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Montréal
Die Traumfabrik

Montréal. Ab Mitte November gastiert der "Cirque du Soleil" in Düsseldorf. Ein Besuch im Hauptquartier in Kanada. Von Emily Senf

Wenn Kyle Cragle seine Handflächen auf den Boden stützt und die Beine in die Luft hebt, ist der 20-Jährige in seinem Element. Dann winkelt er die Unterschenkel an, mal macht er einen Spagat, und plötzlich verdreht er sich in der Mitte seines Oberkörpers so, dass es aussieht, als hätte er keine Knochen - alles kopfüber und dabei noch munter lächelnd. Zumindest die Motivation für Letzteres ist nachvollziehbar: Der junge Mann aus Houston, Texas in den USA lebt seinen Kindheitstraum. Er ist Artist beim "Cirque du Soleil" (CDS). Heute wird er das erste Mal bei einer Show auf der Bühne stehen.

Jahrelang hat sich Cragle auf diesen Moment vorbereitet: Bereits als Neunjähriger habe er gewusst, dass er einmal mit dem CDS auf Tour gehen würde, berichtet er, seine Augen leuchten. Zwei Jahre zuvor hatte er mit dem bei Jungen doch eher unbeliebten Gymnastiktraining angefangen. "Es war schnell klar, dass das mein Ding ist", sagt er.

Um seinen Traum wahrwerden zu lassen, nahm Cragle Opfer in Kauf. Mit nur 15 Jahren verließ er seine Heimat und besuchte fortan die weltbekannte Nationale Zirkusschule in Montréal, Kanada - ohne ein einziges Wort Französisch zu sprechen. "Das war hart", erinnert er sich. Vor wenigen Monaten machte er seinen Abschluss, der CDS hatte ihn da schon entdeckt. "Er ist ein wunderschöner Rohdiamant", sagt seine Trainerin Hélène Lemay. Wochenlang hat sie ihn im CDS-Hauptquartier in Montréal auf seinen Auftritt vorbereitet. Bei seiner Premiere in Santo Domingo in der Dominikanischen Republik wird Cragle - verkleidet als Libelle - in der dort gastierenden Show "Ovo" eine Solonummer zeigen.

Das Hauptquartier des CDS ist in Montréal tief verwurzelt. 1997 wurde es in Saint-Michel, einem Problemviertel, gegründet. "Es sollte den Menschen Hoffnung machen", sagt Sprecher Olivier Fillion Boutin, der gerade mit dem Team der neuesten Show "Amaluna" durch Europa tourt. Heute sind dort rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt, etliche aus der Umgebung, andere vor allem aus den USA und Europa. 1300 Artisten sind permanent weltweit auf Tour unterwegs. Der Jüngste ist 15, der Älteste - ein Clown - fast 70 Jahre alt.

Auf den Besucher wirkt das Hauptquartier wie eine Fabrik. Das große, eckige, eher graue Gebäude ist modern, funktional und bietet seinen Abteilungen viel Platz. Unter den Augen von Valerie Desjardins etwa entstehen auf einer der Etagen Kostüme, Accessoires, Masken und Hüte sowie Schuhe für die Artisten und Showmitglieder. Rund 16.000 Einzelteile hat sie dafür im Lager, darunter Federn, Plastikkugeln, künstliche Blumen und echte Swarovski-Steine, alles ordentlich nach Größe und Farbe sortiert. Bei den Stoffen kann sie zwischen 10.000 verschiedenen wählen. "Wir passen alles so an, dass es gut aussieht, aber für den Artisten auch bequem ist", sagt Desjardins. Dafür ist der CDS auch auf dem neusten technischen Stand: Statt wie früher für die Herstellung von Masken einen Gipsabdruck des Kopfes zu nehmen, werden die Künstler heute mit dem Computer vermessen. Der 3D-Drucker liefert das Modell in Originalgröße.

In der Etage darunter sitzt die Rumänin Eleni Uranis, vor sich große Spiegel und helle Glühbirnen. Sie war Kostümbildnerin, schwenkte vor zwölf Jahren aber in die Maske um. "Ich habe herausgefunden, dass ich sehr gerne male", sagt die 57-Jährige und grinst. Sobald für eine Rolle das Kostüm feststeht, entwirft sie das Make-up - und bringt den Künstlern bei, wie sie sich selber schminken. "Am Anfang brauchen sie dafür mehrere Stunden, nach einer Weile geht es ganz schnell", sagt sie.

Die Entwicklung des Zirkus' war enorm: Denn gegründet haben ihn die Kanadier Daniel Lamarre und Guy Laliberté Anfang der 80er Jahre als kleine Varieté- und Straßentheatergruppe in der Provinz Québec. Vor der ersten richtigen Show im Juni 1984 ließen Regen und Wind das Zirkuszelt zusammenbrechen. Doch die beiden gaben nicht auf. Ihre erste Übersee-Tour, "Saltimbanco", startete 1992 in London, danach in Paris und Amsterdam. "Das war der Durchbruch", sagt Fillion Boutin. Es folgten weitere Shows, aber "Saltimbanco" wurde erst nach 19 Jahren eingestellt.

Auch andere Shows touren mehrere Jahre, und sie verändern sich im Laufe der Zeit. "Was nicht überzeugt, fliegt raus", sagt Denise Biggi, die beim CDS für die Qualität der Auftritte zuständig ist. Das bedeutet: "Ich reise durch die Welt, gucke mir unsere Shows an und entscheide, was wir verändern müssen", sagt die 63-jährige gebürtige Pariserin. Das kann wahrlich alles sein: Make-up, Kostüme, Musik, Licht und manchmal sogar die Artisten selbst. "Wir wollen immer das Bestmögliche zeigen", sagt Biggi. Auch in Düsseldorf wird sie die Show zwei Wochen lang kritisch begleiten.

Der junge Artist Cragle wird nur eine Woche in der Karibik bleiben. Danach geht es auf Tour durch Kanada, die USA und Europa, 18 Monate lang. "Endlich", sagt er.

Quelle: RP
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