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Bayreuth
Eine Spur und ein ungeheurer Verdacht

Bayreuth. Vor mehr als 15 Jahren verschwand die kleine Peggy aus Oberfranken. Acht Monate zuvor hatte die Mordserie der Terrorgruppe NSU begonnen. Nun wird eine Verbindung zwischen beiden Fällen geprüft. Von Patrick Guyton

Am 7. Mai 2001 ist die neunjährige Peggy Knobloch im oberfränkischen Lichtenberg auf dem Weg von der Schule nach Hause verschwunden. Am 2. Juli dieses Jahres wurden Teile ihres skelettierten Leichnams und einige ihrer Gegenstände in einem Waldstück im thüringischen Rodacherbrunn gefunden, 15 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Eineinhalb Jahrzehnte konnten die Fahnder trotz aller Mühe keinen Täter ermitteln. Ein in einem Prozess verurteilter, geistig behinderter Mann wurde in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen, mit sehr großer Sicherheit ist er nicht der Mörder Peggys. Von dem fehlte bisher jede Spur.

Kein Wunder, dass die Ermittler der seit dem Leichenfund wieder gegründeten Sonderkommission "Peggy" elektrisiert waren, als die Rechtsmediziner vom Landeskriminalamt München (LKA) einen DNA-Treffer vermeldeten: Am Ort, wo die Leiche war, wurde der genetische Fingerabdruck des Terroristen Uwe Böhnhardt vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) entdeckt, auf einem kleinen Fetzen Stoff. Es stellt sich die ungeheuerliche Frage: Haben Böhnhardt und der NSU nicht nur neun Männer mit ausländischen Wurzeln und die Polizistin Michele Kiesewetter ermordet, sondern auch Peggy Knobloch? Seit dreieinhalb Jahren läuft in München der Prozess gegen Beate Zschäpe unter anderem wegen Mittäterschaft bei zehn Morden. Sie ist die Einzige aus dem NSU-Trio, die noch lebt, Böhnhardt und der Komplize Uwe Mundlos hatten im November 2011 kurz vor ihrem Auffliegen Selbstmord begangen.

Am Tag nach der DNA-Meldung weiß man nur, dass man nichts Genaues weiß. Der NSU-Nebenklage-Vertreter Alexander Hoffmann, Rechtsanwalt aus Kiel, warnt vor Spekulationen. "Man sollte jetzt erst einmal sehr zurückhaltend sein und weitere Ermittlungsergebnisse abwarten", sagte er unserer Redaktion. Größere Auswirkungen auf das NSU-Verfahren sieht er momentan nicht. Schließlich müssten Zschäpe oder den vier weiteren Angeklagten eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Dies hätte aber gemessen an den jetzigen massiven Anklagevorwürfen kein zusätzliches Gewicht. Anders sieht das der Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler, der einen Beweisantrag im NSU-Verfahren angekündigt hat, welches übernächste Woche fortgesetzt wird. Kinderporno-Dateien, die auf einem NSU-Computer entdeckt worden waren, sollen genauer ausgewertet werden.

Bisher ist noch nicht einmal die wichtigste Frage geklärt: Steht das Stück Stoff, das nur so groß sein soll wie der Nagel des kleinen Fingers, im Zusammenhang mit Peggys Tod - und ist Böhnhardts DNA auch im Zusammenhang mit dem Mord dahin gelangt? Die Wattestäbchen-Panne beim Mordfall von Heilbronn klingelt da unwillkürlich in den Ohren. Eine damals bei Michele Kiesewetter gefundene DNA wurde plötzlich bei allen möglichen Verbrechen quer durch Deutschland entdeckt. Sie stammte von einer Mitarbeiterin der Firma, die die Stäbchen produzierte. Beim Fund im Fall Peggy scheint das aber unwahrscheinlich zu sein. Denn Böhnhardts Leichnam wurde damals an der Uniklinik Jena untersucht, ebenso wie auch Peggys. Der gefundene Fetzen, der alles bedeuten könnte, ging allerdings direkt zum LKA nach München. Dennoch sind die Ermittler vorsichtig. Gesetzt den Fall, dass die DNA "echt" ist, sind verschiedene Hypothesen möglich. Etwa der Zufall: Irgendwie könnte Uwe Böhnhardt irgendwo einmal mit dem Stoff in Berührung gekommen sein, der laut Bayerischem Rundfunk Teil einer Decke war. Die Decke wechselte die Besitzer und gelangte schließlich in das Waldstück in Rodacherbrunn - ob in Verbindung mit dem Mord an Peggy oder nicht, das sei dahingestellt. Böhnhardt hätte dann mit dem Verbrechen nichts zu tun.

Betrachtet man den Sachverhalt allerdings mit den Erkenntnissen im monströsen NSU-Komplex, dann zeigt sich zumindest: Es gibt einige Verbindungen zwischen dem Terror-Trio beziehungsweise seiner Unterstützer und dem Feld von Kinderpornografie, Missbrauch und Kindermord. Da sind zunächst Uwe Böhnhardt und der 1993 ermordete neun Jahre alte Bernd B. in Jena. Böhnhardt und der Neonazi Enrico T., der nach Ansicht der Bundesanwaltschaft die "Ceska"-Tatwaffe für den NSU besorgt hat, waren damals bei den Ermittlungen im Fall Bernd B. ins Visier der Fahnder geraten. Nachgewiesen werden konnte ihnen nichts, einen Täter gibt es bisher auch nicht.

Ein weiterer NSU-Unterstützer war heftig involviert bei Kindermissbrauch, -prostitution und -zuhälterei: Tino Brandt, Neonazi in Thüringen und im Mai 2001 enttarnter V-Mann des Verfassungsschutzes. Er selbst missbrauchte Kinder und führte diese auch anderen Männern zu. 2014 wurde er deshalb zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, es handelte sich um 66 Fälle. Die Straftaten ereigneten sich allerdings zwischen 2011 und 2014 - also zehn Jahre nach Peggys Verschwinden.

Beim NSU-Trio selbst gibt es auch einige Bezüge. Auf einem Computer in der ausgebrannten Wohnung in Zwickau, der von Beate Zschäpe benutzt worden war, fanden sich Kinderporno-Dateien. Diese sind weiterhin Asservate im NSU-Prozess und können von den Beteiligten angesehen werden. In dem Wohnmobil, in dem sich Mundlos und Böhnhardt erschossen haben, waren wiederum einige Kindersachen untergebracht - Spielzeug und ein Schuh. Bisher wurde diesen Dingen keine große Bedeutung beigemessen. Ein Blick auf verschiedene Daten und auf die Landkarte könnte ebenso Hinweise geben. Der NSU lebte in Sachsen im Untergrund, und zwar meist in Zwickau. Am 9. September 2000 wurde Enver Simsek als erstes NSU-Opfer in seinem Blumenladen in Nürnberg erschossen. Der zweite Mord an dem Änderungsschneider Abdurrahim Özüdogru geschah am 13. Juni 2001, ebenfalls in Nürnberg. Peggy verschwand am 7. Mai 2001 in Lichtenberg. Dieser kleine Ort liegt fast auf einer Linie zwischen Zwickau und Nürnberg, unweit der Autobahn. Zufall - oder nicht?

Quelle: RP
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