht zum ersten Mal laut wird. Nachdem Yvonne Ende Mai ihrem Schlachter ausgebüxt war, hatte sich anfangs kaum einer für ihr Schicksal interessiert. Erst als die Tierschützer vom Gut Aiderbichl Yvonnes Rettung zu ihrer Herzenssache machten, sorgte sie für Schlagzeilen – weltweit. Tag für Tag setzten die "Aiderbichler" neue, teils skurrile Ideen in die Tat um, um die Flüchtige aufzustöbern: Yvonne sollte in eine Fressfalle tappen, ein Ochse sollte sie anlocken, dann ihre Schwester Waltraud, dann ihr Sohn Friesi. Die Tierschützer baten gar eine Schweizerin, die von sich sagt, sie könne Kontakt zu Tieren aufnehmen, um Hilfe.

Jeden Tag Interviews

Tag für Tag gab Gut-Aiderbichl-Gründer Michael Aufhauser Interviews. Vor elf Jahren hatte der 59-Jährige in Henndorf bei Salzburg seinen ersten Gnadenhof errichtet. Nun unterhält seine Stiftung 20 Höfe. Nach Henndorf kommen 200.000 Gäste pro Jahr, 50.000 nach Deggendorf.

Den Jahresumsatz aus Eintrittsgeldern und Merchandising beziffert Aufhauser auf etwa 4,5 Millionen Euro. Anfangs habe er Millionen aus eigener Tasche investiert. Zumindest Henndorf schreibe inzwischen schwarze Zahlen, öffentliche Gelder flössen in keines seiner Projekte.

Offen bekannte der Aiderbichl-Gründer, Yvonne sei "ein Glücksfall". Ihr Schicksal beschere dem Tierschutz und Gut Aiderbichl eine enorme Öffentlichkeit. "Solange es den Hype um Yvonne gibt, nehmen wir ihn gerne mit." Kritik an den werbeträchtigen Aktionen wies er zurück. "Das ist im Sinne unserer Förderer und Stiftungsmitglieder."

Wenige Tage, nachdem erste Kritiker das Wort ergriffen hatten, änderten die Aiderbichler ihre Strategie: Alle Suchaktionen wurden eingestellt. Nur drei Jäger hielten mit Betäubungsgewehren nach Yvonne Ausschau. Nur wenn die Kuh ihnen quasi freiwillig vor die Flinte laufe, sollte sie eingefangen werden.

Neue Taktik

Die neue Taktik sorgte nicht mehr für tägliche Schlagzeilen. Allzu traurig dürfte Michael Aufhauser nicht gewesen sein. Schon vor Wochen berichtete er, er brauche eigentlich Zeit und öffentliche Aufmerksamkeit für ein anderes Projekt: Am 6. September wird auf Gut Aiderbichl das laut Aufhauser weltweit erste Freigehege für 38 Schimpansen eröffnet, die aus dem Test-Labor eines Pharma-Unternehmens gerettet wurden. Yvonne drohe den Affen die Show zu stehlen.

Das tat Yvonne trotz neuer Taktik, sie tauchte wieder auf, machte wieder Schlagzeilen – und Michael Aufhauser gab schon Donnerstag werbewirksame Interviews: "Auf Gut Aiderbichl darf sie, ohne einen Nutzen zu bringen, bis an ihr Ende leben. Und eine Überraschung haben wir für sie: Der totgeglaubte Sohn Friesi wartet auf sie, wenn sie dort Einzug hält, dann wird sie ihn sehen, dann wird alles gut sein."

Quelle: RP
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