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Julia Probst im Interview
Die Gehörlose, die den Gehörlosen-"Tatort" so gut machte

Gehörlosen-Tatort Saarbrücken mit Bloggerin Julia Probst
Julia Probst. FOTO: Julia Probst
Saarbrücken. Julia Probst ist die bekannteste Gehörlose Deutschlands. Erstmals hat die Bloggerin nun an einem "Tatort" mitgearbeitet. Bei "Totenstille" mit Devid Striesow in der Rolle des Kommissars Jens Stellbrink stand sie Drehbuchautor Peter Probst mit Ratschlägen zur Seite.  Von Christian Spolders

Frau Probst, Sie sind selbst gehörlos und haben nun beim Fall "Totenstille", bei dem viele Zeugen und auch Verdächtige Gehörlose sind, an einem "Tatort" mitgearbeitet. Wie fanden Sie den Film?

Probst Diese Frage kann ich ja nicht so objektiv beantworten, weil in diesem "Tatort" sehr viel von mir drin steckt, sowohl bei den Figuren als auch generell. Aber in der Gesamtsumme kann ich mich sehr glücklich schätzen, weil im gesamten Team jeder sein Bestes gegeben hat und am Ende in meinen Augen ein sehenswerter "Tatort" herausgekommen ist. Am Ende entscheiden aber die Zuschauer, und da hoffe ich sehr, dass sie ihn mögen! 

Wie kam es dazu, dass Sie am "Tatort" mitgewirkt haben? 

Probst Peter Probst, ein sehr bekannter Schriftsteller und Drehbuchautor, mit dem ich weder verwandt noch verschwägert bin, hat mich gefragt, ob ich ihn bei der Arbeit am Drehbuch ‎beraten könnte. Und aus der Beratung wurde dann eine Mitarbeit am Drehbuch bzw. eine tolle Zusammenarbeit sowie Freundschaft. 

Als Gehörlose hatten Sie ja einen nicht geringen Einfluss auf den Film. Wie wichtig war es, dass Sie an "Totenstille" mitgearbeitet haben?

Probst Christian Bauer, der Redakteur des SR-"Tatort", sagt, dass es den Film in dieser Form ohne meine Mitarbeit am Drehbuch nicht gegeben hätte. Dieses Kompliment nehme ich gerne an. Es ist wirklich an der Zeit beim Film, dass man die Betroffenen, hier Menschen mit Behinderungen, als Experten an Bord ‎holt, damit korrekte Fakten wiedergegeben werden und die Besetzung der Rollen mit Behinderung auch an Schauspieler mit Behinderung geht. Was meinen Sie, warum die Filme "Jenseits der Stille" und "Gottes vergessene Kinder" so erfolgreich waren? Das Publikum liebt Authentizität!

Bilder aus dem "Tatort: Totenstille" FOTO: SR/Manuela Meyer

Kannten Sie die anderen gehörlosen Schauspieler wie Benjamin Piwko, Jessica Jaksa und Kassandra Wedel schon vorher?

Probst Die Gehörlosenwelt ist sehr klein, man kennt sich meistens über paar Ecken. Kassandra ist seit Jahren eine gute Freundin von mir – beim Schreiben hatte ich sie für die Rolle schon im Kopf. Benjamin Piwko kenne ich flüchtig seit Jahren. Beim Casting habe ich natürlich auch Vorschläge gemacht und die beiden auch unter vielen anderen Namen vorgeschlagen. Jessica kannte ich bis zum Besuch am Set nicht persönlich, aber sie ist so ein Glücksfall für die Rolle!

Gibt es noch Szenen im Film, mit denen Sie nicht ganz einverstanden waren?

Probst Das ist das klassische Dilemma eines Drehbuchautors. Kein Drehbuch wird am Ende zu hundert Prozent so verfilmt, wie es abgegeben wurde, was auch hart für mich war. Aber so ist es eben. Das ist der normale Ablauf beim Film. Am Ende zählt, ob du mit dem Ergebnis zufrieden bist - und das bin ich sehr.

Gibt es Hoffnungen, die Sie in diesen "Tatort" setzen, etwa ein besseres Verständnis für den Umgang mit Gehörlosen? 

Probst Diese Hoffnung habe ich tatsächlich. Wir Gehörlosen sind ja nicht behindert, sondern wir werden behindert. Unsere Aussprache hört sich ungewohnt an, aber wir können in der Tat sprechen. Wir können alles, außer eben hören.

Nach der Arbeit hinter den Kulissen des Drehbuchs: Sehen wir Sie bald auch in einem "Tatort" vor der Kamera?

Probst Wer weiß? Wenn es mich irgendwann vor die Kamera ziehen würde, dann wäre ich gerne die Leiche auf Professor Boernes Seziertisch. Oder Fabers Drogendealerin. Aber vermutlich bleibe ich eher im schreibenden kreativen Bereich.

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