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WDR-Mitarbeiter fälschen Hauszeitschrift
Jauch abgesagt, Chefredakteur degradiert

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30 Jahre "Titanic": Die besten Cover FOTO: Titanic
Köln (RPO). Rund 50 Mitarbeiter des WDR haben in Köln eine Fälschung der Hauszeitschrift "WDR-Print" in Umlauf gebracht. Darin sagen sie unter anderem den Wechsel von Günther Jauch zur ARD ab ("zu teuer") und degradieren WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn zum Leiter des Landesstudios Solingen - wo Schönenborn geboren wurde, es aber gar kein Landesstudio gibt. Von Ulli Tückmantel

Die täuschend echt aussehende Fälschung, die in einer Auflage von 10.000 Exemplaren in Umlauf gebracht wurde, wurde von der Gewerkschaft Verdi mitfinanziert. WDR-Intendantin Monika Piel lassen die Macher des 16-seitigen Hefts eine Wende im WDR ankündigen und erklären: "Es war ein großer Fehler, bei der Programmgestaltung ständig auf die Einschaltquoten zu schielen".

Die echte Monika Piel nahm es mit Humor. Im Intranet des WDR schrieb sie: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, wer bislang noch behauptet hat, im WDR gebe es keinen hintergründigen Humor, der ist spätestens heute eines Besseren belehrt worden." An dem einen oder anderen Punkt - "offen gestanden sogar an ziemlich vielen Punkten" - sei sie anderer Auffassung, dennoch: "Die Ausgabe ist witzig und phantasievoll gemacht, mit gelungenen Pointen und einem Layout von hoher Professionalität. Einmal mehr ein klarer Beleg dafür, dass der WDR eine Menge kluger Köpfe hat."

Die gefälschte "WDR-Print"-Ausgabe wurde per Post an einen großen Verteiler geschickt und in der Kölner WDR-Kantine ausgelegt. Auf dem Titelblatt der "Zukunftsausgabe" (sie trägt das Datum November 2011) grüßt die Maus mit erhobener Faust. Die netten Gemeinheiten liegen in den Details.

"Gebührenzahler-Geisterbahnen"

So steckten die Macher Intendantin Peel in den Lederanzug der TV-Serien-Figur "Emma Peel" und schoben ihr knackige Aussagen unter, wie: "Zudem werden wir auf manch überteuerte Prestigeprojekte in den Bereichen Unterhaltung und Sport verzichten, um uns mehr auf unsere journalistischen Kernaufgaben zu konzentrieren. In diesem Zusammenhang bedauere ich übrigens keinesfalls, dass der Wechsel von Günther Jauch zur ARD an seinen völlig überzogenen Geldforderungen gescheitert ist."

Als Gastautoren engagierten die Macher die Kölner Kabarettisten Jürgen Becker und Rolf Bringmann, die ebenfalls Revolutionen im Sender fordern: "Nach Abschaffung der Konferenzen steht nun die Abschaffung der Fernsehpreise auf der Agenda. Solche Gebührenzahler-Geisterbahnen aus Selbstbeweihräucherung und Eitelkeiten sind in Zukunft als das anzusehen, was sie schon immer waren: Privatsache."

Neben Chefredakteur Schönenborn degradierten die Heftmacher auch Kultur-Chef Volker Schaeffer (WDR3 und WDR5) und versetzten ihn wie auch WDR3-Wellenchef Karl Karst nach Kleve. Tamina Kallert, die die WDR-Fernsehsendung "Wunderschön" moderiert, verpassten die Rebellen kurzerhand ein neues Sende-Konzept: "Potthässlich". Ab Dezember führe "uns Tamina Kallert zu den bedenklichsten Autobahnkreuzen, umstrittensten Supermarktparkplätzen und sonderbarsten 70er-Jahre-Rathäusern des Landes; zwischen Bottrop und Quadrath-Düsseldorf wartet ein ganzes Bundesland darauf, neu entdeckt zu werden – und zwar so, wie es wirklich ist: Potthässlich".

"All-in-One"-Sendung "Ein Aufwasch"

Unter der Überschrift "WDR stoppt Cross-Promotion" kritisieren die WDR-Mitarbeiter das unkritische Dauer-Gekuschel des Senders mit der Ruhr2010 GmbH ihres früheren Intendanten Fritz Pleitgen. Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff lassen die Macher sich auf die Rückkehr von Margarethe Schreinemakers zum WDR freuen. Ihre neues Format: die "All-in-One"-Sendung "Ein Aufwasch". Die Idee: "Margarethe kocht, stellt Quizfragen, richtet fremde Wohnungen ein, gibt Erziehungstipps, testet Produkte, singt Heimatlieder, präsentiert Rankings, liefert Servicehinweise, reist durch reizvolle Landschaften in NRW – und das alles gleichzeitig in nur 45 Minuten!"

Kaum vorstellbar, dass das Plagiat von "WDR-Print" im Rundfunkrat kein Nachspiel haben wird - zumal das Kontrollgremium im Heft abgeschafft und durch ein Zuschauer-Parlament ersetzt wird. Vorbild der Fälschung ist unter anderem ein Plagiat der "Zeit", dass Attac Deutschland im März 2009 herausgebracht hat. Attac begrüßte die Kopie der WDR-Rebellen in einer Pressemitteilung: "Die gefälschte "WDR-Print" berichtet anschaulich, wie ein öffentlich-rechtlicher Sender arbeiten könnte, der auf journalistische Qualität bei fairen Arbeitsbedingungen und direkte, demokratische Mitgestaltung durch ein Zuschauer- und Zuhörerparlament setzt."

 
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