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Michael Winterhoff
"Einige Eltern sind im Katastrophenmodus"

Bonn Viele Kinder werden zur Schule gebracht, oder sie dürfen nicht allein draußen spielen - es scheint, als hätten Eltern heute mehr Ängste als früher. Der Kinder- und Jugendpsychiater und Buchautor Michael Winterhoff ("Mythos Überforderung") aus Bonn versucht, das Phänomen zu erklären.

Wie wichtig sind Freiräume?

Winterhoff Die Langeweile ist der Motor der Kreativität, die Kinder heute sind nur noch beschäftigt oder werden in Beschäftigungsgruppen gepackt und konsumieren. Radfahren, Wandern, raus in die Natur - das wird zu wenig gemacht.

Sind Eltern ängstlicher als früher?

Winterhoff Der Eindruck entsteht, dass viele angstgetrieben sind.

Was heißt das für die Entwicklung?

Winterhoff Es geht nicht um Erziehung, sondern um die Entwicklung der kindlichen Psyche. Wir leben in einem Land, in dem immer mehr Kinder sich in ihrer Psyche gar nicht entfalten können und auf dem Niveau von Kleinkindern stehenbleiben. So sind sie nicht lebenstüchtig.

Woran liegt das?

Winterhoff Ich betreue in meiner Praxis seit 30 Jahren Kinder. Bis 1995 waren die Kinder wie von alleine auf dem Entwicklungsstand ihres Alters: mit drei Jahren waren sie kindergarten-, mit sechs schul- und mit 16 ausbildungsreif. Das verschiebt sich eklatant, denn die psychische Entwicklung kann nur funktionieren, wenn der Erwachsene in sich ruht und über Intuition verfügt.

Und das tut er nicht mehr?

Winterhoff Schauen Sie mal ins Stadtbild: Die Menschen sind genervt, gehetzt, gereizt, das Handy stets vor Augen. Der Erwachsene verändert sich durch die Digitalisierung, und das ist eklatant für die Kinder. Sie finden in ihm nicht mehr den Halt, das Gegenüber, das notwendig wäre, um sich an der Bezugsperson entlang zu entwickeln.

Was können Eltern tun?

Winterhoff Sie müssen aus der Getriebenheit und dem Katastrophenmodus raus. Wir empfangen viel zu viele Meldungen - das destabilisiert unsere Psyche. Wir müssen ihr aber eine Chance geben zu regenerieren. Zum Beispiel, indem man mal vier bis fünf Stunden im Wald spazieren geht oder sich lange in eine Kirche setzt - ohne Handy. Am Anfang haben Sie viele Gedanken, aber dann passiert etwas, was sich nur wenige vorstellen können: Sie haben keinen Druck mehr, eine andere Verfassung, Sie ruhen in sich und gehen ganz anders mit Kindern um. Sie sind gelassen und steuern intuitiv. Sie lernen auch nicht Tennis bei einem Trainer, der total überdreht ist. Solch ein Runterkommen braucht es regelmäßig, das kann der Wald sein, Yoga oder ein Kirchenbesuch.

Warum sind einige so getrieben?

Winterhoff Eltern, mit denen ich arbeite, sind getrieben, weil sie unbewusst eine Symbiose leben. Das Kind ist ein Teil ihrer selbst geworden - wie ein Teil ihres Körpers. Sie wollen es wie einen Arm steuern und dafür sorgen, dass ihm nichts geschieht. Das führt dazu, dass manche Eltern übervorsichtig geworden sind. Sie können nicht Nein sagen, das Kind muss immer zufrieden sein, auf kindliches Verhalten reagieren sie reflexhaft, ohne nachzudenken. Die Kinder erleben ihre Eltern als einen zu steuernden Gegenstand und bleiben deshalb auf einer Stufe bei zehn bis sechzehn Monaten stehen. In dieser Symbiose hat es keine Chance auf Entwicklung.

Wie entsteht eine solche Symbiose?

Winterhoff Die Ursache liegt in einer Gesellschaft, die nicht mehr positiv zukunftsweisend ist. Es heißt seit Jahren, dass sich vieles verschlechtert. Aber Menschen brauchen eine positive Perspektive. Gibt es sie nicht, fehlen Anteile wie Glück, Zufriedenheit und Vorfreude. Ein Kind bietet sich dann an zur unbewussten Kompensation. Dann ist das Glück des Kindes mein Glück, und dann fühlt man fürs Kind, denkt fürs Kind und geht für es zur Schule.

Was ist zu tun?

Winterhoff Betroffene Eltern müssen dagegen steuern. Wenn sie in sich ruhen und sehen, was das Kind meint, mit ihnen machen zu können, dann sind sie im richtigen Beziehungsgefüge.

MARTINA STÖCKER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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