Inge Meysel feiert Geburtstag: Die "Mutter der Nation" wird 90
zuletzt aktualisiert: 30.05.2000 - 15:34Hamburg (AP). Abwehrend hebt sie die Hände. "Ich kann es nicht mehr hören", sagt Inge Meysel, wenn ihr jahrzehntelanges Anhängsel "Mutter der Nation" angesprochen wird. Das klinge nach "Volksschauspielerin" und habe "etwas Degradierendes", außerdem verstehe sie sich so überhaupt nicht. In der Tat sorgte Meysel, die am 30. Mai ihren 90. Geburtstag feiert, in den letzten Jahren eher für Furore mit öffentlichen Bekenntnissen zu ihrer Bi-Sexualität.
Dem entsprechend bunt und gegensätzlich ist die Liste der Meinungen über die immer noch rüstige Schauspielerin. Stets schaffte sie es, als Mischung zwischen Kratzbürste und Goldherz die Zuschauer zu erobern. Sie nimmt kein Blatt vor dem Mund, sagt sie über sich selbst. Während andere in ihrem Alter die Rente genießen, steht die gebürtige Berlinerin immer noch vor der Kamera. Im Herbst plant Meysel schon wieder einen neuen Film. Im Frühjahr hatte sie gerade die Hauptrolle in der Romanverfilmung "Die blauen und die grauen Tage" zusammen mit Susanne Lothar abgedreht.
Inge Meysel wuchs als Tochter einer Dänin und eines deutschen Tabakwarenhändlers in Berlin auf. Ihr Vater musste sich als Jude während der Nazi-Herrschaft zeitweise verstecken. Die junge Meysel wurde nach ihrer Ausbildung an einer Schauspielschule trotz erster Angebote in Leipzig und Berlin mit einem Auftrittsverbot belegt. Nach dem Krieg spielte sie am Hamburger Thalia Theater und später auch am Schauspielhaus. Vorwiegend verkörperte sie damals Salondamen in Boulevardstücken. Seitdem wohnt sie auch in der Hansestadt, hat aber immer noch einen Zweitwohnsitz in Berlin.
Während der Ehe mit ihrem zweiten Mann, dem Regisseur John Olden, drängte sie in Charakterrollen, und wenig später eroberte sie das Fernsehen. Ihren Durchbruch schaffte sie 1959/60 in dem Stück "Das Fenster zum Flur" als Portiersfrau mit hohen Ambitionen für ihre Kinder. Diese Rolle brachte ihr später den Ruf als "Mutter der Nation" ein. In den letzten 35 Jahren hat Meysel in mehr als 100 Fernsehproduktionen gespielt, darunter ihre Paraderolle als Putzfrau "Ada Harris". Oft waren es resolute Frauengestalten mit rauer Schale, die sie treffend darstellen konnte. Sie überzeugte aber ebenso in verbitterten und gefühlskalten wie auch in freundlichen und komödiantischen Rollen.
Sympathie für PDS und Angela Marquardt
Einprägend war vor allem ihr leidenschaftlicher Widerspruchsgeist, nicht nur auf der Bühne. 1978 klagte sie gemeinsam mit Alice Schwarzer und Luise Rinser über die "Darstellung der Frau als bloßes Sexualobjekt" gegen das Magazin "Stern". 1991 machte sie Werbung als Mitglied für den Verein "Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben". Auch ihre Sympathie für die SED-Nachfolgepartei PDS hat die Schauspielerin nie verleugnet. Mit der 28-jährigen PDS-Abgeordenten Angela Marquardt, der sie zeitweilig das Studium finanziert haben soll, verbindet Meysel bis heute eine enge Freundschaft.
Seit dem Tod ihres zweiten Mannes 1965 lebt die Wahlhamburgerin allein. "Ich hätte niemand neben mir im Bett geduldet." Fit hält sie sich übrigens nach eigenem Bekunden mit Turnübungen im Bett und Spaziergängen auf dem Deich. "Und ich schwimme noch sehr gut", sagt sie forsch. Gymnastik hingegen sei nicht ihre Sache. Von einem Hobby aber könne sie gar nicht die Finger lassen: "Ich telefoniere manchmal bis spät in die Nacht. Nur bei unsympathischen Menschen bringe ich eine Ausrede. Dann sage ich: Ich bin heiser oder habe keine Zeit."
Langsam mache ihr aber auch das Alter zu schaffen. "Ich habe schon Schwierigkeiten mit Erinnerungen", räumte Meysel freimütig bei der Vorstellung ihres letzten TV-Filmes ein. Ans Aufhören denkt das Energiebündel trotzdem nicht. Auch über den Tod spricht sie in ihrer flapsigen Art immer mit einem Augenzwinkern: "Ich warte nicht ab, bis ich umfalle. Ich habe eine Versicherung, die zahlt auch bei Selbstmord."
Ihren 90. Geburtstag will sie mit Produzent Markus Trebitsch und seiner Familie feiern. Trebitsch kennt sie schon seit 30 Jahren, er hat dutzendweise Filme mit ihr gedreht.
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