Dammbrüche in Bayern, Sachsen und Österreich: Dramatische Lage in Sachsen
zuletzt aktualisiert: 12.08.2002 - 20:57Traunstein/Wien (rpo). Unwetter toben weiter über Deutschland und Niederösterreich. Vor allem in Sachsen hat sich die Lage nach einem Dammbruch dramatisch zugespitzt. Zwei Menschen wurden von den Fluten eines Hochwasser-Flusses mitgerissen.
Wegen der starken Regenfälle ist am Montagabend auch für Dresden Katastrophenalarm ausgerufen worden. Grund sind drohende Überflutungen durch die Weißeritz und den Gerberbach, hieß es. Am Dienstag fällt der Unterricht an allen Schulen aus, teilte die Stadtverwaltung mit.
In weiten Teilen Deutschlands und in einigen Nachbarländern ist noch kein Ende des Hochwasser-Chaos in Sicht. Bis zum Montagabend starben durch die Fluten in den betroffenen deutschen Regionen, in Österreich und in Tschechien zahlreiche Menschen. Die Wassermassen überfluteten tausende von Kellern und Straßen, verwüsteten Landstriche und verursachten Millionenschäden.
Besonders schlimm traf es am Montag das Erzgebirge und den bayerischen Landkreis Traunstein. In Passau wurde ein neues Rekord- Hochwasser erwartet. In Dresden brach eine ältere Frau tot zusammen, nachdem sie mit einem Eimer Wasser aus ihrem Keller schöpfen wollte. In Mecklenburg-Vorpommern starb eine 30 Jahre alte Polizistin bei einem Hochwassereinsatz.
Während sich in Nieder- und Oberösterreich die Situation entspannte, kämpfte Salzburg mit den Wassermassen. In der Region starben zwei Menschen. Auf der österreichischen Donau musste die Schifffahrt eingestellt werden. Die Lage sei so kritisch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, hieß es von den Behörden in Wien. Für mehrere Regionen in Ostdeutschland wurden am Montag erneut Unwetterwarnungen ausgegeben.
In Bayern, Sachsen und Thüringen galt in einigen Orten Katastrophenalarm. In Traunstein war ein Stadtteil überflutet. Die Behörden in Passau ließen die aufgestellten Stege wieder abbauen, weil am Montagabend Teile der Innenstadt nur noch über Boote erreichbar sein sollten. Im Erzgebirge führte ein schweres Unwetter mit Zentrum über dem Flöhatal zu Überflutungen. Das Flüsschen Schweinitz, das sonst 1,50 Meter breit ist, schwoll an der Grenze zu Tschechien auf 100 Meter an.
Im Kampf gegen das Hochwasser hat die tschechische Regierung am Montagabend für fünf Bezirke den Notstand ausgerufen. Binnen einer Woche starben dort sieben Menschen wegen der Fluten. In Prag hieß es "Land unter". In Südböhmen mussten viele Ortschaften evakuiert werden. Besonders im Raum Prag, Plzen (Pilsen), Karlovy Vary (Karlsbad) sowie in Mittel- und Südböhmen herrsche eine besondere Bedrohung für Gesundheit und Eigentum der Bewohner, sagte Ministerpräsident Vladimir Spidla im Rundfunk. Der Notstand gelte vorerst bis 22. August.
In den Notstands-Bezirken können die Behörden nun die Rechte der Bewohner beschränken, falls dies im allgemeinen Interesse ist. Nach dem Unwetter an der russischen Schwarzmeerküste gelten noch etwa 300 Anwohner und Urlauber als vermisst.
In Österreich traf das Jahrhunderthochwasser Salzburg: Sandsäcke wurden abgefüllt und an die Bevölkerung verteilt. Kleine Bäche verwandelten sich wieder zu reißenden Strömen. Schwere Regenfälle setzten die Stadt Steyr westlich von Wien unter Wasser.
Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) warnte am Montag angesichts des fortschreitenden Klimawandels vor einer Zunahme der Wetterkatastrophen auch in Europa. Ein Zusammenhang zwischen globaler Erwärmung und Wetterkatastrophen sei zwar wissenschaftlich noch nicht bewiesen, von ihm müsse aber ausgegangen werden, sagte Trittin. Dann "müssen wir damit rechnen - wenn wir den Klimawandel nicht stoppen - dass diese Wetterphänomene häufiger auftreten". Wegen der Ernteverluste müssen Verbraucher in Deutschland mit höheren Gemüsepreisen rechnen, berichteten Agrarexperten.
Sieben Tote in Tschechien
Die Hochwassersituation in Tschechien hat sich am Montag nach heftigem Regen weiter verschärft und ein siebtes Todesopfer gefordert. In Mittelböhmen ertrank ein 55-jähriger Mann in einem Fluss. Zuvor waren bereits sechs Menschen wegen der Fluten ums Leben gekommen. Im westlichen Landesteil Böhmen wurde an vielen Stellen, darunter in Prag, die höchste Stufe der Hochwasserwarnung ausgerufen. Im südböhmischen Bezirk Ceske Budejovice (Budweis) wurde nach einem allgemeinen Stromausfall der Notstand ausgerufen. Hier halfen etwa 500 Soldaten bei der Evakuierung zahlreicher Ortschaften. In der nordböhmischen Grenzregion zu Sachsen erreichte der Pegelstand der Elbe am Abend fast die Sechs-Meter-Marke.
Innenminister Stanislav Gross verglich die Situation mit dem verheerenden Hochwasser von 1997. Damals waren in Tschechien und Polen etwa 100 Menschen ertrunken. Ministerpräsident Vladimir Spidla bestellte am Abend einige Minister zu einer Sondersitzung ein und sprach von einer "dramatischen Situation". Aus dem Sitz des tschechischen Parlaments wurden am Montag zahlreiche wichtige Dokumente in Sicherheit gebracht. Der nahe der Moldau stehende Prager Zoo brachte einige Tiere in ein weiter entferntes Lager, und auch ein Krankenhaus begann am Abend mit einer Teilevakuierung. Nachdem die Moldau in der tschechischen Hauptstadt am Mittag einen neuen Höchststand erreicht hatte, sperrte die Polizei unter den Augen zahlreicher Touristen weite Teile der Uferstraßen. "Auf Grund der Vorhersagen müssen wir vorbereitet sein, die schlimmsten Überschwemmungen seit 50 Jahren zu erleben", sagte Oberbürgermeister Igor Nemec.
Wegen sperriger Geröllmassen mussten am Montag zahlreiche deutsch- tschechische Grenzübergänge gesperrt werden. Von einem überschwemmten Grenzwanderweg hätten Feuerwehrmänner zwei Frauen retten müssen, berichtete der Prager Rundfunk. In der nordböhmischen Grenzstadt Brandov fluteten anschwellende Bäche und Flüsse innerhalb weniger Stunden den Wochenmarkt sowie Restaurants und Parkplätze. In den südböhmischen Städten Ceske Budejovice (Budweis), Cesky Krumlov (Krumau) und Prachatice (Prachatitz) waren Straßen und Keller fast ausnahmslos überschwemmt. Zahlreiche Bewohner mussten mit Armee- Hubschraubern aus umspülten Häusern befreit werden. Die Universität in Ceske Budejovice stellte Studentenwohnheime für Hochwasseropfer zur Verfügung. Zeitungen schätzten den bisherigen Schaden des jüngsten Hochwassers auf umgerechnet mehr als 32 Millionen Euro.
Sonne kehrt nach Italien zurück
Die Unwetter-Front, die am Wochenende in ganz Italien schwere Schäden angerichtet hatte, hat sich am Montag abgeschwächt. Im Großteil des Landes zeigte sich wieder die Sonne. Nur im Süden gingen noch einige Gewitter nieder. Besonders heftige Niederschläge wurden aus der sizilianischen Hauptstadt Palermo gemeldet. Die Fährverbindungen zu zahlreichen Inseln waren wegen der aufgewühlten See teilweise unterbrochen. Nach dem Temperatursturz der vorangegangenen Tage sei ab Dienstag wieder mit Badewetter zu rechnen, hieß es.
Das unbeständige Wetter hat auf der spanischen Ferieninsel Mallorca zu keinem nennenswerten Rückgang der Urlauberzahl geführt. "Vielleicht haben ein paar Touristen wegen des Regens der vergangenen Tage ihre Buchungen rückgängig gemacht", sagte der Präsident des Hotelierverbandes, Pere Cañellas, am Montag in Palma de Mallorca. "Die Zahl der Stornierungen ist jedoch so gering, dass sie nicht ins Gewicht fällt." Die Hotelzimmer auf der Ferieninsel seien im Juli und August bislang zu etwa 92 Prozent belegt gewesen. Die Temperatur von 15,8 Grad war die niedrigste, die in den vergangenen 30 Jahren im August auf Mallorca gemessen wurde. Am Montag war auch dort die Unwetterfront abgezogen, die Temperaturen stiegen wieder.
Die kroatische Adriaküste - von Istrien bis Süddalmatien - wurde am Sonntag von den heftigsten Unwettern seit 100 Jahren heimgesucht, meldete der kroatische Staatsrundfunk HRT am Montag. Auch für Montag waren landesweit neue Regenfälle vorhergesagt. In Griechenland und in der Türkei war es unterdessen extrem heiß. Auf Kreta wurde am Sonntag der Rekordwert von 42 Grad gemessen.
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