| 12.33 Uhr

"Hart aber fair" im Schnellcheck
Haben Deutschtürken wirklich "Spliss" im Kopf?

Hart aber fair: Doppelte Staatsbürgerschaft führe zu "Loyalitätskonflikten"
CDU-Mann Jens Spahn glaubt nicht an die doppelte Staatsbürgerschaft. FOTO: Screenshot Das Erste
Düsseldorf. Werden die Ereignisse in der Türkei rund um den gescheiterten Putschversuch in deutschen Medien richtig dargestellt? Und welche Rolle spielt die doppelte Staatsbürgerschaft bei der gelungenen Integration? Die Runde von Frank Plasberg warf viele Fragen auf – blieb aber einige Antworten schuldig. Von Henning Bulka

Darum ging's

Thema der ersten Sendung von Moderator Frank Plasberg nach der Sommerpause ist "Halbmond über Deutschland – wie viel Erdogan verträgt unser Land?". Schon direkt zu Anfang der Sendung fragt Plasberg zudem nach dem "Spliss im Kopf" vieler Deutschtürken hierzulande, mit Blick auf die doppelte Staatsbürgerschaft.

Darum ging's wirklich

Bevor es um die eigentliche Frage des Einflusses türkischer Politik auf Deutschland geht, stehen zunächst die Vorfälle in der Türkei rund um den gescheiterten Putschversuch im Juli im Vordergrund – und vor allem die Reaktion der türkischen Regierung darauf. Zehntausende Staatsbedienstete wurden daraufhin von ihren Posten entfernt. Die Runde diskutiert lebhaft über die korrekte Darstellung dieser Ereignisse. Erst im zweiten Schritt geht es schließlich um die Integration von Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund. Die Diskussion um den Einfluss der Türkei auf das deutsche Bildungssystem bleibt ein Nebenschauplatz ganz zum Schluss.

Die Runde

  • Jens Spahn, CDU-Bundestagsabgeordneter und -Präsidiumsmitglied
  • Mustafa Yeneroglu, AKP-Abgeordneter im türkischen Parlament
  • Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz
  • Wilma Elles, Schauspielerin mit deutschem und türkischem Pass
  • Christoph Schwennicke, Chefredakteur des Magazins "Cicero"

Während der Sendung kam zudem der deutschtürkische Student Emre Yavuz zu Wort. Er lieferte im Zwiegespräch mit Frank Plasberg jedoch eher einen Eindruck seiner persönlichen Stimmungslage als konkrete Meinungen.

Der Frontverlauf

Zunächst geht es um den Putschversuch in der Türkei. Mustafa Yeneroglu konstatiert eine "verzerrte Berichterstattung über die Türkei in Deutschland" und "einseitige Informationen", die den Rechtspopulismus fördern würden. Jens Spahn und Christoph Schwennicke wehren sich dagegen. Schon allein der Fakt, dass Yeneroglu das so sagen könne, sei doch ein Zeichen dafür, dass in deutschen Medien nicht einseitig informiert würde.

Wilma Elles fordert von Deutschland ein, nach dem Putschversuch an der Seite der Türkei zu stehen. Malu Dreyer unterstützt das, fordert jedoch Verständnis dafür, dass Deutschland Fragen stelle zu den Methoden, die danach vom türkischen Staat angewendet wurden. Yeneroglu verteidigt dieses Vorgehen und führt "geheime Strukturen" hinter dem Putschversuch an: Der Rechtsstaat könne die Bürgerrechte nur dann sichern, wenn er seine eigene Existenz gesichert habe. Eine Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei, wie dort teils gefordert, konnte er sich nicht vorstellen. Das werde aber erst die Diskussion im Parlament zeigen.

In Bezug auf die Demonstration von Türken in Köln für Staatspräsident Erdogan Ende Juli ist sich die Runde einig, dass diese Veranstaltungen erlaubt sein müssen. "Aber sie müssen mir nicht gefallen", sagt Spahn dazu. Und auch Schwennicke findet, es sei zwar verständlich, dass sich die Türken nach dem Putschversuch hinter ihrem Präsidenten geschart haben. Sie sollten sich jedoch auch irgendwann wieder besinnen.

An diesem Punkt schwenkt die Diskussion auf die Integration von Deutschtürken und die doppelte Staatsbürgerschaft. CDU-Mann Spahn hatte mit einem Gastkommentar im Berliner "Tagesspiegel" mit dem Titel "Unser Präsident heißt Gauck, nicht Erdogan" eine Diskussion über die Abschaffung der Möglichkeit zum doppelten Passbesitz ausgelöst. Die doppelte Staatsbürgerschaft führe zu "Loyalitätskonflikten", die Entscheidung für den einen oder den anderen Pass sollte Deutschland den Menschen deshalb abverlangen.

SPD-Frau Dreyer sieht es dagegen ganz anders: Die doppelte Staatsbürgerschaft sei gelebte Pluralität und deshalb ein wertvolles Integrationsinstrument. Der Journalist Schwennicke merkt an, dass diese Diskussion nicht spielentscheidend in der Frage der gelungenen Integration in Deutschland sei, scheitert mit diesem Einwand jedoch weitgehend.

Ohne konkrete Ergebnisse bleibt schließlich die arg verkürzte Diskussion um den Einfluss der Türkei auf das deutsche Bildungssystem durch den Moscheeverband Ditib, der am Islam-Religionsunterricht mitwirkt. Auch allgemein ist die Rolle der Religion bei der Integration nur kurz Thema. Plasberg führt eine Studie der Uni Münster an, nach der 47 Prozent der befragten Deutschtürken den Islam als wichtiger ansehen als die Gesetze des Staates. Zur echten Diskussion bleibt aber keine Zeit mehr. AKP-Mann Yeneroglu meint lediglich, es gebe in Bezug auf den Islam immer noch keine ordentliche Religionspolitik in Deutschland.

Dialog des Abends

Es gibt nicht viele Situationen, in denen die Runde als Gespräch harmoniert. Die Brillianz des folgenden Moments sollte man jedoch nicht verkennen.

Jens Spahn: "Sie, Frau Dreyer, sind der Meinung, die doppelte Staatsbürgerschaft ist die Voraussetzung für Integration. Ich dagegen sage: Sie ist der Endpunkt der Integration."

Mustafa Yeneroglu: "Und damit haben wir die Diskussion von 1998."

Bemerkenswertester Gast

Schauspielerin Wilma Elles glänzt in der Runde vor allem damit, naiv zu erscheinen. "Keiner arbeitet so viel, wie der Präsident", sagt sie in Bezug auf Recep Tayyip Erdogan. "Die Türkei wächst und gedeiht in den sechs Jahren, die ich da bin." Man solle außerdem nicht immer alles so negativ sehen. Somit lockert Elles die Diskussion zwar auf, bereichert sie aber auch nicht wirklich.

Erkenntnis

Die Diskussion über die doppelte Staatsbürgerschaft ist symbolisch und deshalb wichtig. Der doppelte Pass ist aber vermutlich nicht das entscheidende Kriterium einer gelungenen Integration – und sollte deshalb auch nicht im Kern der Debatte stehen.

Hier geht es zur ganzen Sendung auf der Website des WDR.

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