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Joachim Herrmann bei "Hart, aber fair"
CSU-Minister sagt "Neger", aber das wahre Problem ist ein anderes

Hart aber Fair: Joachim Herrmann nennt Roberto Blanco einen "Neger"
Joachim Herrmann bei "Hart, aber fair". FOTO: Screenshot ARD
Köln. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hat Roberto Blanco in der ersten Sendung von "Hart, aber fair" nach der Sommerpause einen "wunderbaren Neger" genannt. Doch wenn wir den Flüchtlingen helfen wollen, sollten wir endlich über ein anderes, viel dringlicheres Thema sprechen. Von Sebastian Dalkowski

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann ist auch deshalb eine so beliebte Zielscheibe, weil er so schwer zu verfehlen ist. Fast scheint es, als habe er den Ehrgeiz, die Zielfläche mit jedem Fernsehauftritt noch zu vergrößern. Und so sagte er auch bei "Hart, aber fair" am Montagabend wieder einige Dinge, die einige Zweifel aufkommen ließen.

"800.000 Flüchtlinge - schafft Deutschland das?", fragte Frank Plasberg, und Joachim Herrmann scheute sich mal wieder nicht davor, von Asylbetrügern zu sprechen und echten Flüchtlingen. Er sagte, dass man doch wohl sagen dürfe, dass die, die unberechtigt in Deutschland sind, wieder zurück in ihre Heimat müssen, also in den Westbalkan.

Er argumentierte, ein normaler Kunde fühle sich auch nicht diskriminiert, wenn im Kaufhaus ein Schild hängt, dass Ladendiebstahl verfolgt werde. Er vergaß aber zu sagen, dass kein Ladenbetreiber einem das auch noch pausenlos durch Fernsehmikros verkündet.  Dann sagte er, als Focus-Chefredakteur Ulrich Reitz von den Integrationserfolgen sprach: "Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat." In einem Tonfall, als gehöre das Wort "Neger" zu seinem alltäglichen Sprachschatz.

Porträt: Frank Plasberg – Hart-aber-fair-Moderator FOTO: AP, AP

Simone Peter, Bundesvorsitzende B'90/Grüne, war mit dem CSU-Mann  erwartungsgemäß nicht einer Meinung und warf Herrmann vor, mit seiner Rhetorik zu einem fremdenfeindlichen Klima beizutragen. Ranga Yogeshwar erzählte in seinem Quarks&Co-Tonfall von einem Flüchtling, der Camus liest - was auch immer er uns damit sagen wollte. Ulrich Reitz war nicht so richtig anwesend, aber immerhin kein Hardliner, wie ein aktueller Focus-Titel vermuten ließ. Und Nurjana Arslanova, die fast zehn Jahre in deutschen Flüchtlingsheimen lebte, durfte ab und zu erzählen, wie schlimm es dort war.

Alles wie gehabt. Und damit Zeitverschwendung.

Fotos: Flüchtlinge aus Budapest kommen in München an FOTO: dpa, shp fdt

Schon die Frage war falsch gestellt: 800.000 Flüchtlinge - schafft Deutschland das? Wie Simone Peter feststellte: "Es ist eine Herausforderung, aber keine Überforderung."

Deutschland kommt damit zurecht. Nicht unbedingt mit den Mitteln, die aktuell zur Verfügung stehen. Aber mit den Mitteln, die der Staat zur Verfügung stellen könnte. Es gibt ja den Platz. Es gibt ja die Leute, die das organisieren können. Es gibt ja die Zelte und den festen Wohnraum. Wer sagt, das Boot ist voll, der sollte nicht die Flüchtlinge wegschicken, sondern ein größeres Boot bauen. Und wenn ein so reiches Land wie Deutschland nicht mit der Situation klarkommt - wer sollte dann übernehmen? In Griechenland, Malta oder Italien dürften sie über die Herausforderung, die sich Deutschland stellt, bloß lachen.

Fotos: Flüchtlinge am Bahnhof von Budapest FOTO: afp, ak/dg

Das Problem sind nicht die Flüchtlinge, die es nach Deutschland schaffen

Das Problem ist nicht ein Mensch wie Joachim Herrmann. Wenn rechts von der CSU keine Meinung zum Thema Flüchtlinge gesellschaftsfähig ist, dann ist schon viel erreicht. Das Problem ist nicht die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Das Problem ist die Zahl der Flüchtlinge, die es nicht nach Deutschland schaffen. Und darüber wird in diesen Tagen kaum gesprochen.

Es ist keine Woche her, dass 71 tote Flüchtlinge in einem Lkw in Österreich entdeckt wurden. Aber die Diskussion, wie wir solche Katastrophen in Zukunft verhindern können, ist dadurch ebenso wenig in Gang gekommen wie durch die vielen Toten im Mittelmeer.

Was hilft es, dass bisher noch kein Flüchtling in Deutschland durch einen Anschlag getötet wurde, wenn auf dem Weg zu uns hunderte und tausende Flüchtlinge sterben? Für diese Toten sind wir zwar im Gegensatz zu Opfern eines Nazi-Anschlags nicht alleine verantwortlich, aber wir tragen eine Mitschuld. Diskutiert wurde darüber, ob man Bilder von den Leichen im Lkw zeigen dürfe. Aber nicht, wie sich so ein Drama beim nächsten Mal verhindert lässt. Nicht über die Schande haben wir diskutiert, sondern darüber, ob man die Schande zeigen darf.

EU-Richtlinie zwingt Flüchtlinge auf gefährliche Routen

Bei "Hart, aber fair" war für die toten Flüchtlinge nur am Rande Platz. Als Simone Peter fragte: Warum können die Flüchtlinge nicht einfach nach Deutschland fliegen? Sie spielte damit auf die EU-Richtlinie 2001/51/EG an. Diese hindert Flüchtlinge daran, das viel billigere Flugzeug zu nehmen, anstatt es über den lebensgefährlichen Land- und Seeweg zu riskieren.

Die Richtlinie verpflichtet Fluggesellschaften dazu, die Kosten zu übernehmen, wenn sie eine Person ohne Visum in den Schengen-Raum fliegen, die keinen Anspruch auf Asyl hat. Weshalb die Fluggesellschaften niemanden ohne Visum transportieren. Dass Politiker Asylheime besuchen, ist richtig und wichtig. Aber noch richtiger und wichtiger wäre es, über die EU-Richtlinie zu sprechen.

Doch mehr als dieser eine Satz von Frau Peter war in dieser Sendung nicht darüber zu hören. Die Zeit war vorüber. Immerhin blieben noch ein paar Sekunden für einen klugen Satz von Ranga Yogeshwar, der mit Blick auf den Grenzzaun in Ungarn feststellte: "Wir können diese Welt nicht mehr in Kästchen sperren."

Wir Deutschen sollten das schon seit 26 Jahren wissen.

Hier können Sie sich die Sendung auf der "Hart, aber fair"-Website anschauen.

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