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Ein Jahr nach der Katastrophe
So erlebte ein deutscher Student das Erdbeben von Nepal

Erdbeben in Nepal 2015: Deutscher Student Tobias Scholz erinnert sich
Zerstörter "Monkey Temple" in Kathmandu: Bis heute sind die Schäden an der Tempelanlage nicht behoben FOTO: dpa
Kathmandu. Vor einem Jahr erschütterte ein heftiges Erdbeben die Himalaya-Region. Als in Nepal Hunderttausende Häuser einstürzten, war der Deutsche Tobias Scholz mittendrin - und fürchtete um sein Leben. Für RP ONLINE hat er seine Erinnerungen aufgeschrieben. Von Tobias Scholz

"Eigentlich hatte die Zeit in Nepal fantastisch begonnen. Gemeinsam mit Freunden reiste ich im Anschluss an mein Auslandssemester in Indien durch das kleine Land am Himalaya und wollte damit eine schöne Zeit zum Abschluss bringen.

In Kathmandu besuchten wir den 'Monkey Temple' (Tempelanlage Swayambhunath, d. Red.), der auf einem etwa hundert Meter hohen Hügel thronte und den perfekten Blick auf die nepalesische Hauptstadt ermöglichte. Auf dem gesamten Tempelgelände ertönte ruhige buddhistische Musik und um nichts in der Welt hätten wir an diesem Tag vermutet, dass diese Ruhe und Gelassenheit durch irgendetwas zu stören sein könnte.

Es wurde immer lauter, mir wurde schwindelig

Zwei Tage vor dem Erdbeben verließen wir Kathmandu in Richtung Pokhara, der zweitgrößten Stadt Nepals. Eigentlich wollten wir noch einen Zwischenstopp in einem der historischen Bergdörfer machen – ein Plan, den wir erst einen Abend vor Abfahrt nach Pokhara verwarfen. Rückblickend hat uns diese Entscheidung vielleicht  das Leben gerettet.

Zerstörte Tempel und Paläste in Nepal FOTO: ap, BA RSI

Wie wir später erfahren sollten, war in dem Dorf am Abend des 25. April 2015 kaum ein Stein mehr auf dem anderen. Statt in einem kleinen Bergdorf mit begrenzten Zufahrtswegen waren wir am Tag des Bebens in der zweitgrößten Stadt Nepals, als plötzlich die Fensterläden um uns herum anfingen zu klirren. Es wurde immer lauter um uns herum, mir wurde schwindelig und wir blickten uns angesichts dieser vollkommen unbekannten Situation nur entgeistert an.

Unsere Eltern hatten uns als vermisst gemeldet

'Leute, wir sind hier mitten in einem Erdbeben!', sagte einer meiner Freunde, und erst dann wurde uns allen klar, in was für einer Lage wir uns gerade befanden. Würden im nächsten Moment die Strommasten über uns zusammenbrechen? Befinden wir uns gerade in unmittelbarer Gefahr? Um uns herum stürzten keine Gebäude ein, und auch sonst nahmen wir außer ein paar heruntergefallenen Ziegelsteinen nichts Außergewöhnliches wahr. Später sollten wir erfahren, dass auch in Pokhara Häuser eingestürzt und Menschen gestorben waren.

'Da sind wir wohl noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen', dachten wir und fragten uns gleichzeitig, ob die vermeintlich geringen Schäden wohl reichen würden, damit das Beben in den Abendnachrichten erscheint. Erst als wir etwa zwei Stunden später ins Hotel kamen und sich unser WLAN automatisch aktivierte, begannen wir zu verstehen, was da gerade um uns herum abging.

Fotos: Erdbeben zerstört Weltkulturerbe FOTO: dpa, bjw

'Are you OK? It looks like you're in the area affected by Nepal Earthquake. Let friends know if you're safe...', meldete sich Facebook. Dutzende Eilmeldungen und Nachrichten kamen hinzu. Unsere Eltern hatten uns in der Deutschen Botschaft bereits als vermisst gemeldet.

Schwere Nachbeben auch in der Nacht

Es folgten drei Tage des Schweigens, des Nicht-Wahrhabenwollens. Bis um drei oder vier in der Nacht hockten wir vor dem Fernseher, nur um im Halbstunden-Takt von BBC auf CNN und von CNN auf Al Jazeera umzuschalten und uns mit aktualisierten Opferzahlen berieseln zu lassen. Zwei Tage lang sollte es noch Nachbeben geben, insgesamt waren es wohl über vierzig. Alle paar Stunden rissen sie uns aus der simulierten Routine heraus. Stets rannten wir ins Freie und suchen dabei den Boden nach möglichen Rissen ab.

Schlimmer waren die Nachbeben, wenn sie in der Nacht passierten: Aufgeschreckt durch die wackelnden Bilderrahmen an den Wänden torkelten wir das Treppenhaus herunter, die optische Wahrnehmung durch das Schwanken aller Wände und Gegenstände um einen herum so stark, dass es außer dem eigenen Körper keinen Fixpunkt mehr gab. Das Ohnmachtsgefühl vor der Natur war unbeschreiblich.

'Macht euch keine Sorgen – alles wird gut!'

Zu Hause in Deutschland war die Welt noch eine andere. Niemand schien so richtig zu begreifen, was uns da gerade eigentlich wirklich passiert war – am wenigsten wir selbst. Spätestens als Anfragen von diversen Nachrichtenmagazinen und Talkshows in unseren Postfächern ankamen, dachten wir uns nur noch eins: Lasst uns gesund hier herauskommen! Und das schafften wir.

Trotz der großen Ungewissheit darüber, ob die Strecke zurück nach Indien überhaupt befahrbar sein würde, wagten wir die Reise mit dem Bus. In den Schluchten der Vorhimalayas konnten wir hier und da LKW und Busse entdecken, die den Weg nicht überstanden hatten. Wir schafften es jedoch, und kamen nach siebenstündiger Fahrt in Indien an.

In unserem Hostel öffnete ich YouTube und stieß direkt auf ein Video aus Kathmandu. Hochgeladen: heute. Es zeigte den 'Monkey Temple'; entstanden war der Film an genau derselben Stelle, an der ich einige Tage zuvor noch mit meinen beiden Freunden gewesen war. Im Video war die Musik verstummt, zu sehen war eine zerstörte Anlage; Menschen, die verwirrt durch die Gegend liefen und Rauchschwaden über Kathmandu.

Wir haben es überlebt. Darüber bin ich froh, und das werde ich nicht vergessen. Nicht vergessen werde ich allerdings auch die Umstände, unter denen in Nepal der Wiederaufbau stattgefunden hat. Während sich Indien und europäische Länder in den Staatsnachrichten insbesondere zu wiederholen übten, wie viele staatliche Spendengelder bereits geflossen seien, wurden die Korruption in Nepal und das gefährliche Feilschen um lebensnotwendiges Trinkwasser nahezu komplett ausgeblendet.

Nichts wurde seither dafür getan, dass die marode Architektur und Infrastruktur vieler Städte endlich modernisiert wird. So ist auch heute, ein Jahr nach dem Beben, leider vieles so geblieben, wie es schon vorher war. Und deshalb ist Nepal heute auch immer noch genau so ohnmächtig gegenüber möglichen Beben, wie es das Land vor dem 25. April 2015 war."

Fast 9000 Menschen starben bei den Erdbeben in Nepal vor einem Jahr, rund 500.000 Häuser wurden zerstört. Die heftigsten Erschütterungen ereigneten sich am 25. April um 11.56 Uhr (Ortszeit).

Tobias Scholz (23) studiert Politikwissenschaft und Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen.

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