Streit über "entartete" Kunst: Zentralrat der Juden nennt Meisner geistigen Brandstifter
zuletzt aktualisiert: 16.09.2007 - 16:37Köln (RPO). Kölns Erzbischof Meisner zieht nach seiner Warnung vor „entarteter Kunst“ immer heftigere Kritik auf sich. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bezeichnete den Kardinal als geistigen Brandstifter, der absichtlich die Grenzen überschritten habe. Meisner beharrt darauf, er habe sich die Sprache der Nationalsozialisten nicht zu eigen gemacht.
Mit einer Äußerung über "entartete" Kultur hatte der Kölner Kardinal Joachim Meisner am Wochenende eine Welle der Empörung ausgelöst. Vertreter aus Politik, Religion und Kunst warfen dem Erzbischof vor, er habe Nazi-Sprache verwendet. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag": "Meisner, der nicht zum ersten Mal mit solchen und ähnlichen Formulierungen auffällt, ist ein notorischer geistiger Brandstifter, der versucht, die Grenzen des Erlaubten nicht nur auszutesten, sondern der sie vorsätzlich überschreitet".
Weiter sagte Kramer: "Wenn das Schule macht, darf sich keiner wundern, wenn der braune Ungeist in Deutschland wieder salonfähig wird." Der Kardinal wies die Vorwürfe zurück.
Bei der Eröffnung des Kölner Diözesanmuseums Kolumba hatte Meisner in seiner Predigt am Freitagabend gesagt: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet." Als "entartete Kunst" hatten die Nazis moderne Werke bezeichnet, die nicht ihrem Kunstverständnis entsprachen.
Der Tübinger Theologe Hans Küng sagte der Zeitung "Welt am Sonntag", man dürfe komplexe Zusammenhänge nicht in solch fahrlässiger und primitiver Form ausdrücken wie der Kardinal. Jede echte Kunst stelle die Sinnfrage, doch dürfe man es keinem Künstler verwehren, "auch das Chaos, das Hässliche und Böse darzustellen".
Der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend." Das Wort "entartete Kunst" stehe für eines der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte und einen katastrophalen Umgang mit Kunst und Kultur.
Der Künstler Gerhard Richter reagierte ebenfalls mit scharfer Kritik: "Zwar kann uns der Hitler nicht alle Wörter verbieten", sagte Richter zur "Bild am Sonntag". "Aber das Wort 'Entartung' im Zusammenhang mit Kunst zu benutzen" sei eine "schlimme Entgleisung". Der Theologe Hans Küng erklärte, man dürfe "komplexe Zusammenhänge nicht in solch fahrlässiger und primitiver Form" ausdrücken. Jede echte Kunst stelle die Sinnfrage, doch dürfe man es keinem Künstler verwehren, "auch das Chaos, das Hässliche und Böse darzustellen", sagte Küng der "Welt am Sonntag".
FDP-Chef Guido Westerwelle sagte der "Bild am Sonntag: "Die Äußerungen von Kardinal Meisner sind intolerant, ignorant und für einen so bedeutenden Kirchenmann unwürdig." Wer so wenig von Kunst und Kultur verstehe, solle darüber keine großen Reden halten.
Meisner: Vorwurf ist absurd
In einer Mitteilung des Erzbistums Köln zu den Vorwürfen wies Meisner darauf hin, dass er sich nicht den Sprachgebrauch der Nazis zu eigen gemacht habe. Wenn die kritisierte Aussage im Gesamtzusammenhang der Predigt gesehen werde, könne ein solcher Vorwurf nur als absurd bezeichnet werden. Die Ideologie und das Kunstverständnis der Nationalsozialisten lägen ihm völlig fern.
Der Kölner Generalvikar Dominik Schwaderlapp verteidigte Meisners Äußerung. "Wer dieses einzelne Wort isoliert und Assoziation des Nationalsozialismus dem unterlegt und damit dem Kardinal vorwirft, dass er dieses Vokabular oder dieses Denken benutzt, dann kann ich dies nur in aller Schärfe zurückweisen", erklärte Generalvikar Dominik Schwaderlapp am Wochenende im domradio. Nichts liege dem Kardinal ferner als das nationalsozialistische Gesellschaft- oder Kulturbild.
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