| 16.38 Uhr

Hannelore Kraft bei Anne Will
"Das Rentenniveau darf nicht weiter absinken"

Anne Will Talk zur Armutsrente: Rentenniveau darf nicht absinken
Hannelore Kraft war ein Gast bei Anne Will zum Thema Rente. FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. "Heute kleiner Lohn, morgen Altersarmut – versagt der Sozialstaat?" war das Thema von Anne Wills Sonntagstalk. Dabei ging es um die Angst vor der Zukunft und Fehler aus der Vergangenheit.  Von Tanja Karrasch

Darum ging's

Aktueller Anlass für den Talk war eine Studie des WDR, nach der 2030 fast jede zweite Rente eine "Armutsrente" sein könnte, also eine Rente auf Hartz 4 Niveau. Die Moderatorin zitierte zu Beginn auch CSU-Chef Horst Seehofer:  "Wer heute Mitte 50 ist, für den könnte es im Alter ungemütlich werden. Etwa die Hälfte der Bevölkerung landet im Alter in der Sozialhilfe, wenn sich jetzt nicht schnell etwas ändert." Anne Will fragte ihre Gäste: "Muss dafür noch mal am Rentensystem herumgeschraubt werden, weil sonst Altersarmut droht?"

Darum ging's wirklich

Um Zukunftsängste, Bildungspolitik und das Scheitern der Riesterrente, das selbst die stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, Hannelore Kraft, eingesteht. Und um die Aussagen des Wirtschaftsjournalisten Rainer Hank, der das deutsche Rentensystem verblüffend rosig sieht. 

Die Runde

  • Susanne Neumann (Putzfrau und Gewerkschafterin)
  • Hannelore Kraft (Ministerpräsidentin NRW) 
  • Rainer Hank  (Journalist) 
  • Marcel Fratzscher (Wirtschaftswissenschaftler) 
  • Hubertus Porschen (Vorsitzender der Jungen Unternehmer)  

Dialog des Abends

"Meine Mädels landen alle in der Alterarmut", sagt die Putzfrau Susanne Neumann. Journalist Hank nennt das "Einzelschicksale". Im späteren Verlauf lädt Neumann Hank zur IG Bau ein, um sich mit Handwerkern mit schwerer körperlicher Arbeit darüber zu unterhalten, was sie von der Anhebung des Rentenalter halten. "Natürlich werde auch ich dem Dachdecker nicht zumuten, mit 67 noch auf dem Dach zu sein. Aber er kann ja auch woanders arbeiten. Im Baumarkt zum Beispiel", schlägt Hank vor.  Neumann erwidert: "Sagen Sie das den Mitgliedern der IG Bau ins Gesicht. Ich lade Sie wirklich ein." Hank sagt zu: "Ich komme." 

Frontverlauf

Die an Krebs erkrankte Reinigungskraft Susanne Neumann engagiert sich als Gewerkschafterin. Mit ihrer Rente von aktuell 735 Euro monatlich, sagt sie, wird sie sich arm fühlen. 35 Jahre lang hat sie als Putzfrau gearbeitet. 

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zeigt Verständnis für die Sorgen Neumanns. "Ich sehe einen Handlungsbedarf. Wir haben viel getan für die Menschen, die heute in Rente sind. Die Frage ist, was ist mit denen, die mittel- und langfristig in die Rente gehen", sagt Kraft. "Fakt ist, die Riester-Rente hat nicht das gebracht, was wir uns erwartet haben." Ihr Ziel: "Das Rentenniveau darf nicht weiter absinken." Bei der Frage nach der genauen Umsetzung jedoch weicht Kraft aus: "Ich möchte ein Gesamtkonzept."

Hubertus Porschen ist dagegen, dass das Rentenniveau eingefroren wird. Er befürchtet, dass die zunehmende Steuerlast in Zukunft von der jetzigen jungen Generation ausgebadet werden müsste.  "Das ist ungerecht, und das ist unverantwortlich, was Sie da mit den Menschen machen. Sie sagen den Menschen nicht die Wahrheit", geht er Hannelore Kraft gezielt an. Nach steilen Thesen scheitert er jedoch mehrmals, sie auch mit konkreten Inhalten zu untermauern.  

Hannelore Kraft verweist darauf, dass an allen drei Säulen der Altervorsorge geschraubt werden müsse. Wirtschaftsjournalist Rainer Hank jedoch verteidigt die Rentenreform von 2001:  "Ich würde gerne eine Lanze brechen für die rot-grünen Reformen der Schröder-Regierung", sagt  er. Und in Richtung Krafts gewandt: "Wenn die Sozialdemokraten es selber nicht mehr machen, müssen es eben Wirtschaftsjournalisten machen. Es war die beste marktwirtschaftliche Reform, die wir seit Ludwig Erhard hatten." 

Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher sticht durch seine ruhige, sachliche Art und klare Statements positiv hervor. "Ich denke Riester hilft den falschen Leuten. Für die Menschen, die unter der Armutsgrenze nachher landen, lohnt es sich nicht", findet Fratzscher. Er ist er Meinung, die Regierung investiere nicht genug in Bildung.

Außerdem kritisiert er den Anstieg der prekären Arbeitsverhältnisse: Die Zahl der Beschäftigten in Teilzeit, Befristung, Zeitarbeit und Minijob ist zwischen 2003 und 2013 um mehr als 70 Prozent gestiegen, heißt es auch in einem Einspieler bei Anne Will.  

Für Rainer Hank ist das jedoch eine gute Entwicklung, auch die Lohnentwicklung bewertet er positiv. "Wir wollten durch die von mir mehrfach schon gelobten Agenda-Reformen Menschen aus der Arbeitslosigkeit rausbekommen und wollten sie in Arbeit bekommen. Dass wir dadurch eine Lohnspreizung zusätzlich auch bekommen, ist eine logische Konsequenz daraus. Es ist immer noch besser, Arbeit zu haben als keine Arbeit zu haben." 

Erkenntnis

Es muss sich etwas ändern, da sind sich alle Gäste bis auf Rainer Hank wohl einig. Auch Hannelore Kraft sieht Handlungsbedarf. Es müsse an allen drei Säulen der Altersvorsorge, der gesetzlichen, der betrieblichen und der privaten, geschraubt werden. Wie das genau aussehen soll, bleibt offen. 

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