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Düsseldorf
Die neue Tanzbewegung

Düsseldorf. Standardtanz wurde bei Jugendlichen zusehends unbeliebter. Nun sind die Tanzschulen wieder gut besucht. Auch für Kinder gibt es immer mehr Angebote. Bei den Erwachsenen ist Stepptanz und Swing angesagt. Von Lisa Kreuzmann

"Was habe ich euch über den Hosenstall gesagt?", fragt der Düsseldorfer Tanzlehrer Marc Heldt seine Kursteilnehmer. "Der muss zu sein", antwortet Bernd Winkelmann aus Köln. Die Lacher hat er damit auf seiner Seite, die richtige Antwort war es aber nicht. In der Tanzschule Dresen in der Düsseldorfer Innenstadt wird "West Coast Swing" getanzt. Dabei kommt es auf eine gerade Körperhaltung an, die Hüfte sollte nicht wie beim Salsa in die Schieflage geraten. "Der Hosenstall muss vertikal zwischen den Beinen stehen." Das ist die Antwort, die Tanzlehrer Marc Heldt hören wollte. Bernd und Gabi Winkelmann haben vorher lateinamerikanische Tänze getanzt. Beim "West Coast Swing" gefällt ihnen besonders, dass jeder so sein kann, wie er will. Der Tanz aus Kalifornien liegt in Düsseldorf gerade voll im Trend.

Dabei galten Tanzkurse lange Zeit als alles andere, nur nicht sexy. Bei der Tanzschule dachten die meisten an unsichere Teenager, blitzende Zahnspangen und gequetschte Zehen. Tanzen wurde bei Jugendlichen zunehmend unbeliebter, sagt Margret Hey vom Tanzlehrerverband Nordrhein-Westfalen. Doch wie bei allem, was sich einmal bewährt hat, schwappt auch die Tanzwelle zurück. Einiges ist bei der neuen Tanzbewegung jedoch anders. Lernten die Großeltern noch ihre zukünftigen Lebenspartner in der Tanzschule kennen, erfahren ihre Enkel heute, wie man in Führung geht - und sei es nur beim Disco Fox. Tanzlehrer beobachten: Die Jugend ziehe es heute vor allem der Karriere wegen in die Tanzkurse. Junge Leute seien deshalb wieder am Tanzschuljahr interessiert, um gute Umgangsformen für den Beruf zu lernen, sagt die Sprecherin vom Tanzlehrerverband NRW. Viele Arbeitgeber würden sich schließlich wünschen, dass ihre Angestellten bei der Weihnachtsfeier nicht bloß an der Theke stünden. Die Tanzschulzeit ist also längst mehr als nur Geselligkeit, sondern Investition in die Zukunft.

"Es ist ein Auf und Ab mit dem Tanzen", sagt Margret Hey. Neu sei jedoch auch, dass Tanzen heute bei allen Altersgruppen gleichermaßen beliebt sei, sagt Marc Heldt. Während vor allem Paartanz vor wenigen Jahren noch etwas für die ältere Generation war, fangen die Kurse heute bereits im Vorschulalter an. Entsprechend groß ist das Angebot im Land: Mit 300 Tanzschulen liegtfast die Hälfe der Schulen Deutschlands, die über den Allgemein Deutschen Tanzlehrerverband organisiert sind, in Nordrhein-Westfalen, sagt Koordinatorin Margret Hey.

In Düsseldorf boomt außerdem das "Tanzhaus NRW", ein Konzept, das in Europa fast einmalig ist. Das Tanzhaus in einem sanierten Straßenbahndepot wird von der Stadt Düsseldorf und dem Sportministerium des Landes sogar eigens gefördert, mit dem Auftrag, zeitgenössische Tanzkunst als Kulturgut zu wahren. Hier kann man also nicht nur Tanzshows ansehen, sondern in der angeschlossenen Akademie auch selbst die Steppschuhe schnüren. Neben dem "West Coast Swing" sei nämlich auch Stepptanz gerade sehr beliebt, sagt Dorothee Schackow, Leiterin der Akademie im Tanzhaus.

Das Besondere am "West Coast Swing" jedoch, sagt Tanzlehrer Marc Heldt, sei, dass man den Swing zu jeder Musik tanzen könne. Damit werde eine Lücke geschlossen. Den "West Coast Swing" kann man etwa zu Clubbeats genauso wie zu Hip Hop tanzen - und das paarweise und nicht nur in der Formation. Der Reiz bestünde aber auch darin, sagen die Kursteilnehmer in der Tanzschule Dresen, dass es keine festen Tanzpartner gebe. Viele kämen daher auch ohne Begleitung. Die Swing-Community wachse stetig. In Europa sind die Franzosen vorne dabei. Aber auch in Budapest gebe es eine große "West Coast Swing"-Szene.

Zudem seien alle urbanen Tanzstile weiterhin "absolut im Trend", sagt Dorothee Schackow. Der Breakdance boome, bestätigt auch Margret Hey, die eine Tanzschule in der Nähe von Bielefeld betreibt. Spätestens seit Musikvideos in den 1990er Jahren junge Fernsehzuschauer anzogen, sind die Hip Hop-Tanzkurse voll. Und dann kam Detlef D! Soost, Choreograph bei der Casting-Show "Popstars", und tanzen zu können, war für das Musikgeschäft auf einmal genauso wichtig wie die Musik selbst. Auch Shows wie "Let's Dance" kurbelten die Lust an der rhythmischen Bewegung noch einmal ordentlich an. "Tanz ist körperliche und geistige Herausforderung", sagt Akademie-Leiterin Dorothee Schackow. "So viele haben den Wunsch, sich zu bewegen und etwas Gutes für Körper und Seele gleichzeitig zu tun", weiß sie.

Der neueste Trend könnte dem Disco Fox allerdings nicht ferner sein: Beim "Voguing" werden die kantigen und schnellen Bewegung der Laufstegmodels aufgegriffen und auf die Spitze getrieben. Sei wer du willst, lautet das Credo der neuen Tanzbewegung. Tanzen soll frei machen.

Quelle: RP
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