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"Günther Jauch"
Ein Prozess mit "unerträglichem" Vokabular

Günther Jauch: Menschenverachtende Sprache im Prozess
Die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor warb bei Günther Jauch für einen Prozess der Vergebung. FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. Wie bedeutsam ist der Prozess gegen den 93-jährigen Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning? Die Holocaust-Überlebende Eva Mozes Kor fand bei "Günther Jauch" bewegende Antworten. Ein Historiker brachte Justizminister Heiko Maas zum Schweigen. Von Philipp Stempel

In Lüneburg steht der 93-jährige Oskar Gröning vor dem Richter. In der vergangenen Woche kam es vor Gericht zu bewegenden Szenen. Nicht nur weil der ehemalige Buchhalter der SS offen die Techniken des Tötens erläuterte und seine moralische Schuld eingestand. Sondern auch, weil dort die 81-jährige Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor dem Angeklagten öffentlich vergab.

Die Auseinandersetzung mit dem Grauen Auschwitz findet vor Gericht im Jahr 2015 seine späte Fortsetzung, weil eine Neuauslegung des Rechts die Anklage möglich machte. Auslöser war der Prozess gegen Demjanjuk. Seitdem wird keine direkte Beteiligung an den Mordtaten vorausgesetzt. Es reicht, ein Rädchen im Prozess der Vernichtungsmaschinerie gewesen zu sein. Die monströse Anklage gegen Gröning lautet nun Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen.

Was aber bringt es uns noch, einen steinalten Mann vor Gericht zu stellen, der in den vergangenen Jahren schon mehrfach Zeugnis abgelegt und in Interviews über seine Taten gesprochen hat? Diese Frage diskutierten am Sonntagabend bei Jauch die Gäste erstaunlich kontrovers. Beteiligt: Bundesjustizminister Heiko Maas, Grönings Anwältin Susanne Frangenberg, der Historiker Michael Wolffsohn, die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen und eben die 81-jährige Eva Mozes Kor.

Ausgerechnet sie plädierte für Vergebung. Ihr Anliegen: Die Menschen müssten wieder miteinander sprechen. Bei Jauch rief sie alle noch lebenden Täter dazu auf, öffentlich Zeugnis abzulegen und zu schildern, was in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern geschah. Gerade weil die Taten so unbeschreiblich waren, lebt aus ihrer Sicht bei manchen der Glaube weiter, bei Auschwitz handle es sich um eine Erfindung. Gerade deshalb müssten die Täter von damals den Nazis von heute die Wahrheit sagen.

Ihr Anliegen: Die Welt verändern. Sie hofft dadurch auf Heilung. "Ich weigere mich Opfer zu sein", sagt sie mit großer Entschiedenheit bei Jauch. Sie sei eine Überlebende. In Deutschland werde immer nur das Opfertum gepflegt. Das aber sei ein Teufelskreis: "Jedes Opfer, das nicht geheilt wird, ist ein potenzieller Täter", sagt sie. Ginge es nach Mozes Kor, dann würde Gröning für seine Taten nicht ins Gefängnis gehen, sondern in die Schulen.

 "Für Gerechtigkeit darf es nie zu spät sein"

Andere Überlebende des Holocaust kritisieren sie dafür scharf. Und auch aus Sicht von Justizminister Maas darf ein Rechtsstaat nicht einfach verzeihen. "Für Gerechtigkeit darf es nie zu spät sein", stellte Maas klar. Die deutsche Gesellschaft und Justiz habe bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen über Jahrzehnte kollektiv versagt. An dieses beschämende Kapitel der deutschen Geschichte erinnerte eindrucksvoll auch ein Einspieler der Jauch-Redaktion, nach dem nur 49 von 6500 Tätern in Strafverfahren verurteilt worden sind.

Ein gewisses Verständnis für diese Kultur des Schweigens ermöglichte an diesem Sonntagabend am ehesten die sehr persönliche Geschichte von "Spiegel"-Gerichtsreporterin Friedrichsen. Auch ihr Vater war in Auschwitz und hatte überlebt, aber nie davon erzählt. In der Familie sei nie darüber gesprochen worden. Erst nach dessen Tod habe sie davon erfahren, als sie mit ihrer Mutter das Lager besuchte.

Zweifel an Grönings Aufrichtigkeit

In ihrer Kindheit habe der Vater nachts öfter laut geschrien und einmal, als ein Polizist ihn angefasst habe, brüllte er den Beamten in einer völlig überzogenen Reaktion an, er solle ihn sofort loslassen. Einerseits sei sie ihrem Vater dankbar, dass er sie mit seinem Trauma nicht habe belasten wollen. Andererseits habe sie sicherlich sehr mehr darüber erfahren wollen.

Interessant klangen sicherlich auch die Beobachtungen Friedrichsens aus dem Prozess in Lüneburg. Sie äußerte Zweifel daran, ob der sich zur Schuld bekennende Mann nicht doch nur eine Rolle spiele, um mit diesen Eingeständnissen noch schlimmere Taten zu verschleiern. Dass er nur dreimal an der Todesrampe im Einsatz gewesen sei, werde von Opfern bezweifelt.

Zudem habe er im Laufe der Verhandlungen wieder die menschenverachtende Sprache an den Tag gelegt, wie sie für die Nazis typisch gewesen sei. Im Prozess wieder Begriffe wie "versorgen" oder "abfertigen" für das Töten von Menschen hören zu müssen, sei für sie unerträglich gewesen. Manchmal sei ihr dabei das Blut in den Adern gefroren.

Wolffsohn empört sich über Maas

Eine besondere Rolle spielte bei Jauch der Historiker Michael Wolffsohn. Eigentümlich sein Einwand, ein Prozess könne niemals Gerechtigkeit bringen, da es für diese einzigartigen Verbrechen keine angemessene Bestrafung gebe. Vor allem Friedrichsen hatte dafür kein Verständnis, der Staat dürfe deswegen doch nicht darauf verzichten.

Als Maas Wolffsohn vorwarf, er verwechsle Wiedergutmachung mit Gerechtigkeit, fühlte sich der Historiker persönlich angegriffen und empörte sich: "Sie kennen nicht nur meinen Namen nicht, sondern wissen offenbar nicht, dass ich der Sohn und Enkel von Holocaust-Opfern bin", empörte sich der Wissenschaftler.

"Sie müssen mir hier nicht historisch-psychologischen Nachhilfeunterricht erteilen", bügelte er den Minister brüsk ab, der es im weiteren Verlauf der Sendung tunlichst vermied, darauf noch etwas zu entgegnen.

Die Aufzeichnung der Sendung ist in der ARD-Mediathek zu sehen.

 
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