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Hannes Jaenicke
"Ich habe immer die Klappe aufgemacht"

Düsseldorf. Schauspieler Hannes Jaenicke ist auf Sat.1 in einer Familienkomödie zu sehen. Wir sprachen mit ihm über Eishockey, Donald Trump und Mut zur eigenen Meinung. Von Michael Bröcker

Sie spielen im Film "Bodycheck" einen alleinerziehenden Eishockey-Coach. Was hat Eishockey, was Fußball nicht hat?

Jaenicke Es ist schneller, härter, spannender. Für ungeduldige Menschen wie mich ist Fußball zu langsam. Beim Eishockey wird nach einem Sturz oder Foul nicht dauernd gewimmert und geschauspielert.

Sie sind in den USA aufgewachsen, da ist Eishockey ja auch Volkssport.

Jaenicke Ja, vor allem in Pittsburgh, wo wir gelebt haben, sind die 'Penguins' eine legendäre Mannschaft. Und in Kanada ist es fast eine Religion. Bei uns gibt es nur die Monokultur Fußball, das finde ich schade.

Das eigentliche Thema des Films ist aber ein anderes, oder?

Jaenicke Ja, es geht um die Rollenbilder, die die Gesellschaft heutzutage Frauen aufdrückt, vor allem jungen Frauen und Mädchen. Meine 13-jährige Filmtochter heißt Nic, trägt Boots, benimmt sich lieber wie ein Junge als wie ein Mädchen und liebt einen harten Männersport, Eishockey. Sie muss in einer Welt klarkommen, die junge Mädchen in ein fatales Rollenmuster zwingt.

Warum?

Jaenicke Die Mode- und Textilindustrie, die TV-Branche, die ganzen Frauen- und Modezeitschriften promoten ungesund dünne Mädchen, die schon mit zwölf dickes Make-up tragen. Hungerhaken sind das Ideal. Shows wie die von Heidi Klum fördern doch Essstörungen und Hungerkuren. Kein Wunder, dass fast ein Fünftel aller Mädchen unter Magersucht oder Bulimie leidet. Damit setzt sich unser Film mit Herz und Witz auseinander.

Aber es gibt doch Shows mit molligen Models, Konzern-Kampagnen, die auf "Normalo"-Figuren setzen.

Jaenicke Das sind die Ausnahmen. Frauen werden in vielen Bereichen in Schubladen gesteckt, die mit einer modernen, emanzipierten Gesellschaft nichts zu tun haben.

Sagt ein Mann, der in vielen Filmen den Macho gegeben hat.

Jaenicke Ich bin kein Macho. Ich meine das ernst. Frauen werden auch in Deutschland immer noch schlechter bezahlt als Männer. In den Chef-Etagen sitzen immer noch keine Frauen. In den USA wird ein Mann Präsident, der Frauen zu Sexual-Objekten degradiert. In Indien, China und in afrikanischen Ländern sind Frauen Lichtjahre von Gleichberechtigung entfernt. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass weltweit bis zu 150 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung betroffen sind. Nur in einem verschwindend kleinen Teil der Welt haben Frauen die gleichen Rechte wie Männer.

Eine große Botschaft für einen kleinen Fernsehfilm?

Jaenicke Ich bin fest davon überzeugt, dass die Komödie die beste Form ist, um ernste Botschaften unters Volk zu bringen. Lachen öffnet nicht nur den Mund.

Sie spielen wieder einen alleinerziehenden Vater. Ist das Zufall?

Jaenicke Es macht einen Höllenspaß, Männer zu spielen, die alles richtig machen wollen und dann umso mehr falsch machen. Ich kenne im privaten Umfeld mehrere alleinerziehende Väter, die zwar einen großartigen Job machen, die aber auch chronisch überfordert sind. Frauen sind da weiter, routinierter, geübter. Aber bei Männern ist es lustiger, weil sie mit ihrem Pragmatismus und ihrer Lösungs-Orientiertheit so viel verbocken.

Sie sind Deutsch-Amerikaner und leben mehrere Monate pro Jahr in den USA. Hat sich das Land unter Trump verändert?

Jaenicke Es gibt zum Glück Bundesstaaten, die Trump nicht gewählt haben, wie meine zweite Heimat Kalifornien. Unser Gouverneur hat sofort nach der Wahl gesagt, dass es mit ihm Deportationen von Zuwanderern nicht geben wird. Und es gibt ja Widerstand. Ich war bei dem "Women's March" gegen Trump. 250.000 Menschen sollen dabei gewesen sein, so viele wie seit den Bürgerrechtsmärschen der 60er nicht mehr.

Wie sollten wir mit Trump umgehen?

Jaenicke Aussitzen. Aushalten. Demonstrieren. Wir haben acht Jahre George W. Bush überstanden, wir werden auch Trump überstehen.

Sie gehören zu den wenigen Schauspielern, die sich einmischen in gesellschaftliche Debatten.

Jaenicke Es gibt viele engagierte Kollegen, schauen Sie auf Iris Berben, Wolfgang Niedecken, Peter Maffay, Ulrike Folkerts, Thomas D. Aber es stimmt schon: Viele prominente Schauspieler wollen nicht anecken. Vielleicht haben sie Angst vor den Politikern in den Fernsehgremien, vor den Reaktionen des Publikums. Ich habe immer die Klappe aufgemacht, ich bin halt so.

Til Schweiger auch.

Jaenicke Ja, ich finde das richtig. Er könnte manchmal vielleicht etwas weniger impulsiv sein, aber generell ist mir Til lieber als Stars, die den Mund gar nicht aufmachen.

Wen meinen Sie?

Jaenicke Ein Beispiel wäre Helene Fischer. Sie ist in Russland geboren. Stellen Sie sich mal vor, sie würde sich zur Flüchtlingsthematik, zu Putin, zur Syrien- oder Ukraine-Krise äußern. Sie hätte mit ihrer gewaltigen Fangemeinde richtig Einfluss. In den USA gibt es Redford, Streep, DiCaprio, Clooney, Springsteen, Damon. Das ist eine Bewegung.

Sie wurden auch mal verhaftet?

Jaenicke Ja, in Bonn musste ich nach einer Friedensdemo in den 80ern eine Nacht in U-Haft. Das war für uns damals eine Auszeichnung.

Spüren Sie einen Rechtsruck in Deutschland?

Jaenicke Nein, eher einen Populisten-Ruck, siehe Petry, Gauland, Seehofer. Aber es gibt viele Gründe, stolz auf dieses Land zu sein. Ein Häuflein der ewig Braunen gab es immer. Früher hießen sie Schönhuber, heute Höcke oder von Storch. Der Durchschnittsdeutsche ist ein liberaler und weltoffener Mensch.

Michael Bröcker führte das Gespräch.

Quelle: RP
 
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