| 07.58 Uhr

"Auge um Auge"-Nachlese
Der "Tatort" wird zur Kapitalismuskritik

Szenenbilder aus dem "Tatort: Auge um Auge"
Szenenbilder aus dem "Tatort: Auge um Auge" FOTO: MDR/Wiedemann & Berg/Gordon Muehle
Düsseldorf. Das Dresdner "Tatort"-Team muss den Mord an dem Chef einer Versicherung aufklären. Die Nachlese der Folge "Tatort: Auge um Auge". Von Martina Stöcker

Worum ging es? Der Chef der "Alva"-Versicherung wird mit drei Schüssen aus einem Präzisionsgewehr in seinem Büro getötet. Es gibt viele Verdächtige, denn die Versicherung hat wirtschaftliche Probleme und muss Mitarbeiter abbauen und ihre Ausschüttungen an Versicherungsnehmer begrenzen.

Worum ging es eigentlich? Größtmögliche Kapitalismuskritik. "Die Leute stehen an der falschen Stelle, vor Flüchtlingsheimen. Bei Versicherungen, Banken und Konzernen, wo die Wut hingehört, steht keiner", sagt eine ehemalige Mitarbeiterin der Versicherung. Heißt: Es gibt nur Wut gegen arme Schweine, keiner wüte gegen die reichen Schweine. Drehbuchautor Ralf Husmann ("Stromberg") hat mit "Auge um Auge" seinen dritten "Tatort" fürs Dresdner Team geschrieben. Er will darin "Verunsicherung in die Versicherung bringen" – das gelingt ihm. Dabei macht er es sich ziemlich einfach. "Es geht auch darum, dass die Leute, die uns wirklich gefährlich werden, meist nicht die Tätowierten in Lederjacke sind, die uns abends auf der Straße entgegenkommen, sondern die im Anzug, die in Großraumbüros hinterm Computer sitzen", sagt er. Die Konzerne sind böse, die Kunden immer Opfer. So einfach ist es nicht.

Wie war's? Mittel. Das dreiköpfige Dresdner-Team ist einfach sympathisch, punktet mit Wortwitz, muss sich aber in diesem Fall der Moralkeule geschlagen geben. Schade.

Was gelernt? Chefs werden nur diejenigen, denen egal ist, was die anderen sagen. Kann man am Montag bei der Arbeit direkt mal überprüfen.

Wie geht es im Privatleben der Kommissarinnen weiter? Henni Sieland (Alwara Höfels) ist wieder mit ihrem Freund Ole zusammen und betreut in ihrer Freizeit eine Flüchtlingsfamilie. Laut ihrer Kollegin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) macht sie das aber nur, um sich von ihrer unglücklichen Beziehung abzulenken. Am Ende macht sie Schluss. Ob ihr Kollege aber bei ihr landen kann, bleibt offen. Wenn ja, gibt es vielleicht noch mehr Gaga-Dialoge wie "Versprochen, Ingo" – "Bingo!"

Der schönste Spruch "Wenn etwas passiert, geht es uns alle etwas an. Deshalb sind wir keine Bullen, sondern Schweine – wir stecken unsere Nase in jeden Mist", sagt Kripo-Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) auf die Frage des Hauptverdächtigen, was ihn das eigentlich alles angehe.

Der Faktencheck Die Mörderin Martina Scheuring (Henny Reents) fragt Kommissarin Sieland, wie häufig die Versicherung bei Policen zu Unfällen und Berufsunfähigkeit die Leistung verweigern. Sie sagt, in 60 Prozent der Fälle werde nicht gezahlt, und nur jeder Zwanzigste klage gegen die Ablehnung. Stimmt das? Schwierig zu sagen. Es gibt keine belastbaren Zahlen, zudem dürften sie von Versicherung zu Versicherung schwanken. Laut einem Experten bekommen geschätzt zwischen 25 und 35 Prozent der Menschen, die einen Antrag auf Berufsunfähigkeit-Leistung stellen, später keine Leistung. Mit ein Grund dafür ist, dass bei den meisten Fällen die Betroffenen irgendwann in langwierigen Prüfungsverfahren aufgeben.

 

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

"Auge um Auge": "Tatort" wird zur Kapitalismuskritik


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.