| 15.10 Uhr

"Hart aber fair" mit Frank Plasberg
Nur noch Nazis und Bahnhofsklatscher

Hart aber fair: ARD-Journalistin Anja Reschke ist sichtlich verzweifelt
FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. Wem kann man heutzutage überhaupt noch glauben? Frank Plasberg diskutiert schonungslos über "Lügenpresse", öffentlich-rechtliche Schweigespirale und den Vorwurf der Vertuschung. Die Bilanz ist niederschmetternd. Der Schnellcheck. Von Philipp Stempel

Darum ging's:

Im Zusammenhang mit "Pegida", der Flüchtlingskrise und erst recht seit Köln hat der Vorwurf Konjunktur, Presse und Behörden vertuschten unangenehme Wahrheiten. Schon im Dezember warfen mehr als die Hälfte der Deutschen den Medien vor, kein zutreffendes Bild der Flüchtlinge zu zeigen. Noch wenige Stunden zuvor gossen Berichte über die Äußerungen einer Journalistin Öl ins Feuer, nach denen Journalisten im WDR angewiesen seien, im Sinne der Regierung zu berichten.

Plasberg nimmt sich des komplizierten Themas unter dem Titel "Frisierte Polizeiberichte, bevormundete Bürger – darf man bei uns noch alles sagen?" an.

Darum ging's wirklich:

Schlicht gesagt: Erkenntnistheorie. Auch wenn man das bei einer Talkshow üblicherweise nicht erwartet. Was ist schon objektiv, darf man sich fragen, wenn die Wahrheit vielschichtig ist? Prototypisch ist die Diskussion über einen Fernsehbeitrag der ARD zum Thema Flüchtlinge. Die Bilder zeigten niedliche Kinder, aber keine bedrohlichen Männer. Ist das Erziehungsfernsehen und Bevormundung? Beide Gruppen kommen ins Land. Diskutiert wird über sie oftmals nur getrennt.

Die Runde:

Repräsentiert fast die ganze Bandbreite zwischen Medien und ihren Kritikern wie auch Gutmenschen und Rechtsauslegern. Mit dabei sind die ARD-Journalistin Anja Reschke, Springer-Kollege Claus Strunz ("Ich will über grabschende arabische Machos offen reden"), "Prinzen"-Sänger Sebastian Krumbiegel, AfD-Politiker Alexander Gauland und die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt.

Frontverlauf:

So ganz will sich selbst AfD-Mann Gauland nicht den Vorwurf der "Lügenpresse" zu eigen machen, beklagte jedoch die Schere im Kopf und kombiniert das mit einem Frontalangriff auf einen anderen Studiogast. "Reschke-Fernsehen", nennt er das. Strunz beklagt verfestigte Denkschemata einer "linksbürgerlichen Gesellschaft" in den Köpfen, nach Köln habe man erst nach möglichen Relativierungen gesucht: "Hoffentlich keine Flüchtlinge, hoffentlich habe man nur die Geldbörsen klauen wollen." Das wäre niemals geschehen, wenn Nazis das getan hätten.

Die Gegenseite verwahrt sich gegen den Vorwurf, einseitig berichtet zu haben. Vor allem Reschke will nichts davon wissen, Probleme mit kriminellen Ausländern und Parallelgesellschaften totgeschwiegen zu haben und verweist auf die endlose Sarrazin-Debatte. "Der wurde doch überall hoch und runtergezeigt", schließt sich Göring-Eckardt an.

Satz des Abends​:

"Es kann auch ein unterdrückter Flüchtling ein böser Mensch sein, das muss in unsere Köpfe rein." (Claus Strunz).

Hinweis des Abends:

Ganz zum Schluss zeigt sich, wie ernst es um die Gesprächskultur in Deutschland steht. Plasberg stellt die schmerzhafte Frage nach "Parallelöffentlichkeiten", in denen jeder nur noch die Informationen glaubt, die seinem Weltbild entsprechen. Als Beispiel zeigt er das Video vom Tahrir-Platz in Kairo, das als angeblicher Beleg für die Übergriffe von Köln für Schockwellen in den sozialen Netzwerken sorgte.

Reschke zeigt sich tief besorgt: Sie vermisst zunehmend eine gemeinsame Grundlage, auf der sich diskutieren ließe, um eine Verständigung zu erzielen. Nur noch Schwarz und Weiß, nur noch Nazis und "Bahnhofsklatscher", wie "Gutmenschen" inzwischen auch tituliert werden. Die Wahrheit aber sei eine graue.

Moment des Abends:

Wie verfahren die Lage ist, zeigen die von Plasberg abgefragten Schlusssätze. "Nach Köln ist der Zusammenbruch der öffentlich-rechtlichen Schweigespirale ganz deutlich", bemerkt Gauland. "Ich halt's nicht aus", geht Reschke dazwischen. Sichtbar verzweifelt fragt sie, wie viele hundert Millionen Dokumentationen man denn noch zu Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln zeigen müsse.

"Die Leute haben das Gefühl, dass sie nicht mehr dazu gehören", entgegnet Gauland.

"Aber wir haben darüber berichtet, Herr Gauland. Was sollen wir denn noch sagen?", erwidert Reschke.

Erkenntnis:

In der von Angst geprägten Debatte fällt es zunehmend schwer, mit differenzierter Berichterstattung Gehör zu finden. Versachlichung aber muss nun oberstes Gebot sein. Sonst verfestigt sich das Unvermögen zur Verständigung.

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