| 09.32 Uhr

"Hart aber fair"
Ein Talk voller abstruser Momente und Geschrei

Hart aber fair: Edmund Stoiber auf 180 und eine beleidigte Claudia Roth
Beharkten sich nach Kräften und fielen dabei zurück ins Duzen: Kabarettist Serdar Somuncu und Claudia Roth. FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. Eigentlich hatte Frank Plasberg einen Jahresrückblick versprochen. Stattdessen bekam der Zuschauer ein aberwitziges Geschrei vorgesetzt. Beteiligt: Edmund Stoiber auf 180 und eine beleidigte Claudia Roth. Der Chaos-Talk im Schnellcheck. Von Dana Schülbe

Die Runde

Plasberg hatte sich illustre und vor allem streitlustige Gäste eingeladen, dessen konnte man schon zu Beginn der Sendung sicher sein. Dafür sprachen allein schon die Namen Claudia Roth (Grüne) und Edmund Stoiber (CSU). Als Experten waren der Politikwissenschaftler Herfried Münkler und "Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke eingeladen. Hinzu kam noch Kabarettist Serdar Somuncu.

Darum ging's  

Plasbergs Gäste in seinem monothematischen Jahresrückblick. FOTO: Screenshot ARD

"Flucht, Terror, Skandale - wie hat 2015 unser Land verändert?", lautete der Titel der Sendung. Es gab also viel zu besprechen: von der Flüchtlingsfrage über die Anschläge von Paris bis hin zu Griechenland und VW. Zeit dafür blieb aber nicht.

​Darum ging's wirklich

Schon zu Beginn war klar, dass ein einziger Talk nicht so viele Ereignisse eines Jahres unterbringen konnte. Letztlich blieb es dann auch nur bei einem einzigen Thema: der Flüchtlingskrise. Seine Gäste aber redeten nach einer noch entspannten Einleitungsphase wild und oft laut durcheinander.

Die abstrusesten Momente:

Stoiber in Bestform Eigentlich hatte sich der frühere CSU-Vorsitzende bei öffentlichen Auftritten zuletzt ein wenig zurückgenommen. Bei Plasberg drehte er wieder voll auf, ganz so wie in seinen besten Zeiten vor allem lautstark. Immer wieder kam Stoiber auf Europa zu sprechen, wie wichtig eine Lösung – und auch Obergrenzen – auf europäischer Ebene seien. Und da ließ er sich auch ungern unterbrechen. Wild gestikulierend brachte er seine Argumente hervor und legte sich natürlich auch mit Claudia Roth an.

Stoiber versus Roth Das, was derzeit passiere, argumentierte Stoiber, sei nicht eine Vollendung der europäischen Integration, "sondern wir treiben es auseinander". Ein Moment, den Roth mit einem abschätzig lauten Schlucken kommentiert. Das lässt der CSU-Mann natürlich nicht auf sich sitzen. "Frau Roth, sie müssen doch mal zugeben, wir haben eine leidenschaftliche Auseinandersetzung", sagte er und fügte hinzu: "Du kannst heute viele Themen, wichtige Themen nicht ansprechen, weil nach zehn Minuten bist du irgendwie involviert mit der Flüchtlingsfrage."

Falsche Frage Plasberg will von Kabarettist Somuncu wissen, wie er denn die plötzlich so große Zustimmung für Merkel beim CDU-Parteitag und den fast zehnminütigen Applaus einordnet. Der entgegnet mit verschränkten Armen: "Was ist das für eine Frage? Wie ordne ich das ein, dass der Parteitag Angela Merkel bejubelt hat? Ja, das war zu erwarten." Plasberg widerspricht. Darauf Somuncu: "Doch, sie haben ja keine Alternative, Angela Merkel ist alternativlos." Und später sagt er über die Kanzlerin noch: "Ich habe das Gefühl, Angela Merkel ist gar nicht so klug, wie alle sagen. Sie hat einfach nur einen guten Instinkt."

Roths "Nein, aber" Claudia Roth ist bekannt dafür, leidenschaftlich ihre Argumente hervorzubringen und auch gern mal andere zu unterbrechen. Bei Plasberg aber wirkte sie diesmal mitunter wie ein trotziges Kind, schiebt die Unterlippe vor, tut beleidigt. Anstrengend wird es auch, als sie über das Grundgesetz spricht. Als Plasberg sie unterbrechen will, sagt sie immer wieder "Nein, aber..." und dann: "Ich möchte zu Herrn Stoiber noch etwas sagen." Wieder wird sie unterbrochen, mit dem Verweis darauf, dass man doch alles der Reihe nach besprechen sollte – woraufhin sie trotzig sagt: "Aber das darf ich, Anmerkungen machen." Als Plasberg dann schon Politikwissenschaftler Münkler befragt, fällt ihr dann doch noch ein Grundgesetzartikel ein, den sie zitieren muss – und dies natürlich auch tut.

Roth vs. Somuncu Roth schwärmt regelrecht von der Hilfsbereitschaft der Deutschen. Das geht Somuncu gehörig gegen den Strich. Roth blendet damit in seinen Augen Probleme aus. Dass es Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gibt oder tausende in Dresden bei "Pegida" gegen die Politik der Bundesregierung auf die Straße gehen. "Ehrlich gesagt, weiß ich gerade nicht, worüber wir hier reden", sagt Roth etwa, um dann hinzuzufügen "Jetzt bin ich doch wieder dran" und eben über die Hilfsbereitschaft zu debattieren. Somuncu unterbricht sie. Beide reden wild durcheinander. "Darf...darf...darf ich jetzt", "Nein", erklingt es, und man weiß fast gar nicht, wer da gerade lauter ist. "Nein, das möchte ich jetzt auch mal sagen", sagt Somuncu. Beide ringen um das Wort – auch mit den Händen. Schließlich lässt der Kabarettist die Politikerin reden. Plasberg: "Sie hat gewonnen." Somuncu: "Noch nicht." 

Die Sache mit dem Du Wie abstrus die ganze Sendung ist, zeigt sich besonders in dem Moment, als Roth und Somuncu persönlich werden. Sie hält einen langen Monolog, er will sie (natürlich) unterbrechen. "Darf ich einfach mal ausreden", wirft Roth Somuncu mit giftigem Blick vor. Er grinst, sagt kurz darauf: "Jetzt möchte ich auch mal ein bisschen ausreden", wird aber direkt nach einem Satz von der Grünen-Politikerin unterbrochen. Er sagt: "Sie lassen mich nicht ausreden, bitte lassen Sie mich ausreden." Roth: "Wir duzen uns!" Somuncu: "Wir duzen uns, aber nicht in der Sendung, haben wir vorher gesagt." Roth: "Ich bin halt ehrlicher." Somuncu: "Ich bin pflichtbewusster."

Einer ermöglicht Entspannung Es war eine Wohltat, dass Plasberg Politikwissenschaftler Münkler eingeladen hatte. Nicht nur, dass er sachlich argumentierte – wie Schwennicke auch – sondern vielmehr wegen seiner Tonlage. Denn Münkler sprach leise und langsam. Fast schon beruhigend wirkte dies zwischen dem ganzen Schreigelage der anderen Gäste. Entspannungsmomente für den gestressten Zuschauer.

Erkenntnis des Abends

Je lauter die Gäste, desto wirrer der Talk. Schade um die Argumente. Auf die achtete schon nach wenigen Minuten keiner mehr.

Die Sendung können Sie sich hier anschauen.

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