| 10.22 Uhr

Streit ums Auto bei "Hart aber fair"
"Sie glauben, die Leute sind blöd"

Hart aber fair - Leute kaufen sich einen SUV, weil sie es sich leisten können
Bei "Hart aber fair" trafen Autoliebhaber und Autofeinde aufeinander. FOTO: ARD Screenshot
Düsseldorf. Autofahrer, Radfahrer, Bahnfahrer - wer ist im Recht? Und braucht man in der Stadt einen Geländewagen? Bei "Hart aber fair" mit Frank Plasberg kochten die Gefühle am Montagabend hoch.  Von Sonja Blaschke

Darum ging's

"Stadtverstopfer, Luftverpester: Muss das Auto an den Pranger?" - zu diesem Thema diskutierte Moderator Frank Plasberg mit Autoliebhabern und Autofeinden aus Industrie, Politik, Medien und Kultur.

Darum ging's wirklich

Vielleicht lag es an der polemischen Art von Komödiant Werner Schneyder, dass Autofeinde und Bahnliebhaber bei der Sendung eher schlecht dastanden. Stattdessen bekam man das Gefühl, dass die Autoindustrie trotz unzähliger Skandale in den letzten Jahren eher glimpflich davon kam.

Die Gäste

  • Werner Schneyder, Komödiant aus Wien
  • Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie
  • Lina Van de Mars, Moderatorin mehrerer Autosendungen
  • Stefan Wenzel, scheidender grüner Umweltminister von Niedersachsen
  • Dorothee Bär, CSU, parlamentarische Staatssekretärin, zuständig für Verkehrsthemen
  • Robert Glaser, Familienvater, vermietet sein Auto privat übers Internet

Der Frontverlauf

Jedes vierte Auto in Deutschland ist ein Geländewagen, ein SUV – ein Autotyp, der rund um die Welt immer mehr Abnehmer findet. Wie sinnvoll ist ein solches Fahrzeug? Warum fahren Menschen ein solches Auto, obwohl es weit über zehn Liter auf 100 Kilometer verbraucht? "Weil ich es mir leisten kann", sagt ein SUV-Fahrer im eingespielten Beitrag, "für die Jagd", sagt ein anderer. "Immerhin braucht er weniger Benzin als mein Porsche vorher", sagt wieder ein anderer.

"Alles Schwachköpfe", findet der Wiener Komödiant Werner Schneyder. "Diese Leute vertreten eine Religion, jahrzehntelang propagiert von der Industrie, dass das Auto ein Statussymbol und Symbol von Freiheit ist… und das alles glaube ich nicht." Schneyder nimmt in der Sendung kein Blatt vor den Mund, gibt brummelnd seine Meinung von sich und eckt so oft an, wie er Beifall findet.

Neben ihm sitzt Matthias Wissmann, der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. Dieser verteidigt den Trend zum Geländewagen: Die hohe Sitzposition sei bequem, gerade für ältere Leute, aber auch für Familien. Er fahre selber einen – ebenso wie Moderator Frank Plasberg.

Die CSU-Politikerin Dorothee Bär ist sichtlich genervt von den Tiraden Schneyders. Sie finde es "putzig", sagt sie, wenn jemand wie Schneyder aus einer Großstadt wie Wien komme und sage, er brauche kein Auto. Die parlamentarische Staatssekretärin, die zuständig für Verkehrsthemen ist, lebt auf dem Land, ist auf das Auto angewiesen.

Angriffe auf die Autolobby 

Schneyder kontert: "Ich bin ein Taxi-Liebhaber, ich bin ein Liebhaber von Kleinwagen, ich bin ein Liebhaber vom Mitfahren und ich bin überzeugter Eisenbahnfahrer." Seine provokante Theorie, mit der er in der Runde Kopfschütteln erzeugt: Die Lobbyisten der Automobilindustrie hätten die Emanzipation der Deutschen Bahn verhindert. Deswegen sei ihr Service so schlecht. Er fühle sich "zivilisiert", wenn er im österreichischen Railjet in der Business Class sitze, sagt Schneyder.

Wer in der Runde wohl am wenigsten Zeit in der Bahn zubringt, ist die Moderatorin Lina Van de Mars, die Moderator Plasberg als "Autofreak" bezeichnet, was als Kompliment gemeint sei. Sie fahre 40.000 bis 50.000 Kilometer pro Jahr, sagt Van de Mars. "Ich komme entspannt an und kann noch arbeiten", schwärmt sie von der Freiheit des Autos. Offenbar gehört die ausgebildete Automechanikerin und Moderatorin von Autosendungen nicht zu den Menschen, die es stresst, hinterm Steuer zu sitzen.

Plädoyer für den Zug

Der scheidende Umweltminister von Niedersachsen, Stefan Wenzel, ist wie Schneyder leidenschaftlicher Bahnfahrer: "Ich genieße es im Zug zu sitzen und Zeitung lesen zu können und nicht selbst arbeiten zu müssen, am Steuer, sondern entspannt zu sein". Dafür nimmt der Bündnis 90/Die Grünen-Vertreter eine Routine auf sich, die in der Runde bei einigen für skeptische Blicke sorgt: Um 6.20 Uhr verlasse er das Haus, fahre die ersten zehn Kilometer mit dem Bus, dann 100 Kilometer mit der Bahn. Dann laufe er zwei Kilometer zu Fuß. Retour nehme er wieder die Bahn, und weil der letzte Bus weg sei, greife er entweder auf ein Sammeltaxi oder ein Car-Sharing-Fahrzeug zurück. Er habe zwar einen Dienstwagen mit Fahrer, nutze diesen aber nur in 40 Prozent der Fälle. Er verwende die Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln, um zu schlafen, zu lesen oder Akten durchzuschauen.

Nervige Fahrräder

Autoliebhaberin Mars zeigt sich genervt von Fahrrädern, die Parkplätze wegnähmen, die aber keiner nutze. Sie sieht das Auto als Buhmann hingestellt. "Busse und Taxen dürften rumfahren und die Luft verpesten!", beklagt sie die Einseitigkeit der Diskussion aus ihrer Sicht.

Auch ein anderes Thema nervt Autofahrer: Stau. Letztes Jahr habe es 700.000 Staus in Deutschland gegeben, mehr als doppelt so viele wie vor vier Jahren, sagt Frank Plasberg. Addiert komme man auf einen Mega-Stau von 1,4 Millionen Kilometer und 3.800 Kilometer täglich, was der Strecke von Berlin nach München und zurück entspreche – dreimal. "Täglich werden 160 Millionen leere Autositze durch diese Republik kutschiert – das ist Verschwendung", wird Heiner Monheim, Professor für Raumentwicklung von der Universität Trier zitiert.

Auto privat vermieten

"Herr Schneyder, wie nennen Sie das?", will Plasberg wissen. "Einen evolutionären Irrtum, den man korrigieren kann", sagt dieser direkt. Für ihn stecke hinter einem solchen Phänomen die Macht der Autoindustrie, motzt er weiter. Und das Argument, dass mehr Autos viele in Deutschland mit der Branche verbundenen Arbeitsplätze schützten, lässt er nicht gelten. "Sie glauben, die Leute sind blöd, das glauben Sie, Herr Schneider", ereifert sich die CSU-Vertreterin Bär kopfschüttelnd ob dieses Arguments.

Kurz vor Schluss der Sendung stellt Plasberg Robert Glaser vor, einen Familienvater, der sein Auto privat übers Internet vermietet, ähnlich wie Wohnungen bei AirBnB angeboten werden. Er verdiene darüber 60 Euro im Monat, sagt Glaser. Bisher habe er außer leeren Flaschen oder kleineren Kratzern, die schnell entschädigt wurden, keine Probleme gehabt. Der Auslöser für den Sinneswandel des Autofans, der seinen Wagen auf 380 PS hochgetunt hatte, war das Geld, nicht die Umwelt: "Das Auto hat durch bloßes Ansehen schon 20 Liter verbraucht."

Zum Abschluss fährt Plasberg dem Autoverbandsvertreter Wissmann sprichwörtlich an den Karren und weist ihn auf ein neues Erfolgsmodell hin, das Günther Schuh, ein Professor an der RWTH Aachen entwickelt hat, und nicht ein großer Autohersteller: der Street Scooter, leichte Lieferwägen mit kleiner Reichweite, die nun die Deutsche Post in Städten nutzt. Autohersteller hatten die Idee als marktuntauglich abgetan. Verbandsvertreter Wissmann räumt Fehler ein. "Wir dürfen die Wachsamkeit für neue Trends nicht verlieren", sagt er freimütig. "Aus der Geschichte haben wir gelernt."

(sbl)
 
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