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"Hart aber fair" im Ersten
Wie anständig ist das Geschäft mit Medikamenten?

Hart aber Fair im Ersten: Wie anständig ist Profit mit Medikamenten?
Pharma-Lobbyistin Birgit Fischer geriet in der Runde vielfach unter Druck. FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. Medikamente und die Therapie von schwer kranken Patienten sind ein Milliardengeschäft. Pharma-Firmen stecken viel Geld in die Entwicklung neuer Präparate - aber wie sehr dürfen sie dafür abkassieren? Darüber diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen. Von Henning Bulka

Darum ging's

"Heilung um jeden Preis - wie teuer darf Medizin sein?" lautetet das Thema der Runde von Frank Plasberg. Im Mittelpunkt standen das Für und Wider teurer Medikamente, zum Beispiel für die Therapierung von Krebs. Plasberg begann die Sendung mit einer Frage, hinter der ein Dilemma steht: Darf die Verordnung eines solchen Medikaments von ökonomischen Kriterien abhängig gemacht werden? Sollte dem Patienten mit vielen tausend Euro zu ein paar zusätzlichen Lebenswochen verholfen werden, in denen er noch wichtige Dinge für sich regeln kann - oder sollte das Geld besser für mehr Pflegekräfte ausgegeben werden?

Darum ging's wirklich

Viel mehr diskutiert wurde aber darüber, wie gewinnmaximiert die Pharma-Industrie arbeiten darf, wie groß die ethischen Verpflichtungen dieser Branche sind - und wie die Politik allzu große Gier der Unternehmen und damit zu große Verluste für die Beitragszahler verhindern kann und muss. Die Pharma-Lobbyistin in Plasbergs Runde war dabei ganz alleine.

Die Runde

  • Marion Rink, Rheuma- und Leukämiepatientin
  • Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Krebsspezialist und Vorsitzender der Arzenimittelkommission der deutschen Ärzteschaft
  • Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller und NRW-Gesundheitsministerin a.D.
  • Prof. Karl Lauterbach, SPD-Bundestagsabgeordneter und ausgebildeter Arzt
  • Wolfgang Huber, evangelischer Theologe und ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender

Frontverlauf

Auf der einen Seite stand Birgit Fischer als Vertreterin der Pharma-Firmen. Ihr Credo: "Der Preis sagt nicht alles über ein Medikament, sondern es zählt auch, was es an therapeutischen Fortschritten bringen kann." Forschung und Entwicklung müssten weiter gefördert werden, und es müssten eben auch die Kosten für Forschung eingerechnet werden, die keinen Erfolg hat. Beschränkungen von Gewinnen fasst sie als "Strafzoll für Innovation" auf. Dass eine Gesellschaft darüber diskutiere, wie teuer Medikamente sein dürfen und wie viel sie dafür ausgibt, sei aber vollkommen gerechtfertigt.

Die Gegenseite, nämlich die der Ärzte und anderer gesellschaftlicher Gruppen, war deutlich stärker vertreten. Karl Lauterbach machte deutlich: Wenn ein Unternehmen ein teures Medikament selbst entwickelt, soll es damit auch Gewinne machen können. Wenn der Wirkstoff dagegen an einer Universität entwickelt wird und dann nur durch eine Firma teuer verkauft werde, dann sei das "unethisch". Und auch Wolfgang Huber findet, Gewinnmaximierung müsse an zweiter Stelle stehen, davor komme die ethische Verantwortung des Unternehmens.

Wie schwierig die Diskussion ist, wurde am Beispiel der Firma Gilead und dem Mittel "Sovaldi" deutlich. Ein Durchbruch in der Behandlung von Hepatitis C, 95 Prozent der Patienten können so sehr einfach geheilt werden. Das Problem: Eine Pille kostet um die 700 Euro, eine Therapie 50.000 Euro. Die Umsätze gehen in die Milliarden. "Absolut inakzeptabel", nennt das Wolf-Dieter Ludwig. Das Medikament sei eingekauft worden, die Entwicklungskosten schnell gedeckt. Der Hersteller sei mit einem viel zu hohen Preis und damit dem Wissen in den Markt gegangen, dass sich viele Patienten die Behandlung gar nicht leisten können würden.

Lauterbach pflichtet ihm bei: Gerade in afrikanischen Ländern "müssten die Patente ausgesetzt werden, damit die Medikamente dort selbst hergestellt werden können, zu Preisen, die dort bezahlbar sind." Birgit Fischer widerspricht, das Unternehmen habe Sorge dafür getragen, dass das Medikament auch angewendet werden könne.

Die zweite Debatte des Abends: Gibt es eine Rationierung von Medikamenten am Krankenbett? Nein, sagt Wolf-Dieter Ludwig. "Der Preis selbst wird uns nicht davon abhalten, ein gutes Medikament zu verordnen, auch wenn es hohe Kosten verursacht", sagt der praktizierende Arzt. Im Gegensatz zur Rationierung sei eine Rationalisierung aber wichtig, also eine Abwägung von Kosten und Nutzen einer Therapie im individuellen Fall. Sei eine Erkrankung weit fortgeschritten, könne es zum Beispiel sein, dass eine Therapie gar nichts mehr bringe. Wolfgang Huber pflichtet ihm bei: "Sparsamkeit ist ein Gebot der Gerechtigkeit". Nur wenn an der richtigen Stelle gespart werde, könne man allen Patienten gerecht werden.

Bemerkenswertester Gast

Das war eindeutig die Rheuma- und Leukämiepatientin Marion Rink. Sie machte die menschliche Seite der Debatte deutlich und erzählte eindrücklich von ihrer Erkrankung, wobei sie aktuell beschwerdefrei ist. Allein die Rheuma-Therapie kostete eine Viertelmillion Euro. Sie habe aber damals nicht nach dem Preis gefragt: "Sie haben mit dem Umgang mit Ihrer Erkrankung auch psychisch so viel zu tun - wenn Sie dann noch ein schlechtes Gewissen bekommen, kann das nicht hilfreich sein." Und weiter: "Ich habe mir die Erkrankung ja nicht ausgesucht".

Sie sei glücklich, dass sie in Deutschland lebe. "Wir sind eine Solidargemeinschaft. Das zeichnet uns in Deutschland aus, dass der Eine für den Anderen einsteht, egal wie viel er dann kostet."

Satz des Abends

Karl Lauterbach: "Wir als Politiker sind gefordert. Es macht keinen Sinn, dass wir an allen Ecken und Enden unser Gesundheitssystem kaputtsparen, derweil wir uns bei den Kosten für Medikamente ergeben und die Wucherpreise bezahlen. Das ist ein politisches Versagen, das muss man ehrlich zugeben."

Erkenntnis

Die Debatte ist komplex, Lösungen sind schwierig. Auch wenn die Lobbyistin Fischer mehrfach in Bedrängnis geriet: Sie machte deutlich, dass Pharma-Konzerne in einer ethischen Zwickmühle stecken. Gleichzeitig ist klar: Die Politik ist zu einem gewissen Grad von diesen Firmen abhängig, darf sie nicht vergrämen und ihnen nicht zu starke Fesseln anlegen. Wie dieser Konflikt gelöst werden kann, darauf konnte diese Sendung von "Hart aber fair" leider keine echte Antwort geben.

Hier geht es zur Sendung in voller Länge.

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