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WDR-Journalistin Claudia Zimmermann
"Wir haben doch alle die Tatsachen verschwiegen"

Claudia Zimmermann vom WDR: "Wir haben doch alle die Tatsachen verschwiegen"
Claudia Zimmermann (54) ist Diplom-Journalistin und lebt in den Niederlanden. FOTO: privat
Aachen. Seit ihrem Talk im niederländischen Rundfunk über angebliche Vorgaben des WDR in der Flüchtlings-Berichterstattung bangt Claudia Zimmermann um ihren Job. Im Interview sagt die WDR-Journalistin, sie habe nur ausgesprochen, "was alle wussten".  Von Annette Bosetti

Seit Sonntag steht bei ihr das Telefon nicht still. Mehr als 100 Anrufe landeten bei Claudia Zimmermann (54) auf der Mailbox. Doch sie schweigt. Seit 23 Jahren ist die Diplom-Journalistin freie Autorin des WDR im Lokalstudio Aachen, berichtet aus dem Nachbarland.

Jetzt steht sie in der Schusslinie. In der Talkshow "De Stemming" ("Die Stimmung") des niederländischen Radiosenders Limburg 1 hatte Zimmermann von einer Art Anweisung gesprochen, nach der sie gehalten sei, Merkels Flüchtlingspolitik zu unterstützen und Probleme (mit den Flüchtlingen) in einer "mehr positiven Art anzugehen". Auf die Frage des Moderators, ob Anweisungen festgeschrieben seien, sagte Zimmermann: "Im Prinzip nicht, aber wir sind natürlich ein öffentlich-rechtlicher Sender, das heißt, es gibt verschiedene Kommissionen, die bestimmen, wie unser Programm aussehen muss. Und wir sind natürlich sehr wohl angewiesen, ein bisschen pro Regierung zu berichten." Ein Sturm der Entrüstung brach über die WDR-Journalistin herein.

Wie kamen Sie eigentlich in die niederländische Talksendung?

Zimmermann Von Zeit zu Zeit werde ich in diese kleine Talkrunde eingeladen, die in einem Maastrichter Café aufgezeichnet wird. Ich berichte ja für den WDR aus den Niederlanden, und so soll ich dann in den Niederlanden über die Stimmung in Deutschland berichten. Anlass für diese Einladung waren die Vorgänge in der Silvesternacht in Köln.

Wie kam es zu den umstrittenen Sätzen von Ihnen?

Zimmermann Das war sehr unüberlegt. Und das war mein missglückter Versuch, auf Niederländisch zu erklären, was in Deutschland öffentlich-rechtliche Sender und Rundfunkräte für Organe sind. Ich habe versucht, den Pressekodex in Niederländisch zu erklären. Wir dürften die Herkunft der Täter nicht nennen, wenn es keinen Zusammenhang zur Tat gäbe, zum Beispiel. Ich habe mich falsch ausgedrückt, und das tut mir sehr leid.

Wie gut sprechen Sie niederländisch?

Zimmermann Ich wohne im Nachbarland und spreche die Sprache fließend. Das Problem war, zwei Rundfunksysteme miteinander zu vergleichen, die man nicht so leicht vergleichen kann.

Warum bekamen die Äußerungen nach solch einen Drive?

Zimmermann Das lag nicht an mir, sondern an einem weiteren Talkteilnehmer, einem Politiker, dessen Äußerungen an diesem Sonntag hochpolitisch für die niederländische Regierung sein konnten

Was passierte nach der Sendung?

Zimmermann Vor allem meine Passagen wurden in Deutschland hochgejazzt und durchgewrungen. Sehr schnell meldete sich mein Auftraggeber, der WDR. In Absprache mit mir hat der WDR eine Stellungnahme vorbereitet.

Zwang man Sie zum Dementi ?

Zimmermann Nein, denn ich habe mich ja tatsächlich vergaloppiert, insofern war die Reaktion des WDR nur verständlich.

Was ist seitdem passiert?

Zimmermann Tagtäglich erhalte ich Anrufe, Einladungen, hunderte E-Mails, jetzt auch Glückwünsche zu meiner Zivilcourage. Auf Youtube wird das Thema auch gespielt, die Printkollegen berichten, weil es hochpolitisch ist.

Weil alle wissen, dass sich spätestens seit Köln, vielleicht aber auch schon seit Paris und Charlie Hebdo die Sprachregelung geändert hat. Bis dahin hatten sich nahezu alle Journalisten im Westen zurückgehalten und Täter, wenn sie Ausländer waren, nur selten als solche bezeichnet.

Zimmermann Genau das ist ja der Punkt. Unausgesprochen haben sich fast alle Journalisten über Jahre einen Maulkorb auferlegt, so wie auch die Polizei und die Politik. Wir haben doch alle die Tatsachen verschwiegen, political correctness falsch verstanden.

Und dann kam Merkel mit ihrer Willkommenskultur ...

Zimmermann Genau. Und dass wir Journalisten, egal ob wir regierungsfreundlich oder regierungsfeindlich eingestellt sind, auch in einer gewissen Euphorie zu diesem ausgegebenen Slogan der Willkommenskultur standen, ist doch nur klar. Wer wollte denn Merkel stoppen, als sie so mutig vorpreschte? Ich habe doch nur ausgedrückt, was alle wussten.

Der WDR kam in der Vergangenheit nur selten in den Verdacht, allzu merkelfreundlich zu berichten.

Zimmermann Ja, wenn man den ganzen Talk hört, dann hört man auch, dass ich unterbrochen wurde. Niemals gab es senderintern Anweisungen, merkelfreundlich zu berichten. Nur, es gibt auch eine gefühlte Wirklichkeit. Ich habe das eben so empfunden, dass man als Journalist in diesen Monaten, als die Flüchtlinge kamen und manche dann auch straffällig wurden, nicht allzu kritisch berichten sollte.

Wie geht es weiter mit Ihnen?

Zimmermann Ich weiß es nicht. Natürlich habe ich Angst, dass ich entlassen werde.

Quelle: RP
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