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"Die Politiker-WG"
WDR führt in Marxloh Politiker vor

Bilder aus der Marxloh-Doku "Die Politiker-WG"
Bilder aus der Marxloh-Doku "Die Politiker-WG" FOTO: WDR
Düsseldorf. Passend zum Besuch von Kanzlerin Merkel in Marxloh strahlte der WDR seine Doku-Soap über eine Politiker-WG aus, die den Stadtteil nach vorne bringen soll. Im Wesentlichen ging es dem Film offenbar nur darum, Politiker als weltfremde Idioten bloßzustellen. Von Philipp Stempel

Über Marxloh als Ort des Elends und Verwahrlosung ist in den vergangenen Wochen genug geschrieben worden. Am Vorabend des Kanzlerinnenbesuchs im Duisburger Stadtteil strahlte der WDR zu allem Überfluss noch eine Doku über eine Politiker-WG aus, die er nach Marxloh hineingesetzt hatte.

Vom Ansatz her eine reizvolle Idee: Anhand konkreter Menschen und Aufgaben aufzuzeigen, welche Gestaltungsmöglichkeiten Politik überhaupt noch hat, hätte Verständnis für alle wecken können – diejenigen, die sich einsetzen, um etwas zu verändern, und diejenigen, die Hilfe brauchen.

"Wir wollen es echt haben, authentisch"

Duisburg-Marxloh - Porträt eines Problem-Stadtteils FOTO: dpa, mjh fg lof

Vorwürfe, es handle sich bei dem Format nur um eine öffentlich-rechtliche Version von "Promi Big Brother", wiesen die Redakteure als Unfug zurück. Es geht um die Inhalte – wir wollen keine Inszenierungen", betont Redakteur Simon Pützstück. "Wir wollen es echt haben, authentisch. Darum gehen wir mitten ins Viertel."

Bereitgestellt für das Brennpunkt-Experiment haben sich insgesamt sieben Politiker aus allen wesentlichen Parteien. Jüngste Teilnehmerin ist mit 17 Jahren Paula Marie Purps (CDU), ältestes Mitglied Klaus Franz, 61, CDU-Bürgermeisterkandidat für Bochum. Außerdem dabei: Manuel Dröhne (Juso aus Oberhausen), Lisa-Marie Friede (Grüne), Luisa-Maximiliane Pischel (Junge Liberale), Ulrich Scholten (SPD-Bürgermeisterkandidat für Mülheim/Ruhr) und Kathrin Vogler (Bundestagsabgeordnete, Die Linke). Fest steht: Egal welcher Partei sie auch angehören – für keinen ist Marxloh eine leichte Aufgabe.

Doch schnell wird klar, dass es hier im Subtext um etwas anderes geht. In süffisantem Ton werden die Politiker zunächst als realitätsferne Schaumschläger vorgeführt. Die langen Gesichter, als sie mit der schlichten WG-Unterkunft konfrontiert werden. Eingeschüchterte Sätze nach dem ersten Kennenlernen der verbreiteten Macho-Kultur wie "Eigentlich bin ich eine Person, die gerne mitredet." Sinnlos-Kommentare von Nachwuchspolitikern, die auch bei Big Brother auf Sat1 nicht stören würden: "Ich bin gespannt, was sich so ergibt – dann gucken wir mal, was sich so ergibt."

Angela Merkel besucht Duisburg-Marxloh FOTO: dpa, rwe mg

Wie hilflose Würstchen

Im Kontrast zu den hilflosen Politiker-Würstchen schneidet der Film die "Realität" von Marxloh. Junge Männer, die von Koks und Nutten reden. Müll in den Hinterhöfen. Weinende Kinder auf dem Arm ihrer überforderten 16-jährigen Mutter, Menschen ohne Hilfe. "Ein Drecksloch, jeder, der nix hat, wird hier reingeschmissen", sagt ein junger Mann auf der Straße über seinen Stadtteil. "Die Marxloher Realität wartet", kündigt eine Sprecherin drohend im Hintergrund an. "Dafür werden wir sorgen. Und es wird ganz schön zur Sache gehen."

Für ihre Politiker haben die Filmemacher eine Reihe von Aufgaben entwickelt, die sie binnen einer Woche angehen sollen und damit unter Beweis stellen sollen, ob sie in der Lage sind, in einem sozialen Brennpunkt konkrete Hilfe zu leisten.

Nachts unterwegs in Duisburg-Marxloh FOTO: Christoph Reichwein

Die Gesundheitsversorgung soll verbessert werden. "Das ist eine ganze Kleinstadt ohne Krankenversicherung", sagt eine Ärztin, die versucht Familien mit dem Nötigsten zu versorgen. Zudem soll ein Jugendtreff her, außerdem soll ein Anlaufstelle organisiert werden, in der Marxloher lernen können zu kochen – und das bitte möglichst gesund.

Manche Szenen sind ein Ärgernis

Die ersten Begegnungen sind von peinlichen Unsicherheiten geprägt. Beim Besuch eines Marktes glucken die Politiker in ihrer Kleingruppe zusammen, stehen orientierungslos in der Gegend herum. Einzige Ausnahme: die Linke Katrin Vogler, die als Bundestagsabgeordnete längst jede Scheu abgelegt hat, auf Menschen zu zugehen.

Manche Szenen sind so überflüssig wie ärgerlich. Wenn sich Bürgermeisterkandidat Scholten und Vogler am satt mit Brötchen und Nutella bepackten Frühstückstisch darüber lustig machen, dass es im WG-Haus kein Netz gibt, wirkt das so, als ob es ein paar verwöhnte Herrschaften einfach nicht kapiert haben. "Das wahre Leben wartet", heißt es dann im Kommentar zu den Bildern.

Der Film konfrontiert Politiker mit Aufgaben, an denen Sozialarbeiter sonst über Jahre arbeiten. Sie sollen aushelfen an der Lebensmitteltafel, im Sprachkurs oder beim Ausmisten des Mülls. Von den Problemen, die sich auftun, wenn man etwas auf Dauer verändern will, ist keine Rede. Dabei ist das das Kerngeschäft der Politik. Das Autorenteam macht es sich an dieser Stelle ein bisschen zu einfach. 

Veränderung ist ein mühsames Geschäft

Jeder Duisburger weiß, dass in dem über Jahrzehnte überforderten Stadtteil binnen einer Woche kaum etwas wirklich besser werden kann. Zumindest eins wird dem Zuschauer klar: Gesellschaftlich etwas zu bewegen, ist ein äußerst mühseliges Geschäft. Eine Küche für den Stadtteil lässt sich eben nur unter Auflagen des Gesundheitsamtes aufbauen, medizinische Versorgung ohne Sozialversicherung ist schwierig, für einen Jugendtreff braucht es einen Ort, Personal und Akzeptanz.

Gemessen daran bekommen die Politiker erstaunlich viel auf die Beine. Über ihre Verbindungen können sie einen Linienbus organisieren, den sie als mobilen Jugendtreff einrichten, liefern bei der medizinischen Notversorgung eine Tasche mit Medikamenten ab, trommeln Spenden von 2000 Euro zusammen.

Das verdient Respekt.

Bilder der Doku finden Sie hier in einer Fotostrecke. 

Wer mag, kann sich die Doku hier in der ARD-Mediathek ansehen.

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Duisburg-Marxloh: WDR stellt in Politiker-WG Politiker als Volltrottel dar


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