Versace und Torrente geben unterschiedliche Antwort: Ein neues Mode-Zeitalter beginnt
zuletzt aktualisiert: 20.01.2002 - 18:20Paris (rpo). Wie ist Haute Couture ohne Yves Saint Laurent möglich? Eine schwierige Frage, die derzeit die Pariser Modewelt bewegt. Antwort zu geben versuchten zu Beginn der Frühjahrs- und Sommer-Shows die Modehäuser Torrente und Versace.
Torrente-Designerin Rose Mett machte ihre Ansprüche auf die YSL-Nachfolge insofern geltend, als sie ihre Kollektion dort zeigte, wo seit Jahren auch Yves Saint Laurent auftritt. Donatella Versace zeigte sich eher unbeeindruckt und präsentierte vor prominentem Publikum - Madonna, Gwyneth Paltrow, Boy George und Ron Wood - eine junge, sexy Mode.
Bei Torrente dominierten zarte Pastelltöne und Erdfarben. Die Oberteile sind kurz, die Röcke knielang und oft mit Volants geschmückt. Wie immer verwendet Rose Mett viel Pailletten und Spitze - diesmal eine Art grobe Baumwollspitze, die oft mit Glitzer bestickt ist. So zum Beispiel bei den schokoladenbraunen Hot Pants mit passendem Shirt oder dem braunen Kleid, auf das zusätzlich Blätter aus Leder appliziert wurden. Überhaupt Blätter, Blumen und Pflanzen: Sie tauchen als Motiv immer wieder auf.
Überdies bewies Rose Mett Mut: Ihr Brautkleid - mit dem ein Defile traditionell beendet wird - präsentierte in diesem Jahr einmal nicht ein superschlankes Model von mindestens 1,80 Meter Größe, sondern eine Frau wie Du und ich - Jenifer, Star der französischen Version von "Big Brother", ist nicht pummelig, nicht einmal vollschlank, aber vollproportioniert - eben wie die meisten Frauen. Mit 1,58 Meter ist sie etwa so groß wie Rose Mett selbst. Zufall, dass tragbare Mode oft von DesignerINNEN entworfen wird?
Wenn das stimmt, ist Donatella Versace eine Ausnahme. Ihre Modelle sind etwas für Frauen bis 29, mit Kleidergröße 34. Wer ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften hat oder BH-Körbchen-Größe C, ist bei den hautengen, tiefausgeschnittenen Minikleidern aus dem Rennen. Wer die Bedingungen jedoch erfüllt, findet bei Donatella etwas für jede Gelegenheit - von elegant bis schrill.
Der Ausschnitt bei Versace ist in diesem Jahr eckig, die meisten Modelle sind schulterfrei oder haben höchstens Spaghetti-Träger. Die Kleider, fast alle üppig mit Pailletten geschmückt, sitzen wie eine zweite Haut. Saum und Halsauschnitt sind oft asymmetrisch, wie Rose Mett verwendet Donatella Versace auch gerne Volants und Fransen. Als immer wiederkehrendes Motiv tauchen Sterne auf, aufgestickt, eingewebt, bunt oder einfarbig. Die Farben sind grell und leuchtend, aber auch zarte Töne tauchen auf. Traumhaft zum Beispiel ein langes enges Abendkleid, das aus aneinandergenähten Rauten in verschiedenen Farben besteht. Aufgestickte Glitzerfäden verschönern die Nähte.
Trotz des vielbeschworenen Endes der Haute Couture zeigen bis Mittwoch so viele Designer wie lange nicht mehr ihre Modelle. Darunter auch zwei alteingesessene Modehäuser, die sich in den vergangenen Jahren auf Pret-a-porter konzentriert hatten: Courreges steht am Dienstag auf dem Programm; Carven präsentierte seine durchweg elegante Kollektion bereits. Da lösen Blümchenkleider mit Rüschen schlichte unifarbene Hosenanzüge ab, hohe Spitzenkragen sind ebenso zu sehen wie tiefe Dekolletes - dieses allerdings bevorzugt am Rücken.
Ebenso klassisch und trotzdem ganz anders Dominique Sirop, einer der Lieblingsdesigner von Bernadette Chirac. Auch seine Hosenanzüge sind eher schlicht, aber er kombiniert die Hosen mit den unterschiedlichsten Jacken - mit Schößchen, im Mao-Stil, mit oder ohne Gürtel. Für den Abend dann die ganz große Robe: weite Spitzenröcke mit Schleppe zum farblich abgesetzten Bustier. Die Defiles lassen hoffen, dass es mit der großen Nähkunst noch nicht ganz vorbei ist.
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