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"Hart aber Fair" mit Frank Plasberg
Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Hart aber Fair mit Frank Plasberg: Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?
Rüdiger Thust, Samy Charchira und Ingo Lindemann bei "Hart aber fair". FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. "Ich lasse meine Töchter nicht mehr aus dem Haus." Seit Köln ist die Angst in den Köpfen. Frank Plasberg zeigt an konkreten Beispielen, wie weit das Gift schon in unsere Gesellschaft eingedrungen ist. Und empfiehlt ein Gegenmittel. Der Talk im Schnellcheck. Von Philipp Stempel

Darum ging's: Titel der Sendung: "Bürger in Angst, Polizei unter Druck – ist unser Staat zu schwach?" Zum Einstieg fragt Moderator Plasberg: "Wie kann man Angst messen?"

Darum ging's wirklich: Den Umgang mit Vorverurteilungen und einen rationalen Umgang damit, wenn man sich im öffentlichen Raum nicht mehr sicher fühlt. Konkret wird das greifbar am Beispiel der "Nordafrikaner", die seit Silvester in aller Munde sind. Unweigerlich verspüren viele wieder Angst, wenn sie fremdländischen Menschen begegnen. Und unweigerlich verspüren auch Menschen mit fremdländischem Aussehen Angst im öffentlichen Raum. 

Eine Zuschauer schildert, wie eine Frau ihn bittet, ihn in einem dunklen Bahnhofstunnel an einer Gruppe von Menschen mit fremdländischem Aussehen vorbei zu begleiten und sein Unwohlsein dabei. Ein Polizist verweist auf die hohe Kriminalitätsquote von Männern aus Marokko und Tunesien. 

Porträt: Frank Plasberg – Hart-aber-fair-Moderator FOTO: AP, AP

Gleichzeitig sitzt mit dem Sozialarbeiter Samy Charchira ein Mann aus Nordafrika in der Talkrunde, der sich als Düsseldorfer fühlt und sich gegen pauschale Diskriminierungen wehrt. Die quälende Frage dieser Tage: Wie wird man beiden gerecht?

Fünf Gäste, fünf Vorverurteilungen

Emitis Pohl, eine Kölnerin mit iranischen Wurzeln, hat ihre Töchter mit Pfefferspray ausgestattet und fordert, rigoros gegen Kriminelle vorzugehen. Gleichzeitig sieht sie sich wegen ihrer Herkunft Anfeindungen ausgesetzt. Was sie erzählt, zeigt das ganze Elend dieser Tage: Im Stadtpark zischt man ihr zu, sie solle nicht so laut ihre Heimatsprache sprechen. Sie erzählt von einem Polizisten, der sie beschimpft, sie solle ihre Steuern lieber in Teheran bezahlen. Seit 28 Jahren lebt sie schon in Köln. "Erstmals erlebe ich Ablehnung", sagt Pohl.

Samy Charchira, stammt aus Nordafrika, lebt seit 25 Jahren in Düsseldorf und kümmert sich ehrenamtlich um auffällige Jugendliche, im Maghreb-Viertel kennt er sich aus. Erstmals sieht er sich wegen seines Aussehens Anfeindungen ausgesetzt. Erstmals wird er am Bahnhof von der Polizei kontrolliert. Er sagt: "In atemberaubender Geschwindigkeit hat sich ein neues Feindbild etabliert." Viele Migranten hätten Angst vor dem Gewaltpotenzial rechtspopulistischer Bewegungen.

Wolfgang Bosbach, CDU-Innenexperte, lebt in Bergisch-Gladbach, drei Töchter. "Ich habe Angst um meine Töchter", sagt der 63-Jährige. Karneval in Köln zu feiern, komme für die derzeit nicht infrage. Um nicht in die rechte Ecke gestellt zu werden, will er angeblich nicht im Fernsehen offen erzählen, welche Sorgen ihm ein Kriminalbeamter anvertraut hat. Weil Plasberg nachhakt, rückt er doch damit raus: Der Beamte habe erzählt, wie er seit Jahren gegen falsche Papiere und Scheinidentitäten von Migranten kämpft.

Rüdiger Thust, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Bezirk Köln. Der Kommissar fordert klare, abschreckende Signale, die lasche Kölner Justiz und die mangelnde Polizeipräsenz habe die Stadt für Kriminelle attraktiv gemacht. "Wenn der Bürger nicht mehr von der Polizei bedient werden kann, dann können wir den Laden dicht machen. Das ist der Anfang vom Ende, wenn Polizei nicht mehr funktioniert." Auch er und seine Kollegen haben immer wieder mit Kritik von allen Seiten zu kämpfen. "Als Polizist braucht man ein dickes Fell, sonst wird man krank", sagt er. Erschütternd ein Einspieler von Plasberg, in dem junge, aggressive Männer gegenüber Polizisten den Spruch skandieren: "Wo? Wo? Wo wart Ihr Silvester?"

Ingo Lindemann, Fachanwalt für Strafrecht. Kritiker verurteilen die Kölner Justiz als zu liberal, Lindemann verkörpert sie bei Plasberg. Er vertritt einen der mutmaßlichen Täter vom Kölner Hauptbahnhof und setzt sich für Strafen mit Augenmaß ein. Er hat einen schweren Stand. Den Fall seines Mandanten sieht er als Beleg für eine allgemeine Hysterie nach Köln. Dabei gehe es letztlich nur um Diebstahl, um "lästige" Alltagskriminalität. "Das werden wir niemals ausrotten können."

Der große Konsens: Ausnahmslos alle sind dafür, Kriminelle vor Gericht zu stellen und zu bestrafen. Die Strafgesetzgebung reicht dafür aus, betont Anwalt Lindemann.

Das große Problem: Vor allem Charchira und Lindemann heben immer wieder hervor: Wegsperren lässt sich das Problem auf Dauer nicht. "Wir müssen uns mit diesen jungen Männern auseinandersetzen", sagt der Sozialarbeiter und verweist darauf, dass sie sich oftmals nicht eindeutig identifizieren und damit auch nicht abschieben lassen. Sicher gebe es bei seiner Klientel auch diejenigen, die sich nicht integrieren wollen. Aber eben auch andere. Die Diskussion streift nur kurzzeitig die uralte Frage, wie und ob man Straftäter resozialisieren kann. Um die darf es gerne später in einer eigenen Sendung gehen.

Gast des Abends: Bizarre Züge hat hin und wieder der Auftritt von Strafverteidiger Lindemann. Nicht nur, weil er mit seinem Pferdeschwanz und Bärtchen optisch heraussticht, sondern weil er betont ruhig, nahezu salbungsvoll spricht. Seine Sätze aber haben Gewicht: "Zwischen Wachrütteln und Hysterie liegt nur ein schmaler Grat, und wir sind gerade dabei, diesen zu verlassen."

Perspektive des Abends: Ein Einspieler zeigt, wie massive Polizeipräsenz die Lage im Duisburger Stadtteil Marxloh entschärft hat. Schon bei geringfügigem Vergehen wie Parken in der zweiten Reihe schreiten die Beamten ein. Der Staat hat die Kontrolle zurückerlangt, die Bürger fühlen sich wieder sicher. Ein Modell für die Angstorte der Republik, da sind sich alle einig.

Erkenntnis: Die Sendung zeigt, wie schwer es ist, die Angst in den Griff zu bekommen. Charchiras Anliegen, perspektivlose Kleinkriminelle, die zum Existenzerhalt auf Diebestour gehen, mit Hilfsangeboten zu begegnen, klingt in dieser Runde geradezu weltfremd.

Hier können Sie die Aufzeichnung der Sendung auf der Homepage von "Hart aber fair" sehen

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