| 15.36 Uhr

"Wetten, dass..?" aus Düsseldorf
Der Lanz kann’s – im Prinzip

"Wetten, dass..?: Vergnügte Gästerunde bei Lanz
"Wetten, dass..?: Vergnügte Gästerunde bei Lanz FOTO: dpa, Sascha Baumann, ZDF
Düsseldorf. 13,62 Millionen Zuschauer für die Premiere von Markus Lanz bei "Wetten, dass..?", nur 4,57 Millionen Zuschauer für Thomas Gottschalk bei der dritten Folge des RTL-Supertalents – der TV-Samstagabend erlebte eine deutliche Abstimmung mit der Fernbedienung. Von Ulli Tückmantel

Das unerwartet deutliche Ergebnis dürfte beim ZDF in Mainz für Aufatmen gesorgt haben. Intendant Thomas Bellut muss nicht zurücktreten, Markus Lanz nicht das Land verlassen, "Wetten, dass..?" ist noch nicht am Ende – nichts lief bei der 200. Sendung am Samstagabend aus Düsseldorf auch nur annähernd so schlecht, wie die Kritiker von Markus Lanz seit Wochen unkten.

Über weite Strecken war es eine gute Samstagabend-Show, die jedoch erhebliche Längen hatte und im Detail noch nicht richtig rund läuft.

Markus Lanz...

...war glänzend vorbereitet und hat sich sehr bemüht. Das sagt man normalerweise immer, wenn einer etwas nicht kann. Bei Lanz war es eher so, dass man ihm sein Bemühen ständig anmerkte – selbst, wenn es gerade richtig gut lief. Und es lief dann am besten, wenn Lanz sich nicht auf die vorgefertigten, dünnen Gags seiner Redaktion verließ, sondern spontan reagierte. Beispiel Einstiegs-Witz: In Düsseldorf ist die Pelzdichte höher als in Grönland – oh je. Da schwante einem Schlimmes. Beispiel Konter einer Politiker-Antwort von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft: "Sie sollen hier nicht lügen, ich wollte wissen..." Das war frech, kam aber trotzdem charmant rüber.

Teils setzte Markus Lanz gute eigene Pointen, aber zu leise für eine so laute Sendung. Teils gingen sie unter oder wurden nicht verstanden. Zwar verzichtete Lanz auf die berüchtigten Moderations-Karten aus seiner Talkshow, aber er arbeitete die Fragen an seine Gäste streng nach auswendig gelernter Liste ab. Das wird in den nächsten Sendungen besser werden. Wer weiß, dass er es kann, muss nicht ständig "ich kann's" demonstrieren.

Die Gäste...

...waren allesamt schwierig und der ständigen Ansprache durch den Moderator bedürftig. Karl Lagerfeld war ungefähr so gesprächig wie Pan Tau, seine knarzigen Kommentare dagegen hübsch skurril. Rafael und Sylvie van der Vaart, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und "Tote Hosen"-Sänger Campino machten allesamt eine gute Figur, verhielten sich aber außerhalb der Interviews vor ihren Wetten wie Dekorations-Gegenstände.

"Tatort"-Kommissar Wotan Wilke Möhring mag ein toller Schauspieler sein, auf dem Sofa war er aber auch ein toller Langweiler, Opernsänger Rolando Villazón und der angebliche Comedian Bülent Ceylan nervten. Die Enttäuschung des Abends: Jennifer Lopez sang ein schlechtes Playback, kam nach längeren Dekorationsarbeiten an sich selbst aufs Sofa und redete wirres Zeug. Cindy aus Marzahn als Side-Kick für Lanz in die Sendung einzubauen, war überflüssig. Dass es Lanz gelang, damit zumindest bis 22.30 Uhr unterhaltsam auf Sendung zu sein, spricht für ihn.

Die Wetten...

...will Lanz deutlich ernster nehmen als sein Vorgänger Gottschalk. Das Problem: Mit Ausnahme der Kinderwette des zehnjährigen Julian aus Meerbusch, der das Berliner S-Bahnsystem auswendig gelernt hatte und die Stationen wie eine automatische Haltestellenansage herunterbeten konnte, waren die Wetten einerseits zum Teil nicht wirklich fernsehtauglich, andererseits fragte man sich ständig, warum das ein oder andere "Talent" damit bei "Wetten, dass..?" und nicht beim RTL-Supertalent gelandet war, das mit Gottschalk als Moderator zeitgleich lief. Das muss ein Nachspiel in der ZDF-Redaktion haben, bei der offenbar noch nicht angekommen ist, dass im neuen "Wetten, dass..?" nicht mehr jeder abseitig Sonderbegabte vor die Kamera gelassen werden darf.

Cihan Calis wurde mit seiner verlorenen Wette "Slackline" (Fallrückzieher auf einem Balance-Seil ins Tor) vor allem deshalb Wettkönig, weil die Kinder-Wette von Julian nicht mit in die Wertung kam und er von allen Kandidaten der am wenigstens schlechte war. Johann Redl, bereits fünfmal bei "Wetten, dass..?" zu Gast, versemmelte seine Außenwette mit dem Traktor bereits nach einer Minute. Das war Pech. Die Wetten von Detlev Jarchow und Anika Hellemann ("Ohren morsen") und Monika Thaler ("Hundehaare") taugten nicht für die Show. Die Außenwette mit dem Deutschlandachter im Düsseldorfer Innenhafen war so aufwändig wie belanglos. In Erinnerung blieb einzig Comedian Michael Kessler ("Switch reloaded"), der in Bestform Günther Jauch parodierte.

Die Stadtwette, bei der Nackte das Vereinsemblem von Fortuna Düsseldorf auf der Wiese vor dem Landtag nachstellten, funktionierte. Dass die Mannschaft dazu kam, war Glück. Das hätte peinlich enden können, so war sie für eine Stadtwette einfach nur schlecht besucht. Das ist das Freundlichste, was man darüber sagen kann.

Die Show-Acts...

...waren okay, die Toten Hosen feierten natürlich im ISS Dom ein Heimspiel. Cro, der deutsche Rapper mit der Pandamaske, kam gut an. Jennifer Lopez lieferte eine nett anzusehende Bühnenshow, aber ein miserables Playback (unterirdisch, wie konnte das passieren?), die Einlagen der weißgeschminkten "Vocca People" wurden zumindest vom Hallen-Publikum als "geht so" bis "nette Auflockerung" wahrgenommen.

Die neuen Show-Elemente...

...müssen alle noch einmal aufgebockt und getunt werden. Die ZDF-Leute haben noch nicht so richtig heraus, was man mit der fahrbaren Couch anstellen kann. Und in der Halle funktioniert sie gar nicht, wenn man für die TV-Bilder schnelle Publikums-Reaktionen einfangen will. Steht die Couch "mit dem Rücken" zum Publikum, sieht es nur Monitor-Bilder; steht die Couch mit dem Rücken zur Bühnenwand, sieht das Hallen-Publikum nur die Couch, weiß aber nicht, welche Bilder gerade gesendet werden.

Die "Lanz-Challenge" ist nach den Maßstäben von Stefan Raab, und das ist DER Maßstab für solche Einlagen, ein Witz. Mit einem Kasten Bier auf dem Rücken ein paar Liegestützen machen, ist Kneipensport, mehr nicht. Entweder baut Lanz die Challenge kräftig aus, wofür vieles spricht, denn Moderatoren mit Körpereinsatz gibt es noch nicht bis zum Überdruss, oder aber er lässt das weg. So aber ist es nichts Halbes und nichts Ganzes.

Der Gesamteindruck...

...verlor durch die Länge der Sendung. Ab 22.30 Uhr, und von da an dauerte es noch eine Stunde, zeigte das Studio-Publikum Auflösungserscheinungen. Ab 23 Uhr waren etliche Sitze leer, die privaten Quergespräche gewannen an Lautstärke. "Überziehen" als Markenkern (nichts daran war spontan, das ZDF hatte die leichte Überziehung bereits im Ablaufschema der Sendung eingeplant) hat ausgedient. Die Show muss schneller werden, und sie darf kürzer sein.

Aber alles in allem war es ein netter Abend mit einem netten Moderator, dem sein Job nicht egal ist und der ein richtig guter Gastgeber ist. Man bricht nicht in Begeisterung aus, aber mal ehrlich: Wann ist man das denn bei "Wetten, dass..?" zum letzten Mal?

Weitere Fotos der Stadt- und Außenwette finden Sie auf TONIGHT.de!
 

(top/das/pst/rl)
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