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Hamburg
Ein Ehemann mit Ohren-Attrappen

Hamburg. Katja Kessler hat keine Deluxe-Version eines Ehemanns: Denn nur die hat echte Ohren, doch ihr Mann Kai Diekmann hört leider nie zu. Ihre Erkenntnisse über die Liebe und Partnerschaft hat sie mal wieder in ein Buch gepackt. Von Anja Rützel

Das hat man ja gern: Ein naseweises Ratgeber-Buch, das auf der ersten Seite schon in sich zusammenschnurzelt, als habe es sich wie ein lebensüberdrüssiger Luftballon selbst eine Nadel in den aufgepusteten Bauch gerammt: "Wenn du liebst, liebst du. Dann brauchst du kein W-Lan, kein USB-Kabel, kein Bluetooth, um mit dem anderen verbunden und eins zu sein", schreibt Katja Kessler im "Vorspiel" zu "Das muss Liebe sein" - und man denkt man zuerst: Potzblitz! Suchte man doch lange vergeblich an der Lan-Kabel-Einstöpselungsbuchse beim gelegentlich mal abstürzenden und mitunter hochfahrunwilligen Lebenspartner. Und gleich als zweites dann: Wenn das mit der ewigen Liebe so einfach ist, kabelloses Plug and Play, idiotensicher, wie die Autorin selbst schreibt: "Jeder kann Ehe - ohne Kurs, Diplom TÜV-Check" - wozu benötigt man dann die im folgenden Buch verheißenen "54 1/2 Pflegetipps für die glückliche Ehe"?

Wobei: Will man wirklich echt anwendbare Fleck-weg- und patente Wunderwaffe-Gebissreinigertaps-Tipps, wenn man einen Beziehungsratgeber von Katja Kessler liest, seit 15 Jahren Ehefrau von Kai Diekmann, der bis im vergangenen Jahr Chefredakteur der Bild-Zeitung war? Spekuliert der kleine Schmierlapp in uns allen bei der Lektüre nicht doch eher auf semisaftige Details aus dem Kessler-Diekmannschen Ehealltag? Immerhin wird der Gatten-Kai ja schon auf den ersten Seiten kokett angeteasert: "Ich bin ehrlich: Verheiratet sein könnte wirklich toll sein, wenn da nicht mein Mann wäre. Der bringt echt alles durcheinander." Und: "Deswegen hier die Frage an die Industrie und den lieben Gott: Gibt es Ehemänner nicht auch in der lean version? Sie wissen schon: Prinzip Tofu-Schnitzel? Sieht aus wie Ehemann, schmeckt wie Ehemann, aber gesund und bekömmlich?"

Zur Strafe für die daraus erwachsenen gafflustigen Anwandlungen bekommt man auf den folgenden gut 350 Seiten dann, geschieht einem ganz recht: Zahlen. Also, jetzt nicht die exceltabellarische Aufarbeitung besagter Autorinnenehe, sondern eine wilde Mischung von Statisten und Studienergebnissen. Wahnsinnig viele davon hat Kessler in ihr Buch gequetscht, viele davon, um sich als Leserin abgleichen und einordnen zu können: 24 Prozent schwangerer Frauen in einer Beziehung überspringen die Vorstufen Zusammenziehen und Verloben, wenn sie heiraten. Frauen entwickeln wegen Eheproblemen zweimal so schnell Depressionen wie ihre Gatten. Von 100 Frauen steigt nur eine nach dem ersten Treffen mit dem Mann ins Bett, 33 warten einen ganzen Monat damit. Jeder zehnte Mann stört sich nicht daran, wenn seine Frau vor ihm mehr als 30 Sexpartner hat. 32 Prozent aller Paare wollen ihre Hochzeit am liebsten mit 21 bis 50 Gästen feiern. Und Männer, die zwischen 1800 und 3600 Euro für die Verlobungsringe ausgeben, werden mit 1,3 Prozent größerer Wahrscheinlichkeit später vor dem Scheidungsrichter landen als jene mit einem Ringbudget unter 1800 Euro.

Bei der Lektüre dieser Daten fühlt man sich manchmal in verwirrende Matheaufgaben im Stil von "Wenn Hubsi 13 Sachertorten hat und Paule weniger als elf nach Hausmeister Pudlich wirft, der aber noch den Bus erwischen muss, wie viele..." erinnert. Immerhin werden manche Nummern mit anschaulichen Vergleichswerten umflauscht: "Schätzungsweise leben in Deutschland 1,5 Millionen Geliebte. Um mal ein Gefühl für die Zahl zu bekommen: Das ist in etwa die Hälfte aller Alpakas, die durchs südliche Peru laufen."

Das ausführliche Zahlengeklimper bringt reichlich dröge Momente ins eigentlich doch so eierlikörsahne-schaumig aufgeschlagene Schriftwerk ("Während du so unter der Bettdecke liegst und mit deinem Königshasen Eins, zwei, drei - ich komme! spielst...") - zumal der Großteil der Befragungen, anderswo und mit anderen Personen durchgeführt, völlig andere Ergebnisse zeitigen dürfte. Meistens ist eh nicht klar: Woher stammen diese Zahlen, sind das junge Leute, alte Leute, sind es traditionellere Landmenschen oder abgezockte Städter?

Zur Labsal für die wundgerechnete Klatschseele gibt es dann doch immer wieder ein paar sorgsam eingestreute Gossipbrocken aus der Kessler-Ehe: Aufgerissen habe sie ihren Mann seinerzeit ohne große Mühe - es sei völlig ausreichend gewesen zu behaupten, dass sie ebenfalls gerne "Die schöne Frau Seidenman von Andre Schnausipinski" lese. Sie würde ihren Mann sofort gegen eine "Deluxe-Ausführung mit echten Ohren dran" tauschen - ihrer habe wohl nur Ohren-Attrappen und höre deshalb nicht richtig zu. Wenn er "wieder mal rumquakt und stinkig" sei, steige sie nicht in den Streit ein, sondern lege sich einfach in die Badewanne. Und Gatte Kai duscht immer als Zweiter, um dann die Duschkabinenscheiben sorgfältig mit dem Wischer abzuziehen. Sorry, schlüpfriger wird es nicht.

Dafür gibt es ein bisschen Sexfolklore wie die Geschichte des Kondoms, das früher mal eine Fischblase war und nach dem Gebrauch mit Knochenleim ausgebessert wurde. Außerdem Wissenswertes aus dem Tierreich: etwa, dass bei Roten Pandas, Kängurus und Ratten das Männchen nach dem Sexakt die Vagina des Weibchens mit einer Art selbsthärtendem Sekret verplombt, um Nebenbuhler auszusperren, und nützliches Partywissen: "Stark behaarte Männer haben einen weiteren Vorteil: Sie haben weniger Probleme mit Bettwanzen."

Befreit man das Buch von all diesem Füllfleisch, nagt man sich schließlich doch noch bis an das Skelett, die echten Liebes-Tipps, vor. Zum Beispiel: Männe bitte regelmäßig loben, etwa, wenn er gut Auto fährt. Mal zwischendurch ein paar Tage alleine weg fahren, um Sehnsucht zu spüren. Als Mutter auch mal nicht sinnvolle Dinge tun, die ausnahmsweise nicht auf das Familienwohl ausgerichtet sind ("Geh in Ausstellungen des aufstrebenden kongolesischen Künstlers Buhtschi Wulutschi"). Viel zusammen lachen. Gute Betten kaufen (Männer, die besser schlafen, fühlen sich wohler in ihrer Beziehung, haben Wissenschaftler in Arizona herausgefunden. Irre, diese Forschung!). "Bevor du heiratest, halte beide Augen offen. Danach drücke mindestens eines zu!" Den Umgang mit Geschiedenen meiden, weil sie die Hemmschwelle mindern könnten, sich selbst auch zu trennen.

Kesslers patentester Tipp von allen: "Der beste Ehevertrag, den wir Frauen abschließen können, ist einer mit unserem Kopf. Bildet euch, Mädels! Heiraten und sich von ihm aushalten lassen ist wie Hausheizen mit Fernwärme. Selbst ist die Energiequelle!"

Quelle: RP
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