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Ärger nach Erdogan-Gedicht
Die Türken und der Fall Böhmermann

Porträt: Böhmermann – Podolski-Imitator, Komiker, ZDF Neo
Porträt: Böhmermann – Podolski-Imitator, Komiker, ZDF Neo FOTO: dpa, bsc
Mainz/Ankara. Der ZDF-Moderator bekommt nicht nur Unterstützung durch eine Online-Unterschriftenaktion, sondern auch von Satirikern aus der Türkei. Aber auch Erdogans Unterstützer melden sich zu Wort - mit einem bizarren TV-Beitrag.

In der Debatte um sein Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan kann ZDF-Moderator Jan Böhmermann auf immer mehr Unterstützung zählen. Eine Online-Petition, in der "Freiheit für Böhmermann" gefordert wurde, unterzeichneten bis gestern Mittag mehr als 100.000 Menschen.

Jan Böhmermann soll strafrechtlich verfolgt werden

Die Türkei verlangt, dass Böhmermann wegen des Gedichts strafrechtlich verfolgt wird. Die Bundesregierung prüft deshalb, ob sie die Staatsanwaltschaft ermächtigt, Böhmermann wegen Beleidigung eines Staatsoberhaupts zu verfolgen. Erdogan hat zudem in Mainz, dem Sitz des ZDF, als Privatperson einen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Der Antrag werde in dem anhängigen Verfahren wegen Angriffs gegen Organe und Vertreter ausländischer Staaten geprüft, erläuterte die Staatsanwaltschaft.

Türkische Satiriker kritisierten Erdogans Strafantrag. "Das ist eine große Schande", sagte der Chefredakteur der Satire-Zeitschrift "Leman", Zafer Aknar. Er erinnerte daran, dass auch Erdogan aufgrund eines Gedichts im Gefängnis saß. "Wäre ihm damals die Demokratie nicht zur Hilfe geeilt, wäre er weder Ministerpräsident noch Staatspräsident geworden." Erdogan war 1998 wegen Volksverhetzung zu zehn Monaten Haft verurteilt worden, von denen er vier absaß. Grund war eine Rede, bei der er aus einem religiösen Gedicht zitiert hatte.

Gegen Cevheri  Güven selbst laufen zwei Strafverfahren

Der Chefredakteur der Satire-Zeitschrift "Nokta", Cevheri Güven, sagte, Vorwürfe der Beleidigung Erdogans würden als "Schlagstock" gegen Kritiker vor allem in der Türkei missbraucht. Inzwischen habe das sogar internationale Ausmaße angenommen. Gegen Güven selbst laufen zwei Strafverfahren wegen Beleidigung des Präsidenten. Nach Angaben des Justizministeriums wurden seit Erdogans Wahl zum Staatspräsidenten im August 2014 mehr als 1800 Verfahren wegen Präsidentenbeleidigung eröffnet.

Allerdings melden sich auch Erdogans Unterstützer zu Wort: Mit einem bizarren Fernsehbeitrag reagierte der türkische Sender A Haber auf Böhmermanns Schmähgedicht. Ein A-Haber-Reporter versuchte in Mainz, unter Berufung auf die Pressefreiheit mit laufender Kamera auf das Gelände der ZDF-Zentrale zu gelangen. Dass dem türkischen Team der Zutritt nicht gestattet wurde, soll als Beleg für den schlechten Zustand der Pressefreiheit in Deutschland dienen.

"Benimmt man sich so gegenüber einem Gast?"

Dem ZDF wird vorgeworfen, dass ein Sender-Verantwortlicher - es handelt sich um Sprecher Alexander Stock -, der offenbar gerade mit einem Übersetzer über die ungebetenen Besucher spricht, dabei abwechselnd seine Hände in den Hosentaschen hat und gestikuliert. Der Reporter verurteilt das als "flegelhaft" und fragt die Zuschauer: "Benimmt man sich so gegenüber einem Gast?" Der Reporter meint zu beobachten: "Er zittert regelrecht vor Zorn." Die Analyse liefert er gleich mit: "Sie sehen also den Punkt, an dem die Pressefreiheit in Deutschland angekommen ist." Stock wirkt auf den Bildern entspannt. Von Zorn oder Zittern ist nichts zu sehen. Der Beitrag ist mit hektischer Musik unterlegt. Der Reporter spricht in dem Beitrag, als würde er nicht aus Mainz, sondern unter persönlicher Gefahr aus einem Krisengebiet berichten.

Das ZDF wies die Darstellung von A Haber zurück. Ein Sprecher erklärte: "Es hat keine Anfrage des türkischen Senders gegeben, weder nach einem Interview noch nach einer Drehgenehmigung."

Quelle: RP
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