| 18.53 Uhr

Faszination Salafismus
Die Sehnsucht nach Schwarz-Weiß

Razzia gegen Islamisten in Düsseldorf
Razzia gegen Islamisten in Düsseldorf FOTO: Gerhard Berger
Meinung | Berlin. Ein Dutzend Anschläge durch Einzeltäter in Europa in den vergangenen zwei Jahren, dazu das wachsende Potenzial des islamistischen Extremismus in Deutschland. Diese alarmierenden Feststellungen des Verfassungsschutzes zeugen von einer Sehnsucht nach grausamer Vereinfachung. Von Gregor Mayntz

Es sei "alles so schön bunt hier", sie könne sich "gar nicht entscheiden", sang Nina Hagen 1978 vom DDR-geschulten Blick auf die bunte westdeutsche Fernsehwelt. Die Wirkungen beschrieb sie als betörend und zugleich lähmend. Wie mag es erst vier Jahrzehnte später wirken, wenn die über Internet empfangbaren Programme und Videos schier unendlich zu sein scheinen? Kann das eine Sehnsucht nach den 50ern auslösen, als ein einziges Schwarz-Weiß-Programm nur tagsüber für ein paar Stunden in einer sehr übersichtlichen Zahl von Sendungen alternativlos die Welt in die Wohnzimmer brachte?

Oder, auf eine höhere gesellschaftliche Realität gehoben: Kann der Gang durch eine moderne Stadt mit all ihren Möglichkeiten, Kulturen und Freiheiten die Sehnsucht nach einem kleinen Dorf aus vergangenen Zeiten mit festgefügten und verbindlichen Tagesabläufen zwischen Aufstehen, Essen, Arbeiten, Beten und Schlafengehen wachsen lassen?

Wachsende Zahl von Salafisten bereitet Sorgen

Gemessen an über 80 Millionen Menschen in Deutschland war es zu Beginn des Jahrzehntes eine verschwindend kleine Zahl von 3000 Salafisten, die sich für das große Zurück zum Einfachen entschieden hatten. Und auch sechs Jahre später ist ihre Zahl mit über 9200 immer noch winzig im Verhältnis zum Rest der Republik. Aber die Verdreifachung in so kurzer Zeit macht den Sicherheitsbehörden große Sorgen. Zwar ist nicht jeder Salafist auf dem Weg in den Terror, aber fast alle Terroristen waren in oder durch salafistischen Szenen geprägt worden.

Der politische Salafismus lehnt die Anwendung von Gewalt in Deutschland ab. Beobachter vom Verfassungsschutz sehen darin nicht mehr als ein taktisches Vorgehen, um ein Verbot zu vermeiden. Tatsächlich strebe der religiöse Salafismus nach Verwandlung der Gesellschaft in einen Gottesstaat unter Anwendung der Scharia in ihrer ursprünglichen Form. Auch gegen Widerstände. Hassprediger peitschen zum Vorgehen gegen den angeblich dekadenten Westen auf. Und wenn sich junge Menschen unter ihrem Einfluss oder dem der perfekten Inszenierung im Internet plötzlich zu wandeln beginnen und sich zu islamistischen Extremisten, ja Terroristen entwickeln, dann wollen sie nicht nur irgendwann zu einer angeblich besseren Welt beitragen, dann fühlen sie sich in dieser Phase bereits als die besseren, den anderen moralisch überlegenen Menschen.

Man darf westliche Freiheit in Relation setzen

Während alle anderen scheinbar orientierungslos durchs Leben taumelten, stünden sie fest zu den Weisungen des Propheten und seinen Regeln, die sie sicher durchs Leben führten. In diesem geschlossenen Gedankensystem gibt es für alle Probleme der Welt des 21. Jahrhunderts einfache Antworten auf dem Stand des siebten Jahrhunderts. Ganz einfache Unterscheidungen, wie schwarz und weiß, gut und böse, gläubig und ungläubig – nur mit dem Vorsatz, dass "Glaube" und "Unglaube" vor allem von denen definiert werden, die gerade das Schwert, die Axt oder den Sprengstoffgürtel haben.

Die Antwort auf diese wachsende Herausforderung liegt in dem, was Kommunikationsexperten "counter narrative" nennen, die "Gegen-Erzählung". Man darf westliche Freiheit nicht nur verstehen als die Freiheit zur Kritik und zum Schlechtreden, zum Beklagen von Unzulänglichkeiten. Man darf sie auch in Relation setzen zu den Alternativen in einem totalitären System wie dem Salafismus. Und auch im persönlichen Gespräch mit Zweifelnden für sie werben.

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