| 16.20 Uhr

"Anne Will"
"Ein Herzchirurg kann auch Sexist sein"

Anne Will über Flüchtlinge: Bloggerin erzählt, worauf es ankommt
Die Bloggerin Kübra Gümüşay sorgte für frischen Wind bei Anne Will. FOTO: Screenshot ARD
Berlin . Wie verändern Flüchtlinge Deutschland? Beinahe hätte die Runde bei Anne Will erneut all die negativen, angstbesetzten Stereotype zum Thema Einwanderung aus der Schublade geholt. Doch zum Glück war da eine kluge junge Bloggerin, die der Runde erklärte, worauf es in Sachen Integration wirklich ankommt. Und, dass auch ein Herzchirurg manchmal ein Sexist ist. Von Laura Sandgathe

Darum ging's

Die offiziellen Zahlen sind da: Eine Million Flüchtlinge werden Ende des Jahres nach Deutschland gekommen sein. Und auch im kommenden Jahr wird der Zuzug weitergehen. Anne Will stellte in ihrer Sendung die Frage: "Eine Million Flüchtlinge - Wie verändern sie Deutschland?" 

​​Darum ging's wirklich

Das Thema Flüchtlinge war im vergangenen Jahr das vielleicht meistdiskutierte in den Fernseh-Talkrunden. Immer und immer wieder ging es da um Schwierigkeiten bei der Intregration, fehlendes Geld und Sorgen vor einem negativen Einfluss der Zugezogenen auf die Gesellschaft. Dabei könnte die Frage "Wie verändern die Flüchtlinge Deutschland?" auch im Hinblick auf die positive Seite diskutiert werden: Wie Flüchtlinge unser Land bunter machen und unsere Gesellschaft in unterschiedlichster Weise bereichern.

Bei Anne Will stand es dreieinhalb zu anderthalb für die Asylkritiker, wobei Bundesbildungsministerin Manuela Schwesig unentschieden war. Trotzdem bekam der Talk die Kurve und rutschte nicht ab in ein Klagelied über die Probleme der Integration. Denn der eine Gast, der den Flüchtlingszustrom nicht nur negativ sah, war gleichzeitig der stärkste der Runde.

Der Frontverlauf innerhalb der Runde

Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, gehörte zu den dreieinhalb Asylkritikern. Er sprach über Probleme bei der Integration, fehlendes Geld und starre Vorschriften, die flexible Lösungsmodelle ausstechen. Im Hinblick auf die Suche nach Unterkünften sagte Palmer: "Ich muss Vorschriften beachten, die für tausendjährige Erdbeben und tausendjährige Hochwasser gemacht sind. Wenn das Haus da aber nur drei Jahre stehen soll, dann würde ich sagen, jetzt lassen wir doch mal die Vorschrift weg, ich muss jetzt Flüchtlinge unterbringen".

Seine Forderungen richtete Palmer oft indirekt und noch öfter direkt an Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. Die wollte sich aber ganz offensichtlich nicht schon wieder um Geld streiten. Schwesig sprach stattdessen das Thema Fremdenhass an: "Von Hetze zur Gewalt ist es kein weiter Weg. Und das macht mir schon Sorgen", sagte sie. 

Auf ebendiesen Zug sprang auch die Journalistin Rita Knobel-Ulrich auf. Ihre Sprache war tropfnass getränkt von Stereotypen. Vor allem muslimische Flüchtlinge hielt sie für einen Quell des Übels, denn die hätten keinen Respekt vor Frauen, der Religionsfreiheit und der Meinungsfreiheit, so die Ansicht von Knobel-Ulrich. Ihren Gegenpart fand Knobel-Ulrich in Bloggerin Kübra Gümüsay.

Dann war da noch Historiker Jörg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universität. Er war der Ruhepol der Runde - und ging als solcher etwas unter. 

Bemerkenswertester Gast

Die junge muslimische Bloggerin Gümüsay war die stärkste Rednerin des Abends. Ihre wohlüberlegten und nach allen Seiten fairen Argumentationen machten Eindruck - auf den Zuschauer ebenso wie auf die Runde. Minutenlang erklärte sie, wie sie sich die neue deutsche Gesellschaft vorstellt: Nicht als eine exklusive Gesellschaft ("Im Moment wissen wir vor allem, was Nicht-Deutschsein bedeutet - Schwarz zu sein, oder Flüchtling zu sein zum Beispiel"), sondern stattdessen als inklusive Gesellschaft, die sich öffnet für alle Menschen, die in Deutschland leben und sich für das Land stark machen (hier nennt sie unter anderem den türkischstämmigen Regisseur Fatih Akin).

Die anderen Talkgäste hören interessiert zu, Anne Will fragt mehrfach nach. Sie ist klug, weltoffen und den Menschen zugewandt, diese junge Frau mit dem Kopftuch. Die Entscheider in der Flüchtlingspolitik sollten sich Menschen wie sie zum Vorbild nehmen. Allen voran die Journalistin Knobel-Ulrich. Doch die greift stattdessen lieber auf die altbekannte Angst-Argumentation zurück. Gerade dreht sie eine Dokumentation über Flüchtlinge unter dem Arbeitstitel "Integrationschaos". Da kann auch Anne Will nur schmunzelnd rhetorisch nachfragen, ob das denn eine offene Heransgehensweise an das Thema offenbare.

Bemerkenswertester Moment und Satz des Abends

"Ich bin ganz bei Ihnen", sagt Gümüsay zu Knobel-Ulrich. "Doch während sie diese Probleme aufzählen, manifestieren sie Stereotype. Warum glauben Sie, dass es schwierig wird, den Flüchtlingen unsere Werte beizubringen?", fragt die Bloggerin die Journalistin. "Ich sehe ja nicht eine Million Herzchirurgen", sagt Knobel-Ulrich darauf in feinster Stammtisch-Manier. "Ein Herzchirurg kann auch Sexist sein", sagt Gümüsay. Das Publikum applaudiert.

Sieger nach Punkten

Siegerin des Abends ist Anne Will. Die Moderatorin zeigte mit ihrem letzten Talk auf dem alten Sendeplatz, dass sie ohne Zweifel in der Lage ist, den sonntagabendlichen Talk von Günther Jauch zu übernehmen. Sie ist sogar die bessere Talkerin als Jauch. Die Sendung war informativ und ausgewogen, Streitpunkte wurden sachlich diskutiert.

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