Trauerfeier in Sachsen-Anhalt: Zehn Kerzen für die Opfer des Zugunglücks
zuletzt aktualisiert: 05.02.2011 - 14:26Halberstadt/Hordorf (RPO). Ein kleines Mädchen kniet vor dem großen hölzernen Kreuz nieder, das vor dem Altar des Halberstädter Doms auf dem steinernen Boden liegt. Zehn große weiße Kerzen ragen aus dem aus alten Brettern gezimmerten schlichten Kreuz empor. Jede Kerze steht für eines der Opfer des folgenschweren Bahnunglücks vor einer Woche in Hordorf bei Oschersleben. Das Mädchen legt ein weiße Rose hinzu.
Wie sie nehmen am Samstag nach der Trauerfeier im Dom Dutzende Familienangehörige, Verwandte, Schüler und Kollegen der Getöteten Abschied. Sie verneigen sich vor dem Kreuz, legen Rosen nieder, zünden weitere kleine Kerzen ein. Ein Bild, das eine Schülerin auf das Kreuz legt, zeigt einen Zug des HarzElbeExpress und die Frage: "Warum?" Eine ältere Frau, die vor dem Kreuz in Stille verharrt und sich verneigt, bricht in Tränen aus. Ihr Mann muss sie stützen und an einen Stuhl geleiten.
Das Schicksal eines zehnjährigen Mädchens, das bei dem Unglück seine Mutter, Schwester, den Stiefvater und die Oma verlor und seither schwer verletzt in Halberstadt im Krankenhaus liegt, bewegt viele. Unter den Trauernden befinden sich viele Klassenkameraden.
"Es lassen sich nicht die rechten Worte finden"
Auch die Mitglieder des Spielmannszuges aus Langenstein bei Halberstadt nehmen Abschied von einem ihrer Mitglieder. Im Dom sitzen auch mehr als 50 Angehörige des privaten Bahnunternehmens Veolia und ihrer Tochter HarzElbeExpress, die bei dem Unglück den Lokführer und die Zugbegleiterin verloren haben.
Nach so einem tragischen Ereignis, wie es am Samstag vor einer Woche geschehen ist und das "einem die Kehle zuschnürt", ließen sich "nicht die rechten Worte" für das Schicksal und das Leid finden, sagt Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrer Predigt. "Gut, dass es auch eine Sprache gibt, die wir alle ohne Worte verstehen: Die Sprache, die das Licht der Kerzen spricht", fügt die Geistliche hinzu. "Das Kreuz, das Leiden, der Schmerz und der gewaltsame Tod - die verbinden Euch. Der gewaltsame Tod hat Euch zusammengebracht."
Die Landesbischöfin erinnert aber auch an jene, die vor einer Woche einen Zug früher genommen oder den späteren Unglückszug nicht mehr erreicht hatten. Wie erleichtert und erschrocken sie zugleich sein mögen, sagt sie.
Stühle reichen nicht aus
Groß ist die Anteilnahme. Im Dom reichen bei weitem die 600 Stühle nicht aus. Dicht gedrängt in mehreren Reihen stehen die Trauernden in den Seitenschiffen und am Altar. Mitglieder des Technische Hilfswerkes legen einen großen Kranz nieder. Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr aus Oschersleben und Neindorf, die unmittelbar nach dem Unglück die Toten bergen und die Verletzten aus dem Wrack befreien mussten, senden einen letzten Gruß.
Superintendentin Angelika Zädow spricht von Trauer, Entsetzen und Ohnmacht. Der Zugunfall am vergangenen Samstagabend bei Hordorf habe die vier Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 61 Jahren und sechs Männer im Alter von 33 bis 74 Jahren "jäh aus dem Leben gerissen". Und sie fügt hinzu: "Was uns vorher bewegte, tritt plötzlich in den Hintergrund." Das Unglück habe wieder einmal gezeigt, wie dicht Leben und Sterben beieinander lägen.
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