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Hamburg
ARD-Frau rechnet mit Rassisten ab

Anja Reschke prangert an, dass fremdenfeindliche Hetze im Internet Überhand nehme
FOTO: Screenshot ARD
Hamburg. Im "Tagesthemen"-Kommentar forderte Anja Reschke einen erneuten "Aufstand der Anständigen". Die Resonanz ist enorm. Von Jörg Isringhaus

Anja Reschke redet gerne Klartext. Als Moderatorin und Chefin des ARD-Magazins "Panorama" und des NDR-Medienmagazins "Zapp" findet sie meist deutliche Worte. Die hat sie auch am Mittwochabend gefunden, in ihrem Kommentar in den "Tagesthemen". Reschke prangerte an, dass die fremdenfeindliche Hetze im Internet Überhand nehme, sich die Kommentatoren nicht einmal mehr hinter Pseudonymen verstecken. "So kann es nicht weitergehen", sagte sie. "Nun ist die eine Möglichkeit Strafverfolgung - das wird auch zunehmend gemacht. Ein Facebook-Hetzer aus Bayern wurde gerade zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt. Das zeigt schon mal Wirkung." Aber das reiche nicht aus. "Die Hassschreiber müssen kapieren, dass diese Gesellschaft das nicht toleriert. Wenn man also nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun."

Bei Facebook wurde der Kommentar gestern bis zum frühen Abend mehr als 4,2 Millionen Mal aufgerufen. Zahlreiche Nutzer auf Facebook und Twitter lobten Reschke und äußerten Zustimmung. Mehr als 115 000 User teilten das Video, mehr als 94 000 gaben ein "Like". Reschke freute sich über die vielen positiven Rückmeldungen: "Das war ja eigentlich das, was ich auslösen wollte", sagte sie gestern bei "tagesschau24". "Ich wollte mal wieder das Gefühl haben, dass die Masse eben doch noch auf der richtigen Seite steht." Sie halte es für wichtig, rechtsradikalen Hetzern klarzumachen: "Ihr seid die Minderheit, und wir sind die Mehrheit."

In ihrem Kommentar forderte die 42-Jährige einen "Aufstand der Anständigen" gegen den zunehmenden Fremdenhass. Es sei mal wieder Zeit - damit spielte sie auf Gerhard Schröder an, der im Jahr 2000 als Bundeskanzler nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Düsseldorf einen Aufstand der Anständigen gefordert hatte und hinzufügte, Wegschauen sei nicht mehr erlaubt. Reschke ermunterte die Zuschauer, Flagge zu zeigen: "Dagegen halten, Mund aufmachen. Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen."

Die Reaktionen auf das Video seien weitgehend positiv, sagte ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke. Mit rund 100 gelöschten Kommentaren und drei Sperrungen auf der Facebook-Seite entsprächen die negativen Reaktionen dem normalen Schnitt: "Ganz grob über den Daumen sind zwei Drittel zustimmend, ein Drittel ablehnend." Besonders die jüngeren Nutzer in den sozialen Netzwerken schätzten es sehr, dass Reschke eine sehr klare Haltung zeige. Allerdings widersprach der Kommentar, der bis gestern Nachmittag bei Facebook am häufigsten mit einem zustimmenden Klick ("Like") versehen wurde, den Worten Reschkes: "Ich denke nicht, dass das, wie ja immer berichtet wird, alles Nazis sind und das auch nicht immer etwas mit Rechtsextremismus zu tun hat", hieß es darin.

Reschke habe durch ihre Arbeit für "Panorama" selbst radikale Anfeindungen erlebt, sagte "Panorama"-Redaktionsleiter Volker Steinhoff. Deshalb hatte sie wohl für sich in Anspruch genommen, nicht ausgewogen zu kommentieren. "Sie glaubt nicht, sich diplomatisch ausdrücken zu müssen", sagte Steinhoff. Schon im Januar hatte Reschke anlässlich des Jahrestages zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz klar Stellung bezogen und davor gewarnt, einen Schlussstrich unter die deutsche Verantwortung zu ziehen.

Juliane Leopold, Chefredakteurin des Online-Magazins "Buzzfeed Deutschland", lobte Reschkes Kommentar zwar. Zugleich sagte sie aber auch: "Ein Shitstorm gegen Nazis im Netz wird keinen Rassisten bekehren." Vielmehr sei der Hass, der sich im Netz äußert, gesellschaftlich tief verwurzelt: "Online-Phänomene gibt es nicht, es gibt nur die echte Welt. Das Internet macht nichts mit Menschen, was nicht schon vorher in ihnen war." Ihre Prognose ist düster: "Unser Problem ist, dass die Mitte der Gesellschaft sich nach rechts bewegt."

Laut Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit wendet, sei eine quantitative Zunahme rechter Hasskommentare schwer nachzuweisen. Allerdings würden Kommentare immer radikaler, aggressiver und offener.

Quelle: RP
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