| 14.15 Uhr

Moderator Constantin Schreiber im Libanon
Clausnitz schreckt hier niemanden ab

Flüchtlinge im Libanon: Selbst Clausnitz schreckt keinen ab
Eine Frau in einem Flüchtlingscamp im Libanon. FOTO: dpa, wh moa
Düsseldorf. Der Moderator Constantin Schreiber recherchierte für seine Sendung "Marhaba – Ankommen in Deutschland" die Stimmung in libanesischen Flüchtlingscamps. Sein Befund: Weder die Krise an der mazedonischen Grenze noch die Bilder aus Clausnitz halten die Menschen davon ab, nach Deutschland zu kommen. Von Philipp Stempel

Seit Dezember 2015 macht Schreiber mit seinem Format "Marhaba – Willkommen in Deutschland" zweisprachiges Fernsehen für Flüchtlinge und Deutsche. Für den Dienstag ist die nächste Ausgabe geplant. Thema: Lassen sich Flüchtlinge von den Pläne der Bundesregierung beeindrucken, die Flüchtlingszahlen zu reduzieren? Und was wissen sie überhaupt von der zunehmend aggressiven Debatte in Deutschland? Den Übergriffen von Clausnitz?

Erste Szenen bei Twitter

Die Antwort: Sie wissen nichts. So zumindest fasst Schreiber seine Beobachtungen im Gespräch mit unserer Redaktion zusammen. In Flüchtlingscamps im Libanon sammelte er Stimmen. Etwa 1,2 Millionen Syrer hat das kleine Land mit seinen gerade mal 4,5 Millionen Einwohnern aufgenommen. Umgerechnet auf Deutschland wären das um die 20 Millionen Flüchtlinge.

Moderator Constantin Schreibe (Mitte) bei der Arbeit. Im Hintergrund: Flüchtlinge im Libanon. FOTO: Constantin Schreiber

Auf Twitter zeigt Schreiber vorab bereits einige Szenen. Zum Beispiel, wie er einem Mann das Video von Clausnitz vorspielte, das in Deutschland für so viel Entsetzen sorgte. Dessen Reaktion: "Überall auf der Welt gibt es Menschen, die gegen etwas sind. Das ist doch nur eine winzige Minderheit in Deutschland."

"Andere bezweifelten sogar die Echtheit des Videos", erzählt Schreiber. Nichts hat bisher die Anziehungskraft Deutschlands als Ziel Nummer eins beeinträchtigen können. Weder das inzwischen parteiübergreifend formulierte Ziel, die Zahl der Flüchtlinge zu reduzieren, noch der immer wieder aufflackernde Fremdenhass in Teilen des Landes.

Selbst von der geschlossenen mazedonischen Grenze geht demnach keine Signalwirkung aus. Das sei eben Mazedonien, aber nicht Deutschland, argumentieren die Flüchtlinge. Offensichtlich habe sich ein bestimmtes Bild von Deutschland in den Köpfen festgesetzt, sagt Schreiber. "Es dauert offenbar sehr lange, bis sich das wandelt."

Gerüchte halten sich hartnäckig

Das liegt nicht zuletzt an den Informationsquellen, denen Flüchtlinge in der Regel vertrauen. Oftmals sogar so stark, dass sie selbst im Gespräch mit einem deutschen Reporter in voller Überzeugung darauf beharren, dass Clausnitz eine Übertreibung ist.

"Wenn man nachfragt, woher sie das denn wissen, bekommt man dann meist diffuse Antworten. Über ein Telefonat mit dem Bruder vom Onkel, der in Deutschland lebt zum Beispiel. Auch bei Flüchtlingen haben Gerüchte daher offensichtlich eine lange Überlebensdauer.

Hinzu kommt laut Schreiber, dass in den Medien Libanon gar nicht über die deutsche Diskussion zu Obergrenzen und Abschiebungen berichtet wird. Eine libanesische Kollegin sei darüber völlig erstaunt gewesen, erzählt Schreiber. In gebildeten Schichten sei das Bild Deutschlands ungetrübt.

Für Kanzlerin Angela Merkel sind das keine guten Botschaften. Zumal ein ihr Ansatz, Fluchtursachen zu bekämpfen, anscheinend nicht greift. So zeigt der Versuch, die Lage in den Flüchtlingscamps bei Nahrungsmitteln, Unterkunft oder etwa dem Schulbesuch so zu verbessern, dass die Menschen dort bleiben, nach Schreibers Beobachtungen keinerlei Wirkung.

"Marhaba – Ankommen in Deutschland" strahlt der Sender n-tv am Dienstag um 17.10 Uhr aus. Teil der Sendung wird auch ein Talk mit deutschen Politikern und zwei Vertretern aus dem Libanon sein: Sevim Dagdelen (Die Linke), Martin Patzelt (CDU), Dana Sleiman (UN-Flüchtlingshilfswerk) und Hussein Salem (Sozialministerium Libanon).

(pst)
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