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"Geschickt eingefädelt" auf Vox
Die Näh-Babos aus den muffigen 50ern

Fotos: Das ist "Geschickt eingefädelt" von Guido Maria Kretschmer
Fotos: Das ist "Geschickt eingefädelt" von Guido Maria Kretschmer FOTO: VOX/Frank P. Wartenberg
Düsseldorf. Trutschige Bauch-weg-Schneidereien und überstrenge Nahtbeschau: "Geschickt eingefädelt", die Näh-Show auf Vox, nervt mit Handarbeits-Klischees. 

Hilfe, Sechste-Klasse-Flashback! Plötzlich ist alles wieder da, was die Schultage schlimm machte. Der süßfaulige Geruch seit fünf Tagen im Ranzen gärender Schmelzkäsestullen, der für das kleine Herzchen fast zu aufregende Adrenalinrausch beim letztminütigen Abschreiben der Erdkäs-Hausi – und der verhasste Handarbeitsunterricht. Vor allem an letzteren kann man sich lebhaft erinnern, wenn man dabei zusieht, wie die verbliebenen sechs Kandidaten und Kandidatinnen von "Geschickt eingefädelt" um einen Platz im Halbfinale nadeln, raffen und rüschen. 

An Guido Maria Kretschmer, dem wie alleweil schnuffpuffigen Style-Puschlerich, liegt das natürlich nicht. Gewohnt pantoffelig begrüßt er im flotten Konfirmations-Lederblouson seine "lieben Schneiderlein" und tröstet Kandidatin Meike, die weinend daran verzagt, einen BH mit Glitzerstoff zu überziehen, bis er aussieht wie etwas, das bei den Kessler-Zwillingen in der Lumpenkiste liegt: "Mein Engel, wir machen das jetzt zusammen", schmalziert Kretschmer, grünen Glitter um eine Schneiderpuppe tackernd: "Der Vati hat dich doch lieb!"

Da erstarrt der flauschigste Frotteestoff

Nervig ist allmählich sein extra-gestrenges Jurymitglied Inge Szoltysik-Sparrer, die Bundesvorsitzende des Maßschneiderhandwerks  - ein Titel wie Donnerhall, der den flauschigste Frotteestoff vor Schreck erstarren lässt, und deren zweifellos sachgemäßen Bewertungen zunehmend kleinkrämerischer wirken.

Ihr Konterpart, die Designerin Anke Müller, durch zwei Bömmel im Haar als "kreativ" ausgewiesen, schafft es nicht, zugunsten des freien, schöpferischen Prozesses, bei dem sich eben auch mal ein Abnäher dellt oder eine Naht kräuselt, dagegen zu halten.

Dieses Beharren auf handwerklichen Standards macht "Geschickt eingefädelt" unnötig altbacken und 50er-Jahre-oll. Und nimmt dem Näh-TV den hippen Handarbeits-Bonus, das unbekümmerte Drauflosschneidern, weil es einschüchternd wirkt wie eben damals Handarbeitslehrerin Wilhelmina Prusselheimer. Und Zuschauer eher abschreckt, selbst Nähen zu lernen, weil es wie eine Disziplin und nicht nach Spaß aussieht.

Oh nein, ein Herrenkleid!

Etwa, wenn ein Kleid abqualifiziert wird, weil seine Raffung auf der "falschen Seite" säße: "Jetzt ist es ein Herrenkleid!". Ist so etwas inzwischen nicht herzlich egal? "Dass du dieses Material gewählt hast!", staunt die eisige Inge dann angesichts von Meikes Pailettenkonstruktion. "Ich hab voll auf Baumwolle getippt bei dir." Vermutlich der Todes-Diss unter Näh-Babos. Pieks, pieks.

Noch ärgerlicher und gestriger aber war die dramaturgische Idee, in einer Folge mit dem Motto "Kurvenstar" von den Kandidaten und Kandidatinnen ausgerechnet ein "Schlankmacherkleid" nähen zu lassen. Als schneidere man sich eben doch nur selbst etwas, damit man mogeln kann, sich verstecken, bloß nicht zeigen, wie man ist. Sich "ein textile Diät verpassen", wie es im schrecklichen Sprecherkommentar heißt. 

Wenn dann darüber jubiliert wird, dass sich ein Model mit Konfektionsgröße 38 in dem neuen Kleid fühle, als trage sie statt dessen nur Größe 36, ist das so trutschig und dämlich in körperlichen Schnittmustern gedacht, dass man jeden Moment darauf wartet, dass Guido Maria Kretschmer gleich noch 101 tolle Kohlsuppendiätrezepte auspackt.

Dessen Bauch beult sich übrigens ganz unbehelligt im engen Pulli, während die Models dringend dünner umschneidert werden müssen. Nächste Woche, so dräut zumindest die Vorschau, will Kretschmer einen Modelbusen künstlich mit Polstermaterial volumisieren. Hoffentlich verliert er nicht den Faden. 

Bilder aus der Sendung sehen Sie hier. 

(arü)
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