| 16.22 Uhr

Berlin
Ein Aufrechter im deutschen Westen

Berlin. Der ARD-Spielfilm "Die Akte General" mit Ulrich Noethen setzt dem Nazi-Jäger Fritz Bauer ein Denkmal.

Die 50er Jahre waren vor allem Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Die Bewältigung der Nazi-Zeit blieb dahinter zurück, insbesondere in Kreisen der Justiz. Davon handelt der Film "Die Akte General".

Mit dem "General" ist Fritz Bauer (Ulrich Noethen) gemeint, der als hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt in den Jahren 1959 bis 1962 die Frankfurter Auschwitz-Prozesse maßgeblich vorantrieb. Als deutscher Jude selbst nur knapp der NS-Verfolgung entgangen, nutzt er seinen Posten zum Kampf gegen Antisemitismus und Unrecht - getreu seinem Motto: "Wir haben die Pflicht, uns unbeliebt zu machen". Dabei kommt er auch Bundeskanzler Konrad Adenauer (großartig: Dieter Schaad) und Kanzleramtschef Hans Globke (verhalten: Bernhard Schütz) in die Quere - Globke hatte als Jurist unter den Nazis an den "Nürnberger Rassegesetzen" mitgearbeitet.

Bauer protegiert den jungen Staatsanwalt Joachim Hell (David Kross), der ihn nach Kräften unterstützt, ihn aber auch bespitzelt und eine "Akte General" anlegt. "Die Figur des Joachim Hell ist ja erfunden, sie setzt sich aus mehreren realen Personen zusammen. Er will vor allem einfach nur ein guter Anwalt werden, wohl auch Karriere als Staatsanwalt machen, bis er allmählich merkt, in was für einen brisanten Fall er da geraten ist", sagte der Schauspieler David Kross (25, "Der Vorleser"). "Hell denkt natürlich auch an sich selbst, denn er hat ja auch eine Familie gegründet, die gefährdet ist und die er beschützen muss und möchte."

Das tut er zwar, aber er misstraut auch seinem Chef. "Auf der einen Seite verehrt er Fritz Bauer, auf der anderen Seite kontrolliert er ihn", sagte Kross. "Bis er merkt, dass sein Chef genau der richtige Mann ist, der für den Rechtsstaat kämpft. Der Stoff des Filmes ist sicher auch heute aktuell, und Fritz Bauer ist bestimmt ein ähnlicher Held wie Edward Snowden."

Da möchte man nicht widersprechen. Dieser Fritz Bauer (1903-1968) war das, was man einen absolut integren und mutigen Mann nennt, der für eine Sache gekämpft und sein eigenes Leben dabei zurückgenommen hat. Er hat für das, was er als richtig und gerecht empfunden hat, viele Entbehrungen in Kauf genommen. Was auch für sein Privatleben gilt, denn seine Vorliebe für junge Männer konnte er in der spießigen Nachkriegszeit natürlich nicht ausleben.

Die Mechanismen (Repression und Restauration) und Vorurteile (Hass gegen Andersdenkende und Minderheiten), die der erzählerisch und atmosphärisch dichte Politthriller zeigt, sind leider immer noch aktuell.

Autor Axel Bursch und Regisseur Stephan Wagner ist mit ihrem Film eine eindrucksvolle Hommage an Fritz Bauer gelungen. Ulrich Noethen macht mit seinem zurückgenommenen Spiel alle Facetten dieser faszinierend-knorrigen Persönlichkeit schmerzhaft deutlich.

Er zeigt den Anwalt als aufbrausenden Einzelgänger und Humanisten samt seinem unerschütterlichen Glauben an die Demokratie, und er zeigt viel von seiner Zerrissenheit angesichts seiner Existenz als jüdisch erzogener, homosexuell empfindender und liberal denkender Sozialdemokrat in einer ausgesprochen konservativen Zeit.

Sein Fritz Bauer hat ständig eine Kippe im Mundwinkel, denkt laut nach und schwäbelt, was das Zeug hält. Noethen trägt eine Perücke, doch das ist auch schon das einzig Künstliche an seiner Darstellung des verkannten Helden. Ein sehenswertes Kammerspiel.

"Die Akte General", ARD, 20.15 Uhr

(dpa/kna)
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