| 09.36 Uhr

Merkel zu Gast in ZDF-Sendung "Klartext"
Linkes U-Boot und Liebeserklärung für die Kanzlerin

"Klartext, Frau Merkel!": Linkes U-Boot und Liebeserklärung
Bundeskanzlerin Angela Merkel in der ZDF-Sendung "Klartext". FOTO: dpa, abl
Berlin. Keine Tabus bei der Ausländerkriminalität, weg mit der Verunsicherung der Dieselfahrer und ein klares Bekenntnis, vier Jahre im Amt bleiben zu wollen. Viele Themen kommen in 90 Minuten "Klartext"-Sendung mit Angela Merkel zur Sprache. Und die Kanzlerin verspricht viel. Von Gregor Mayntz

Zum Schluss wird die Kanzlerin hellhörig. "Was habe ich versprochen, was ich nicht gehalten habe?" Die Antwort: "Schnelles Internet." Na ja, meint sie und sagt, dass sie zwölf Jahre im Amt sei: "Das erste Smartphone gab es noch nicht, als ich Bundeskanzlerin wurde." Es sei in Sachen Digitalisierung aber "einiges im Gange".

Der Start: spröde. Ein von sieben Einbrüchen heimgesuchter Ladenbesitzer liebäugelt damit, die AfD zu wählen, damit auch kleinere Delikte hart bestraft, ein Dieb erst mal weggesperrt wird. Merkel wirbt für die gerade beschlossene Strafverschärfung und dafür, das erst mal wirken zu lassen, will sein Anliegen aber "noch mal aufnehmen".

Als wäre es ein Stichwort für das einheitliche Musterpolizeigesetz aus dem Unions-Wahlprogramm, schildert ein niedersächsischer Polizist, wie die Standards für Polizeigehälter zwischen den Bundesländern immer weiter auseinanderklaffen, man sich gegenseitig die Beamten abwirbt. Die Kanzlerin bringt ihre Vorschläge und kündigt an, das auch noch mal mit den Ministerpräsidenten durchzusprechen. Wenn es so weitergeht, wird es ein wenig spannender Abend.

"Sind Sie selbst ein bisschen Hacker?"

Doch nach einer Viertelstunde kommt die Sendung allmählich in Bewegung. Die Rufe nach mehr Polizeipräsenz lassen einen jungen Mann befürchten, in einem Überwachungsstaat aufzuwachen. Merkel versichert ihm, dass auch sie die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit umtreibt, verweist darauf, dass Handys nicht ohne richterlichen Beschluss ausgeforscht werden dürfen, redet gleichzeitig jedoch auch nicht darum herum, dass der Staat den Terroristen in geschlossene Gruppen von WhatsApp folgen können müsse.

ZDF-Chefredakteur Peter Frey will vermeiden, dass es zwischen dem besorgten Bürger und der Kanzlerin zu einem Fachdialog kommt, doch Merkel widerspricht. Der Mann habe doch Ahnung – und da entfährt ihr spontan eine Gegenfrage: "Sind Sie selbst ein bisschen Hacker?" Das Publikum lacht, Merkel ist in Fahrt gekommen.

Kurz darauf wird es schräg. Eine Reinigungskraft aus Bochum wird vorgestellt als Betriebsrätin. Sie wettert gleich mit Stichworten los, die zum Thema Rente aus dem Wahlprogramm der Linken stammen könnten. Und tatsächlich, ein kleines Googeln reicht bereits: Was das ZDF hier als ganz normale Bürgerin verkauft, ist in Wirklichkeit eine Frau von den Linken in Bochum. Es fallen scharfe Worte. "Unverschämt", sei die Antwort der Kanzlerin, die auf die Vorteile des Riesterns verweist, auf zusätzliche Verbesserungen. Die Kanzlerin zeigt Verständnis für die schwierige Situation, bleibt aber bei ihrer Linie. "Ihre Biografie ist schwierig", sagt Merkel, sie ahnt da wohl noch nicht, welche parteipolitisch gefärbte Biografie das ZDF ihr gegenüberstellte.

Wiederholt belässt sie es beim "Das-nehme-ich-mal-mit"

Auflockernd die Schnellfragerunde dazwischen, die Merkels Schwäche aufzeigt, mitunter ganz kurz und bündig zu antworten. Sie bekommt Videos mit teils kurzweiligen Themen eingespielt, kann auf die Frage, wie viel Schokolade sie esse, kurz antworten, dass sie "andere Laster" (Salami) habe. Auch die Frage, ob sie nach ihrer Amtszeit auch mal was anderes tragen werde als Hosenanzüge, bekommt sie noch kurz hin mit dem Gedanken an Jeans. Aber bei der Massentierhaltung würde sie am liebsten mit der Frau aus dem Video diskutieren.

Sollte sie die Wiederwahl als Bundeskanzlerin schaffen, hat sie ihren Terminkalender bei dieser Sendung sehr belastet. Denn wiederholt belässt sie es nicht nur beim "Das-nehme-ich-mal-mit", was sie auch ihren Mitarbeitern überlassen könnte. Nein sie sagt auch selbst zu, einmal ein "Schatten" eines Pflegers sein zu wollen, um seinen Berufsalltag mitzuerleben. Und einer Frankfurter Rektorin, die auf große Integrationsprobleme in den Schulen verweist, macht sie den Vorschlag, zusammen mit ihr 50 Lehrer auszusuchen, um die Probleme zu beleuchten.

Das Flüchtlingsthema kommt von zwei Seiten. Eine Erfurterin sorgt sich um den großen Männerüberschuss unter den Flüchtlingen, der auch zum Anstieg sexueller Gewalt führe. Zwei Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien ("Frau Merkel, ich liebe Sie") schildern ihre Probleme mit den Anerkennungsverfahren. Merkel sagt der Frau, dass harte Reaktionen bis hin zu Abschiebungen nötig seien, wehrt sich aber gegen Verallgemeinerungen. Und die Flüchtlinge bittet sie um Geduld, will den örtlichen CDU-Abgeordneten darauf ansetzen, warum das Anliegen des Syrers in Duisburg nicht vorankommt.

 
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