| 20.08 Uhr

Berlin
Eine Obdachlose und ihre Tochter

Berlin. Der ARD-Film erzählt von der Gefahr des sozialen Abstiegs und der Hilflosigkeit der Angehörigen. Von Nathalie Waehlisch

Irenes Beine sind voller Wunden, ihr Hab und Gut schleppt sie in Tüten auf einem Fahrrad mit. Sie pöbelt Leute an, trinkt Hochprozentiges und übergibt sich in aller Öffentlichkeit. Die meisten Passanten sehen weg, wenn die "verrückte Frau" ihren Weg kreuzt. Doch wie damit umgehen, wenn sie die eigene Mutter ist? Damit muss sich Kindergärtnerin Nadja auseinandersetzen, seit ihre Mutter Irene psychisch krank und zur Alkoholikerin geworden ist. Scham, Wut, Liebe, Hilflosigkeit - sie erlebt ein Wechselbad der Gefühle, das sie an ihre Grenzen bringt.

Die Schauspielerinnen Brigitte Hobmeier und Jutta Hoffmann verkörpern Nadja und Irene in dem Film des Bayerischen Rundfunks "Ein Teil von uns" mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Es ist ein schwieriger Stoff, den Regisseurin Nicole Weegmann ("Ihr könnt euch niemals sicher sein") und Drehbuchautorin Esther Bernstorff ("Vier Könige") aufgreifen. "Die Gefahr des sozialen Abstiegs, des Scheiterns in der Gesellschaft, ist allgegenwärtig", sagt Weegmann. Der Film erzähle ein Tabuthema.

Man hätte sich als Zuschauer gewünscht, noch mehr zu erfahren, wie Irenes Lebensweg verlief. Es gibt nur kurze Rückblicke, man sieht eine jüngere Irene mit ihren Kindern; auch hier gab es schon Probleme mit Alkohol.

Der Film setzt ein, als sie schon ganz unten ist. Auf der Hochzeit ihres Sohnes taucht Irene wie aus dem Nichts auf. Betrunken randaliert sie, als man sie des Saales verweisen will - Fremdschämen bei der Hochzeitsgesellschaft. Während Vater und Sohn in Schockstarre verfallen, läuft Nadja hinterher. Wie immer - sie hat sich von früh an um ihre Mutter gekümmert, während ihr Vater sich getrennt hat und ihr Bruder hilflos ist. "Die größte Herausforderung war für mich die Ausweglosigkeit der Figur", sagt Hobmeier ("Die Hebamme"). "Sie will meilenweit wegrennen und kommt keinen Millimeter voran." Die Sichtweise des Films habe sie in den Bann gezogen. "Ich gestehe, dass mir, wenn ich einen Obdachlosen auf der Straße gesehen habe, nie der Gedanke kam, ob dieser Mensch eine Familie hat", sagt die Schauspielerin.

"Ein Teil von uns", Das Erste, 20.15 Uhr

(dpa)
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