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Rhein
Ein Fluss zum Abheben

Düsseldorf. Rund 40 Zugvogel- und 200 Brutvogelarten leben in den Rhein-Auen - dank milder Witterung und gutem Futterangebot. Von Marion Meyer

Der Flussregenpfeifer verbringt am Niederrhein den Sommer. Typisch für den nur 15 Zentimeter großen, braun-weißen Vogel ist seine Fortbewegung: Seine Beine bewegen sich so schnell, dass es aussieht, als würde er rollen. Er gehört zu den rund 40 Zugvogelarten, die jedes Jahr aus Nordafrika an den Rhein zurückkehren. Genauer: in die Auen des Rheins. Denn dort spielt sich das tierische Leben entlang des Stroms hauptsächlich ab.

Naturschützer arbeiten daran, Schutzgebiete am Rhein auszubauen. Einer von ihnen ist Klaus Markgraf-Maué, Naturschutzreferent und zuständig für die Koordinationsstelle Rhein des Naturschutzbundes NRW (Nabu). "Am unteren Niederrhein gibt es große Feuchtgebiete, das heißt, die dortigen Auen sind häufig überschwemmt", sagt Markgraf-Maué. Deshalb treffe man dort auch auf typische Feuchtgebietsfauna, also vor allem auf Vögel und Amphibien wie Wasserfrösche. Während im Winter Zugvögel dominieren, gehören die Auen im Sommer den Brutvögeln. Etwa 200 Arten findet man insgesamt am Rhein. Arktische Wildgänse rasten dort im Herbst auf ihrem Weg in den Süden und ebenso im Frühjahr zurück nach Norden. "150.000 bis 180.000 Vögel ziehen hier durch, deshalb gibt es am Niederrhein ein international bedeutsames EU-Vogelschutzgebiet, das sich von Duisburg bis an die niederländische Grenze erstreckt", erklärt Markgraf-Maué.

Die Zugvögel benutzen den Rhein als Orientierung auf ihrem Tausende Kilometer langen Flug. Am Niederrhein sind sie geschützt und dürfen nicht gejagt werden. Deshalb nutzen sie die Auen, um zu rasten. Doch ihre Gewohnheiten haben sich geändert: Manche ziehen dank der hiesigen milden Winter gar nicht erst weiter nach Nordafrika.

Nicht nur aus fernen Ländern kommen die Vögel an den Rhein. Auch aus den Mittelgebirgen zieht es sie im Winter an den breiten Strom. "Dort ist es wärmer und insektenreicher", erklärt Heinz Kowalski, Ornithologe und stellvertretender NRW-Nabu-Vorsitzender. Der Hausrotschwanz etwa verbringt den Winter am Rhein in Leverkusen. "Wegen der Abwässer friert der Rhein auch nicht mehr zu, so dass es das ganze Jahr über Nahrung gibt", erklärt der Vogelexperte. Der Rhein sei dank seines Fischreichtums eine gute Nahrungsquelle. Viele Rote Milane, eine gefährdete Greifvogelart, überwintern in der Kölner Bucht. Die Wahner Heide am Köln-Bonner Flughafen sei bekannt für ihren Artenreichtum, denn viele seltene Vogelarten bevorzugten die dortigen, aus Sandverwehungen entstandenen Rheinterrassen. Am Rhein in Königswinter und Kleve finde man wiederum noch viele Nachtigallen.

Nicht nur die große Wasserfläche ist entscheidend für die Vögel, auch die Wälder und Wiesen der Auen. Dort brüten viele Entenarten wie Schnatterente oder Knäkente. Typische Watvögel (erkennbar an den langen Beinen) wie etwa Rotschenkel, Uferschnepfe oder großer Brachvogel trifft man ebenfalls dort. Ein Problem ist allerdings, dass diese Auen wegen zunehmender Landwirtschaft und Austrocknung immer weiter schrumpfen und sich der Lebensraum reduziert. Biber findet man dort wegen der großen Wasserschwankungen kaum mehr.

Während einige Flussarme früher immer noch regelmäßig bei Hochwasser an den Rhein angebunden waren, trocknen sie nun zunehmend aus und versanden. "Der Niederrhein wird immer trockener", sagt Rhein-Experte Markgraf-Maué. Die vielen Deiche sorgen dafür, dass der Fluss seine Kraft nicht mehr an den Rändern austoben kann, sondern immer tiefer wird. Durch die absinkende Sole würden die Arme immer trockener, erläutert Markgraf-Maué.

Wie man mehr Strukturvielfalt schafft, das sei eine Frage, die die Experten beschäftigt. Markgraf-Maué und seine Mitstreiter arbeiten deshalb daran, Kiesinseln außerhalb der Fahrrinne als Brutplätze etwa für Flussregenpfeifer anzulegen oder naturnahe Uferabschnitte zu bauen. "Die Ufersteine müssen entfernt werden, damit Vögel wie Eisvögel oder Uferschwalben dort im Lehm wieder ihre Bruthöhlen errichten können", sagt Ornithologe Kowalski. An der Aue Emmericher Ward und der Nebenrinne Bislich-Vahnum versuchen die Umweltschützer, Flachwasserbiotope zu schaffen und durchströmte Seitenarme anzulegen. Es gibt also viel zu tun, damit der Rhein wieder richtige Feuchtgebiete erhält, wo sich Wachtelkönig und Flussseeschwalbe leise "Gute Nacht" zwitschern können.

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Quelle: RP
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