Kirche gedenkt Missbrauchsopfern in Gottesdiensten: Zollitsch räumt Fehler der Kirche ein
zuletzt aktualisiert: 02.04.2010 - 09:18Freiburg (RPO). Die katholische Kirche will in den Karfreitags-Gottesdiensten den Opfern des Missbrauchsskandals gedenken. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, hat erneut Fehler der Kirche eingeräumt. Man habe den Opfern nicht genug geholfen. In NRW häufen sich die Austritte aus der katholischen Kirche.
Die Nachrichten über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und andere Mitarbeiter erfülle die Kirche "mit Trauer, Entsetzen und Scham", erklärte der Erzbischof in einer Mitteilung, die seine Diözese am Freitag verbreitete. Es erschüttere die Kirche, "welches Leid den Opfern zugefügt wurde, die oft über Jahrzehnte hinweg ihre Verletzungen nicht in Worte fassen konnten", erklärte Zollitsch. "Es wurden Wunden gerissen, die kaum mehr zu heilen sind."
Durch die Enttäuschung "über das schmerzliche Versagen der Täter und aus falsch verstandener Sorge um das Ansehen der Kirche" sei "der helfende Blick für die Opfer" in der Vergangenheit "nicht genügend gegeben" gewesen, räumte Zollitsch ein. Dieser "leidvollen Realität" müsse sich die Kirche stellen. Der Erzbischof verwies zugleich aber auch auf die "andere gesellschaftliche Situation", in der die Kirche nicht genug für die Opfer getan habe.
Neuanfang an Karfreitag
Der Karfreitag könne für die Kirche nun "zu einem Neuanfang werden, den wir alle so dringend benötigen", erklärte Zollitsch. Die katholische Kirche in Deutschland wird derzeit von einem Skandal über Misshandlungs- und Missbrauchsfälle in ihren Kinder- und Jugendeinrichtungen erschüttert, die meist über Jahrzehnte verschwiegen worden waren. Fälle von Missbrauch gab es darüber hinaus auch in nicht-kirchlichen Einrichtungen.
In den Karfreitags-Gottesdiensten sollte am Freitag in vielen Bistümern eine besondere Fürbitte für die Missbrauchsopfer gesprochen werden. Den Text hatte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, vorgeschlagen. Darin wird unter anderem für die Kinder und Jugendlichen gebetet, denen "in der Gemeinschaft der Kirche großes Unrecht angetan wurde, die missbraucht und an Leib und Seele verletzt wurden".
Zahl der Kirchenaustritte in NRW steigt
Als Reaktion auf die Missbrauchsskandale wenden sich offenbar zunehmend mehr Menschen in Nordrhein-Westfalen von der katholischen Kirche ab. Allerdings gibt es keine flächendeckende Austrittswelle, wie eine ddp-Umfrage ergab. Amtsgerichte und Bistümer warnen vor voreiligen Schlussfolgerungen. Sie sehen die Austritte eher wirtschaftlich begründet und weniger als Folge der fast täglich neu publik werdenden sexuellen Übergriffe auf Kinder durch Priester.
In der Bistumsstadt Köln verzeichnete das Amtsgericht im März 601 Austritte und damit mehr als doppelt soviel wie im Februar (261). Verglichen mit dem Vorjahresmärz waren es 177 mehr. Amtsrichter Jörg Baack merkte jedoch an, dass die Beweggründe nicht bekannt seien, da der Austritt nicht begründet werden müsse.
Sein Düsseldorfer Kollege Stefan Coners berichtete, Sachbearbeiter bekämen seit drei Wochen immer öfter die Empörung über die Missbräuche zu hören. In der Landeshauptstadt waren die Austrittszahlen von 104 im Februar auf 110 im März gestiegen. Coners Einschätzung nach kündigten die meisten Menschen ihre Kirchenmitgliedschaft nach wie vor insbesondere, um die Kirchensteuer zu sparen.
Auch im Wallfahrtsort Werl kehren mehr Menschen der Kirche den Rücken zu. In den ersten zweieinhalb Monaten zählte das Amtsgericht 47 Austritte, sagte dessen Direktor Hans-Joachim Berg. Im Jahr 2009 seien es insgesamt 120 gewesen. Mit den aktuellen Skandalen habe dies aber offenbar wenig zu tun, wandte er ein. Entscheidender dürften finanzielle Gründe sein, denn zwei große Firmen im Ort ließen kurzarbeiten.
Von "deutlich mehr Austritten" spricht das Amtsgericht der Bistumsstadt Münster. Dort verließen zwischen Mitte Februar und Mitte März 137 Menschen die katholische Kirche - gegenüber 121 im Vorjahreszeitraum. Keine Zahlen liegen aus Aachen vor.
Rückläufig ist der Mitgliederschwund hingegen in Paderboren und im Kreis Wesel. In der niederrheinischen Region traten seit Jahresbeginn 57 Menschen aus, im Vorjahreszeitraum waren es 63, wie Amtsgerichtsdirektorin Margarete Funken-Schneider sagte. Im Ruhrbistum und in Bonn blieb der Mitgliederverlust auf Vorjahresniveau. Auch die katholischen Jugendverbände seien von spürbaren Austritten verschont geblieben, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands Katholischer Jugendverbände, Dirk Tänzler.
Die mancherorts gestiegenen Austrittszahlen sind nach Ansicht des Kölner Erzbistums keineswegs eine unmittelbare Reaktion auf die Missbrauchsfälle. Referentin Patricia Jungnickel sagte, der Entscheidung zum Austritt gehe oft eine reifliche Überlegung voraus, ein längerer Prozess der persönlichen Entfremdung von der Kirche. Die Missbrauchsskandale seinen allenfalls der Auslöser zu diesem Schritt.
Gläubige suchen den Kontakt
Das Bistum erreichten jedoch Anrufe, Briefe und E-Mails von Gläubigen, wenn auch "nicht wäschekorbweise". Geprägt seien diese von Zorn, Ärger und ohnmächtiger Enttäuschung. "Es ist nicht zu übersehen, dass viele Menschen derzeit an ihrer Kirche leiden", räumte Jungnickel ein und fügte hinzu: "Solange Menschen uns wütende Briefe schreiben, bleiben sie ihm Gespräch mit uns - das ist besser, als still zum Amtsgericht zu gehen".
Beim Ruhrbistum hingegen ist "nicht einmal eine Handvoll Reaktionen" eingegangen, wie Sprecher Ulrich Lota sagte. In der Debatte um den Holocaust-Leugner Richard Williamson habe es "mehr und heftigere Beiträge" gegeben. "Noch ist es aber zu früh, über die Auswirkungen der Missbrauchsskandale zu sprechen", sagte er. In Austritten werden sich diese seiner Prognose nach aber sicher weniger widerspiegeln. "Vielmehr ist zu befürchten, dass in der Jugendarbeit die notwendige Unbefangenheit im Umgang zwischen Betreuern und Kindern Schaden nimmt", sagte Lota.
Auch in ebrlin hat die Zahl der austritte deutlich zugenommen. "Es gibt einen signifikanten Anstieg an Kirchenaustritten", sagte eine Sprecherin der Senatsjustizverwaltung auf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp. Dies habe eine stichprobenartige Umfrage bei den Amtsgerichten ergeben. Demnach wurden im Bezirk Schöneberg allein bis Mitte März 135 Austritte aus der katholischen Kirche verzeichnet. Normalerweise treten dort im gesamten Quartal etwa 100 Kirchenmitglieder aus.
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