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"Fast perfekt" mit Anke Engelke
Dellen, Knubbel und Fitnessfexe

Fast perfekt in der ARD mit Anke Engelke: Dellen, Knubbel und Fitnessfexe
Anke Engelke testet, ob sie mit Strom im Kopf schneller rechnen kann. FOTO: WDR/good karma productions
Köln. In "Fast perfekt – Anke und die Selbstoptimierer" untersucht Anke Engelke den anstrengenden Zwang, immer besser, schöner, schlauer zu werden – ein bekanntes Thema mit neuen Denkstübern. Von Anja Rützel

Anke Engelke sitzt in einer selbst gezimmerten Behelfsbude in der Bonner Fußgängerzone und ist sauer. Gerade haben ihr zwei Mädchen erzählt, dass es an ihrer Schule, unter ihren Freundinnen ganz normal sei, sich schon mit elf oder zwölf Jahren zu dick zu fühlen. "Das ist zu früh, Mann!", sagt Engelke ehrlich entsetzt. "Optimierungsstelle" steht in dicken Lettern auf ihrem Stand, und hier lässt die Moderatorin zufällig vorbei schlendernde Menschen erzählen, warum sie sich selbst nicht gut genug fühlen – als Ausgangspunkt für ihre ARD-Doku "Fast perfekt – Anke und die Selbstoptimierer". 

Wie kommt das, fragt sie sich 60 Minuten lang, dass alle Menschen immerzu glauben, sie müssten schöner, schlauer, jünger, besser sein? Zur Erkundung dieses komischen Drangs zur Selbst-Bemotzung unternimmt sie lauter kleine Exkursionen: Sie lässt sich eine Strommütze aufsetzen, um zu überprüfen, um kleine Stromreize ihr Gehirn tatsächlich besser rechnen lassen (ein wenig schneller wird es, immerhin). Sie spricht mit einem Ritalin-Abhängigen, der sich selbst im Naturzustand einfach nicht mehr genug finden kann. Sie fragt Fitness-Fexe mit Messarmbändern, die ihren Körper nur noch als Daten ausspuckende Maschine sehen, ob sie nicht Angst haben, ihre Freiheit zu verlieren. Und sie lädt optisch mit sich Hadernde zu einem Workshop, in der alle zur Abwechslung einmal versuchen, wohlwollend auf sich selbst zu schauen, statt sich immer nur auf Dellen, Knubbel und all die anderen Gebrauchsspuren, die das Leben eben so mit sich bringt, zu fixieren. Wäre es nicht ziemlich cool, fragt Engelke, sich einen Spruch auf den Badeanzug sticken zu lassen: "Wenn ihr diesen Hintern groß findet, dann schaut euch erst mal mein Diplom an!" 

Peter Ohnemus erklärt Anke Engelke seine Gesundheits-Optimierungs-App. FOTO: WDR/good karma productions

Die Moderatorin liefert, wie fast immer in ihren Doku-Ausflügen, keine wohlfeile Lösungen und abschließenden Deutungen – das ist das Gute, Sympathische, Entwaffnende daran: Sie hört zu, fragt nach, bohrt vorsichtig in Wunden – und stübert damit auch den Zuschauer sanft in die Seite, um ihn zum Weiterdenken zu bringen. Dabei helfen ihr dieses Mal besonders ihre Protagonisten, die sie ganz einfache Sätze sagen lässt, die wirken. "Was meinst du, was passieren würde, wenn plötzlich alle Menschen mit sich zufrieden wären?", sagt eine ihrer Gesprächspartnerinnen, ein Plus-Size-Model: "Da würden ganze Unternehmen pleite gehen." Warum wir so oft übersähen, worum es eigentlich beim Menschsein wirklich geht, fragt eine andere: "Wenn wir tot sind, sagt bei der Trauerfeier doch keiner: Wir mochten ihn, weil er so eine schöne Dauerwelle hatte, oder so eine schöne Nase." 

Am Ende besucht Engelke Kinder mit Down-Syndrom und spricht mit deren Eltern über die schlimmst denkbare Konsequenz eines kalt zu Ende gedachten Optimierungszwangs: Was passiert, wenn manche Menschen dann von vornherein aussortiert würden? Es braucht diesen letzten Anstoss schon fast nicht mehr, das Hirn hat sich schon an einem anderen Gedanken festgebissen: Warum, jetzt mal wirklich, wollen wir unbedingt immer besser, schöner, schneller werden – wenn das Leben an sich doch naturgemäß völlig ineffizient ist.

In unserer Bilderstrecke sehen Sie, wie sich Schönheitsideale von Land zu Land unterscheiden.

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