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Brüssel/Düsseldorf
Die EU knipst dem Witz das Licht aus
Brüssel/Düsseldorf. 2012 war ein finsteres Jahr für die europäische Humor-Kultur: Mit dem endgültigen Glühbirnen-Verbot hat die EU einer der produktivsten Witzkategorien die Basis geraubt. Von Ulli Tückmantel

Welcher gute Witz fällt Ihnen spontan zum Thema "Energiesparlampen" ein? Okay, sagen wir: bei längerem Nachdenken? Trösten Sie sich: Es gibt keinen. Niemand lacht über Energiesparlampen. Was ist schon lustig daran, im Baumarkt mit blutunterlaufenen Augen und Tränensäcken wie Einkaufstüten vor Regalmetern voller Kompaktleuchtstofflampen, Halogenbirnchen, Leuchtstoffröhren und LED-Funzeln verzweifelt Lumen- und Watt-Werte umzurechnen, wo man früher einfach die passende Birne aus dem Regal nahm? Eben. Nichts.

Die Energiesparlampe ist ungefähr so lustig wie der Busfahrplan von Hannover und das Telefonbuch von Bad Salzuflen. Aber was haben wir über die Glühbirne gelacht: "Wie viele Punk-Musiker braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Fünf. Einer hält die Birne fest, und die vier anderen saufen, bis der Raum sich dreht." Oder der: "Wie viele FDP-Politiker braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Keinen. Falls die Birne wirklich gewechselt werden muss, werden die Kräfte des Marktes das schon regeln." Einen noch: "Wie viele Fischer benötigt man, um eine kaputte Glühbirne auszuwechseln? Vier. Einen, der die Glühbirne auswechselt, und drei, die prahlen, wie groß die alte war, und erst die, welche sie ausgetauscht hätten, wenn sie nicht entwischt wäre".

Über Glühbirnen-Witze haben wir in Wahrheit nicht wegen der Glühbirnen gelacht, sondern weil der Austausch einer Glühbirne nun wirklich das Gegenteil vom Wechsel einer Energiesparlampe war, nämlich das Einfachste auf der Welt: Rausdrehen, reindrehen, fertig, so wie die GSG 9 Geiseln befreit und Männer Schuhe kaufen. Die Witzstruktur ist entsprechend simpel. Frage: "Wie viele XY braucht man, um eine Glühlampe zu wechseln?" Antwort: "Menge Z - Z-1 schraubt, die anderen Z-diverse tun irgendetwas (möglichst Sinnloses)." Weil es im Glühbirnen-Witz von dieser Struktur kaum Abweichungen gibt, ist er wie kaum ein zweiter geeignet, der diebischen Freude an Vorurteilen gegenüber Berufs- und Sozialgruppen Ausdruck zu verleihen.

Aufgrund seiner Intention, beliebte Vorurteile über bestimmte Personengruppen in der Pointe auf die Spitze zu trieben, einigen berufsmäßige Verblödung, anderen Naivität, professionelle Ineffizienz oder teils unspezifische, aber besonders unvorteilhafte Eigenschaften zu unterstellen, hat es der Glühbirnen-Witz in Deutschland immer schwerer als in anderen europäischen Ländern gehabt, wo man sich vor dem Lachen selten einer intensiven Selbstbefragung über die politische und geschlechtliche Korrektheit des eigenen Humors unterzieht. Beispiel: "Wie viele Heterosexuelle aus Köln benötigt man, um eine kaputte Glühbirne auszuwechseln? Alle beide." Oder: "Wie viele Kommunisten benötigt man, um eine Glühbirne auszuwechseln? 40. Einer tauscht die Birne aus, die übrigen 39 verteilen Flugblätter und fordern die werktätigen Massen zu Solidaritäts-Aktionen auf." Und so ist es kein Wunder, dass die größte internationale "lightbulb joke"-Internetseite in England beheimatet ist. Auch ein französischer Glühbirnen-Witz käme den Deutschen höchstens über innerdeutsche Randgruppen wie Ostfriesen oder Bayern über die Lippen, obwohl die Holländer ihn auf jeden Fall verdient hätten: "Wie viele Belgier benötigt man, um eine Glühbirne zu wechseln? Das ist gleichgültig, bis die fertig werden, ist es ohnehin wieder hell."

Und niemals käme der deutschen Lustigkeit ein Witz in den Sinn, wie: "Wie viele Iraner benötigt man, um eine Glühbirne auszuwechseln? 100. Einer schraubt die Birne raus, die übrigen 99 nehmen das Haus als Geisel." Vielleicht im Rahmen eines Kabarett-Programms würde der deutsche Durchschnitts-Lacher – unter Vorbehalt – gerade noch diesen Berufsgruppen-Witz mittragen können: "Wie viele Sozialarbeiter braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Nur einen, aber die Glühbirne muss auch wirklich wollen."

Oder aus Freude an der Selbst-Kasteiung über diesen: "Wie viele Protestanten braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Keinen, sie fühlen sich schuldig und akzeptieren die Dunkelheit als gerechte Strafe." Von all diesen schmunzelnden Schmähungen wird bald nicht mehr viel übrig bleiben. Dann sitzt Europa im trüben Schein mäßig leuchtender Energiesparlampen; immerhin kann man in der funzeligen Beleuchtung die geplanten Schockbilder auf Zigaretten-Schachteln kaum erkennen. Im Ergebnis hat Europa bloß wieder einmal weniger zu lachen und einen Grund mehr, sich einen auf die Lampe zu gießen.

Quelle: RP
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