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Düsseldorf/Adelaide
"Embrace" - Plädoyer für wahre Schönheit

"Embrace" - Plädoyer für wahre Schönheit
Das Filmplakat von "Embrace - Du bist schön" zeigt Regisseurin Taryn Brumfitt. FOTO: red
Düsseldorf/Adelaide. Taryn Brumfitt hatte einen austrainierten Körper, aber glücklich war sie nicht. Ihr Dokumentarfilm "Embrace" zeigt Brumfitts Weg zur Selbstliebe und ermuntert Frauen, ihren Körper zu lieben. Von Jessica Balleer

Die Frau mittleren Alters schaut in die Kamera. Sie ist den Tränen nah: "Ich war nicht groß genug. Ich war nicht dünn genug. Ich war nicht blond genug", sagt sie. "Ich war einfach nie genug." Ihre Worte sind im neuen Dokumentarfilm "Embrace" zu hören und zu sehen, der gestern in den deutschen Kinos Premiere feierte. Die Doku bewegt gleich mit einer weiteren Feststellung - und rechtfertigt ihr Dasein zugleich: 91 Prozent der Frauen sind unzufrieden mit ihrem Körper. So ging es auch Taryn Brumfitt, der Frau, die dem australischen Dokumentarfilm ihr Gesicht, ihren Körper und ihre Lebensgeschichte gegeben hat.

Brumfitt ist Fotografin und dreifache Mutter. Eigentlich hatte die 38-jährige Australierin im Sommer 2016 nur gemacht, was Millionen Menschen täglich tun. Brumfitt hatte ein "Vorher-Nachher-Bild" von sich auf Facebook gepostet. Und doch hat sie damit eine Welle der Begeisterung ausgelöst. Denn während auf dem "Vorher-Foto" eine durchtrainierte, stark geschminkte Taryn Brumfitt zu sehen ist, blickt sie ungeschminkt und weitaus korpulenter vom "Nachher-Foto". In ihrem Gesicht sieht man, dass hier kein Bildfehler vorliegt - sie schaut glücklich und zufrieden.

Ihre Botschaft an alle Frauen lautet: Liebt euren Körper so, wie er ist. Die Dokumentation "Embrace" spricht genau das an. Es geht um das Streben nach dem perfekten Körper. Und er führt es zuweilen ad absurdum: "Nachdem ich drei Kinder bekommen hatte, hasste ich meinen Körper", sagt Brumfitt in einer Szene. Ein Kernsatz der 90-minütigen Doku, denn er stellt ein Naturgesetz des Lebens infrage: Eine frischgebackene Mutter ist unglücklich, weil sie einem gesellschaftlichen Ideal nicht genügt. Es ist eine neue Perspektive auf ein altes Thema.

Schon in der Antike finden sich Gedanken zum "Idealbild der Frau". Die Venus verkörpert eine Trias aus Schönheit, Wahrhaftigkeit und Güte. In der Moderne ist dieses Ideal wohl weitaus profaner, oberflächlicher geworden. Das beginnt beim morgendlichen Blick in den Spiegel, wenn die Frau ihre scheinbar nötige Maske für den Tag auf Lid und Lippen aufträgt. Geht weiter, wenn Magermodels von Magazincovern und Laufstegen grüßen. Und es endet mit der Unfähigkeit zu genießen, weil das schlechte Gewissen überwiegt. Auf all das nimmt "Embrace" Bezug und stellt fest, dass es daraus nur einen Schluss gibt: Schönsein hat vor allem mit Selbstliebe zu tun.

Die Gesellschaft habe Frauen über Jahre eingeredet, dass sie schön sein müssen, heißt es im Film. Der letzte Fehler dieser Kette aber liegt darin, dass viele Frauen diese Botschaft angenommen haben. Ein Selbstoptimierungstrip im Kampf gegen den eigenen Körper begann. Und das Umdenken findet erst langsam, vereinzelt und sporadisch statt. So wirbt die Pflegemarke "Dove" seit ein paar Jahren mit "Durchschnittsfrauen" statt mit Models. Seit Herbst 2016 erregt US-Sängerin Alicia Keys Aufmerksamkeit, weil sie sich nur noch ungeschminkt zeigt. Keys erklärte, ihr sei klar geworden, dass sie sich nicht länger für das öffentliche Auge maskieren wolle. Ihrer "No-Make-up-Bewegung" schlossen sich Promis wie Gwyneth Paltrow oder Mila Kunis an.

Dem Kampf gegen oberflächliche Schönheitsideale hat in Deutschland die Schauspielerin Nora Tschirner (35) eine Stimme gegeben. Tschirner ist in "Embrace" zu sehen und hat den Film mitproduziert. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der es einen Grundsatz für Selbstoptimierung gibt", sagte Tschirner in einem NDR-Interview. Das Frauenbild in den Medien sei unnatürlich optimiert und verleite zu einer Art "vorauseilender Gefallsucht".

In der Dokumentation schlägt die Stimmung um, als die interviewten Frauen nicht mehr klagen, sondern neu denken: "Einmal nicht mehr über den eigenen Körper nachdenken. Sich nicht sagen lassen, wie man sein sollte. Den Körper nicht als Schmuckstück sehen, sondern als Instrument." Es geht darum, angenommen zu werden. Und darum, sich selbst anzunehmen.

Quelle: RP
 
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