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"Black Mirror"
Die wichtigste Serie der Gegenwart

"Black Mirror": Die wichtigste Serie der Gegenwart
Die Zukunft aus "Black Mirror" unterscheidet sich oft nur marginal von der Gegenwart. FOTO: David Dettmann/Netflix
London/Washington. Die Serie "Black Mirror" skizziert drohende Nebenwirkungen unserer wachsenden Sucht nach der Droge Technik. Von Tobias Jochheim

Lacie ist ständig hin- und hergerissen zwischen nervöser Angst und Glück. Glück, das ist, wenn sie jemand per Smartphone-Fingerwisch mit fünf von fünf möglichen Sternen bewertet – und sei es ein Kellner, der mechanisch ihre Bewertung für ihn erwidert. Angst steigt in der Frau mit dem festgefrorenen Lächeln auf, als sie den Kollegen sieht, der ihr gestern noch einen Gratis-Smoothie aufgedrängt hatte und heute nicht mehr ins Gebäude darf: Zu unbeliebt. Asozial. Potenziell gefährlich. Vieles wird nun teurer für ihn werden, diverse Jobs, Wohnungen und Waren sogar komplett unerreichbar.

Ist das wirklich so weit hergeholt? Oder nur der nächste Schritt des Bewertungs-Wahns und der Jagd nach Facebook-"Likes", Twitter-Sternchen, Instagram-Herzchen?

Mit diesem Szenario beginnt die dritte Staffel der TV-Serie "Black Mirror", die 2011 in Großbritannien angelaufen war, der aber trotz Emmy-Gewinn und wahren Lobeshymnen von Kritikern nie der Durchbruch gelang. Nun ist es so weit. "Black Mirror" zeigt auf kluge und oft nur schwer erträgliche Art, wie schmal der Grat ist zwischen Utopie und Dystopie, wie groß die Verlockung ist durch immer schickere, smartere Helferlein mit ihren Bildschirmen, die wir immer seltener abschalten und als schwarze, unergründliche Spiegel erkennen.

 

Der Online-Streamingdienst Netflix hat die Rechte an den sieben älteren "Black Mirror"-Episoden gekauft und sechs weitere produziert, sodass derzeit 13 abrufbar sind.

Die Seh-Reihenfolge ist egal, denn nichts verbindet die Episoden. Sie haben unterschiedliche Protagonisten, Schauplätze, sogar Genres und spielen in unterschiedlich weit entfernten Zukünften. Das einzige verbindende Element erklärt der Schöpfer der Serie, der Medienkritiker und Satiriker Charlie Brooker (45), so: "Es geht um die Art, wie wir innerhalb von zehn Minuten leben könnten, wenn wir uns etwas ungeschickt anstellen."

Die Pilot-Folge "Der Wille des Volkes" ist eine bitterböse Voyeurismus-Satire, die auch schon heute spielen könnte. Der Entführer einer beliebten britischen Prinzessin stellt weder politische noch finanzielle Forderungen. Stattdessen verlangt er, dass der Premierminister vor laufender Kamera für alle Welt Geschlechtsverkehr mit einem Schwein vollzieht. Selbstverständlich weigert sich der Politiker strikt, doch je näher der Ablauf des Ultimatums rückt, desto stärker bedrängt ihn nicht nur das Königshaus; vor allem auch die öffentliche Meinung dreht sich gegen ihn...

Die Grundzüge der immer neuen Welten wirken verblüffend stimmig 

"Das Leben als Spiel" zeigt die miserable Existenz des sympathischen Burschen Bing Madsen. Er lebt in einer Zelle, deren Wänden aus Monitoren bestehen, die ihn unablässig mit Trash-TV, Kinder-Cartoons und Pornos bombardieren. Nahrungsmittel muss er sich verdienen, indem er auf einem Ergometer strampelt. Der einzige Ausweg besteht darin, eine Castingshow zu gewinnen.

Die Grundzüge der immer neuen Welten wirken verblüffend stimmig und erschließen sich im Verlauf der Folgen, die meist kürzer sind als eine Stunde. Herzstück der meisten Episoden ist eine geniale und scheinbar erstrebenswerte Erfindung, die sich aber schnell als höllisch herausstellt. Zu großes Potenzial zur Potenzierung von Eifersucht, Kontrollzwang, Selbstjustiz.

"Das transparente Ich" etwa zeigt uns 24 Stunden in einer Welt, in der beinahe jeder sein gesamtes Leben durch eine Miniaturkamera à la "Google Glass" aufzeichnen kann. In Bild und Ton, mit Zoomfunktion, automatischer Verschlagwortung und Archivfunktion. Die Möglichkeit, sich jeden tatsächlichen oder vermeintlichen Wendepunkt seines Lebens immer wieder ansehen zu können, lässt das Leben der Hauptperson Liam implodieren. Robert Downey Junior ("Iron Man", "Sherlock Holmes") hat sich das Recht gesichert, diese Folge in einen Hollywood-Film zu verwandeln.

Andere Folgen skizzieren, was passiert, wenn man Verstorbene Stück für Stück wiederauferstehen lässt auf Basis der digitalen Spuren, die sie zu Lebzeiten hinterlassen haben, oder vom Erfolg einer vulgären Cartoon-Figur in der echten Politik.

"Ich hoffe, nichts des darin Gezeigten wird wahr"

"The Future is Broken", die Zukunft ist kaputt, ist der Slogan der Serie – und nichts weniger zeigt sie auf manchmal arg düstere, beklemmende Art. Gewarnt sei vor den Horror-Schockern "Männer aus Stahl" und "Erlebnishunger" und, fast noch mehr, vor den thrillerhaften "Böse neue Welt", "Mach, was wir sagen" und "Weiße Weihnacht".

Brooker sagt: "Ich hoffe, nichts des darin Gezeigten wird wahr." Ein Punkt ist ihm besonders wichtig: "Wir stellen Technologie nicht als böse dar. Letztendlich geht es immer um menschliche Schweinereien und menschliches Versagen."

Die sich allerdings immer verheerender auswirken; totale Quantifizierung und Transparenz tun uns nicht gut. Wenn es so weiter geht, brauchen wir keinen Krieg, um uns ins Verderben zu stürzen, keine Diktatur, keine Naturkatastrophe und schon gar keinen Alien-Angriff. Es reicht, wenn wir uns noch ein wenig fester an die Technik klammern, an Soziale Medien und Trash-TV, an Smartphones und dauerfilmende Mini-Kameras wie das (auf Eis gelegte, aber garantiert nicht aufgegebene) Projekt "Google Glass". Jede neue Technologie ermöglicht uns auch, einander und uns selbst wirksamer zu verletzen.

"Black Mirror" fragt: Warum seid Ihr nicht vorsichtiger, warum habt Ihr nicht mehr Angst?

Quelle: RP
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