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Düsseldorf
"Ein Glück, dass ich noch da bin"

Düsseldorf. Schauspielerin Adele Neuhauser ("Tatort") ist mit 58 Jahren bei sich angekommen. Sie will immer das Positive sehen, auch wenn das in ihrem Leben nicht immer einfach war. In ihrer Autobiografie spricht sie auch über ihre Suizidversuche. Von Martina Stöcker

Stehengeblieben ist Adele Neuhauser in ihrem Leben nie. "Je schlimmer die Dinge waren, die ich erlebt habe, desto vehementer bin ich vorangeschritten", erzählt die Schauspielerin. Vielleicht um die Zeit, die sie mit ihren Problemen verbrachte, wieder aufzuholen. "Ich gehe sehr energisch, ähnlich wie mein Großvater und Vater." Wenn sie läuft, habe sie das Gefühl, sie habe etwas getan, etwas geleistet. Andere kämen kaum hinterher - "obwohl ich mein Tempo für sie schon drossele". Bei Terminen ist die Schnellgängerin meist so früh da, dass sie in Ruhe eine Zigarette rauchen kann. "Um dann das Gute des Gehens sofort wieder kaputtzumachen", sagt sie und lacht laut.

Das Rauchen - sie hat mit zehn Jahren angefangen - hat ihre Stimme womöglich zu ihrem Markenzeichen gemacht. Früher war sie noch viel tiefer, aber vor knapp zehn Jahren unterzog sie sich einer Stimmband-Operation. Seit 2010 ermittelt die 58-Jährige als Bibi Fellner an der Seite des Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) im Wiener "Tatort". Nun hat sie eine Autobiografie geschrieben, und weil sie sich selbst so oft im Weg gestanden hat, hat sie das Buch "Ich war mein größter Feind" genannt.

Adele Neuhauser - Vater Grieche, Mutter Österreicherin - ist immer weitergegangen, auch wenn es schwer war. Zum Beispiel, als sie innerhalb eines Jahres sowohl ihre Eltern als auch Bruder Alexander verlor. Der starb an Leukämie, seine Schwester hatte ihm Stammzellen gespendet - vergeblich. "Das war der größte Schlag", sagt sie. "Als sich herausstellte, dass ich als Spenderin kompatibel bin, dachte ich, die Hürde wäre geschafft, jetzt wird alles gut, und wir werden der Welt noch mal einen Haxen ausreißen." Dass ihr Bruder dann so leiden musste und dieser Plan der Heilung nicht aufging, war "die größte Schweinerei". Aber zum Glück habe ihr Bruder noch erfahren, dass eine seiner Töchter mit Zwillingen schwanger ist. "Nun sind die beiden da, und sie haben beide etwas von Alexander", sagt sie und strahlt. "So geht das Leben weiter."

Die Schauspielerin versucht, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen und das Positive zu sehen. "Mittlerweile habe ich ein Urvertrauen in mich und in das Leben." Sie strahlt eine große Unabhängigkeit aus, aber auch Herzenswärme und Fröhlichkeit. Das war nicht immer so. Ihre Eltern trennten sich, als sie neun Jahre alt war, sie entschied sich dafür, beim Vater zu leben. In ihrem Leben gab es viel Verzweiflung und Tragik. Schon als Kind unternahm sie einen Versuch, sich das Leben zu nehmen. Weitere folgten. Und das, obwohl sie zugleich so mutig ihr Leben gestaltete, die Schule schmiss, um die Schauspielschule zu besuchen. Sie zog früh von zu Hause aus, stand auf eigenen Beinen, bekam schnell ein festes Engagement. Adele Neuhauser spricht über ihre Suizidversuche, um die Krankheit Depression zu enttabuisieren. "Wenn zumindest ein Kranker einmal jemanden sieht, der es geschafft hat, ist das vielleicht heilsam." Es brauche Mut, Hand an sich zu legen, den größeren Mut brauche es aber, um Hilfe zu bitten.

Bevor ihre Mutter starb, fragte diese ihre Tochter noch: "Und Adele, wo ist eigentlich dein Glück?" Neuhauser sieht diesen Satz als Auftrag für ihr Leben. Dabei sei die Glückssuche keine Riesen-Expedition. "Es gibt jeden Tag so viele kleine und schöne Zeichen." Was ist für sie Glück? "Dass ich noch da bin, dass es noch so viele Dinge zu erledigen gibt." Sie sei bei sich angekommen, das mache sie sehr zufrieden, und sie genieße ihre Unabhängigkeit.

Besonders ihre Rolle als Bibi Fellner sei ein Glücksfall, denn eigentlich gebe es viel zu wenige dieser starken, widersprüchlichen Figuren. "Ich sehe sehr viele interessante Frauen, die etwas erreicht oder auch schon hinter sich haben", sagt sie. "Aber für die gibt es kaum Spiegelbilder." Stattdessen seien die Frauen-Rollen in Fernseh- oder Kinofilmen auf der Suche nach neuen Partnern oder wollen sich in ihren Chef verlieben - "das ist alles so langweilig". Auch sie sei als Schauspielerin immer wieder begrenzt und kategorisiert worden. "Zum Beispiel wegen meiner Art, meiner Stimme. Ich war immer die Taffe, die Brutale oder die vertrocknete Sekretärin." Dass Hollywood gerade vom Sex-Skandal um Harvey Weinstein erschüttert wird, überrascht sie nicht. "Ich frage mich eher, warum das jetzt erst spruchreif wird. Hinter vorgehaltener Hand war eh immer klar, dass es eine Besetzungscouch gibt." Ihr sei das zwar nicht passiert. "Aber wie viele Männer diese Situation ausgenutzt haben, weiß man."

An diesem Wochenende wird in Österreich gewählt, der Wahlkampf ist schmutzig gewesen. "Ich verstehe nicht, warum wir immer noch so schmutzig herumgrundeln, statt aktiv an der Veränderung des Systems zu arbeiten", sagt Adele Neuhauser. Sie hat ihre Stimme schon abgegeben, sie hat sich so schwer getan wie noch nie. "Aber ich verzweifele nicht, denn man muss gemeinsam weitermachen." Das Negative sei immer so wahnsinnig laut, die Rechtspopulisten würden die Angst der Menschen noch verstärken, statt dass man ihnen Mut macht. Das findet sie "grauslig".

Eine besondere Rolle in ihrem Leben spielte ausgerechnet Krefeld. Dort hat Adele Neuhauser 1981 ihren Mann Zoltan Paul geheiratet, damals Ensemblemitglied der Städtischen Bühnen. "Das Standesamt Krefeld-Mitte war sehr hübsch und atmosphärisch - erstaunlich, weil Krefeld ja nicht so ein schmuckes Städtchen ist." Nur Pech, dass der Vermieter kein Herz für die Verliebten hatte. "Wir haben in unserer Wohnung gefeiert, und noch in der Nacht hat er uns gekündigt."

Quelle: RP
 
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