| 08.28 Uhr

"Let's Dance"
Im Hamsterrad der Emotionen

Fotos: "Let's Dance" 2017: Die Platzierungen der Promis
Fotos: "Let's Dance" 2017: Die Platzierungen der Promis FOTO: RTL / Stefan Gregorowius
Köln. Nach der Osterpause geht die RTL-Tanz-Sause "Let's Dance" mit Schwung und der handelsüblichen Portion Zuckerguss in die nächste Entertainment-Kurve. In der fünften Live-Show tanzen die Profis und Promi-Darsteller zu Nummer-eins-Hits. Von Martin Weber

Es wird geschwitzt, gelitten, geflirtet und natürlich jede Menge geplappert. Zeit für eine erste Zwischenbilanz: Was funktioniert prächtig, wer nervt tüchtig, welche Körperteile gehorchen ihren BesitzerInnen bestens? Und vor allem: Wie um Himmels willen konnte es passieren, dass Sylvie Meis dauerhaft im Farbfernsehen moderiert?

Die Moderatorin: Sylvie Meis

Sie ist natürlich ein weiches Ziel, diese Frau. Es ist und bleibt trotzdem ein Mysterium, wie es Sylvie Meis geschafft hat, dauerhaft im Farbfernsehen stattzufinden. Hat sie doch die Maskenhaftigkeit einer noch nicht ganz fertig produzierten Barbiepuppe. Was man ihr in Show fünf keinesfalls anmerkte: Dass die RTL-Techniker wegen der Osterpause von "Let's Dance" eine Woche mehr Zeit hatten, die Batterien in ihrem Moderationskleid zu wechseln.

Meis hat weiterhin lediglich drei Mimiken parat. Die aber variiert sie virtuos. Mal ist sie puppenhaft erstaunt, mal puppenhaft süß, mal puppenhaft ratlos. Dann aber auch wieder puppenhaft ratlos, puppenhaft süß und puppenhaft erstaunt. Sie haut inflationär Floskeln raus wie "Leidenschaft pur", bei denen man eins immer und sofort weiß: Leidenschaft pur geht anders.

Sie trug, weil RTL demnächst "Fifty Shades of Grey" ausstrahlt und sie darauf hinweisen musste, vorübergehend eine Maske und bearbeitete ihren Moderatorenkollegen Hartwich mit einer Gerte. Das wirkte nicht ganz so überzeugend und glaubhaft wie bei ihrem besten Satz, mit dem sie zuverlässig in die Werbung abgab: "Und denken Sie daran, liebe Zuschauer, wir haben noch 10.000 Euro für Sie!"

Der Moderator: Daniel Hartwich

Hartwich wirkt des Öfteren und trotz jahrelanger Betriebszugehörigkeit bei "Let' Dance" mitunter immer noch so, als sei er da zufällig hineingeraten. Er gebärdet sich in der Studiokulisse gerne mal wie in der Freiluftdschungelkulisse in Australien bei "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!". Er wäre wohl auch im Kontext von "Let's Dance" lieber der RTL-Haushund, den man – wie eben im Dschungel – von der Kette lässt.

Hartwich trägt seine auswendig gelernten Moderationen deutlich souveräner und selbstverständlicher vor als Sylvie Meis. Okay, das ist jetzt auch alles andere als schwierig. Er sagt selbstironische Sätze wie "Der Konkurrenzkampf wird härter, eine alte RTL-Show-Plattitüde" so locker, wie der FC Bayern München Niederlagen gegen spanische Spitzenclubs einfährt. Und er macht auch vor den Profitänzern nicht Halt: "Acht Wochen Tanztraining mit Christian Polanc sind wie 16 Wochen Urlaub in Nordkorea." Gut, der Mann. Und bei "Let's Dance" zuverlässig unterfordert.

Let's Dance - Promis tanzen zu Nummer-eins-Hits FOTO: RTL/Stefan Gregorowius

Der Berieselungs- und Unterhaltungsfaktor

Wie immer groß, ausführlich und herrlich. "Let's Dance" ist aktuell die Regenwalddusche unter den Shows. Was immer da visuell und akustisch auf einen niederprasselt: Es ist leicht und seicht, ohne auch nur im Ansatz doof oder trashig zu sein. Die Fallhöhe der teilnehmenden Promi-Darsteller ist auch in Staffel Nummer zehn hoch. Niemand konnte vor Beginn der Show wirklich gut tanzen, alle müssen sich reinhängen.

Es reicht nicht – wie etwa bei "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" – einfach nur da zu sein. Stattdessen: trainieren. Schwitzen. Sich quälen und wirklich etwas leisten. Was, im Gegensatz zu den top-designten und absolut fettfreien Luxuskörpern der Profi-Tänzerinnen und -Tänzer ein so enormer wie sehenswerter Kontrast ist. Hier schwitzt zusammen, was eigentlich gar nicht zusammengehört. Aber im Laufe einer Staffel konsequent zusammenfindet.

Fotos: Das sind die bisherigen "Let's Dance"-Sieger FOTO: dpa, ve

Freundschaftliche Wahlverwandschaften durch Quickstepp, Samba und langsamen Walzer. Dazu die überkandidelte und zuckerwattige Inszenierung des Ganzen und das optische Inferno der irren Lightshow, die RTL auffährt. ARD-Angestellte, die für Florian Silbereisens Akustik-Terror-Firlefanzsendung "Das Frühlingsfest der Frühlingsgefühle" arbeiten, weinen dabei sicher desillusioniert ins Regiepult. Und sind neidisch.

Die Jury

Jorge González

Er ist der ungekrönte König der verschluckten Silben. Jorge González macht innerhalb dieser Silben keinen Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten. Man versteht ihn selten, hat aber jederzeit Verständnis für den gebürtigen Kubaner. Weil ein radschlagender Pfau ein unauffälliges Geschöpf ist gegen den diplomierten Nuklearökologen. Weil auch in Show fünf von Staffel zehn sein Outfit – eine Melange aus Latex-Luder, 70er-Jahre-Tapete und Lametta-Turnhose – ein Frontalangriff auf die Sehnerven ist. Und natürlich, weil seine ellipsenhaften Bewertungen konsequent zwischen dada, gaga und sprachlicher Verknappung auf höchstem Niveau changieren: "Du has Gefuuuhl, chica, hohäää Niwo, subbaaa."

Motsi Mabuse

Das ausgleichende Element innerhalb des Jury-Trios. Sie sitzt nicht zufällig zwischen den Herren González und Llambi. Mabuse kann als ehemalige Profitänzerin das Geschehen fachlich bestens beurteilen, gibt aber regelmäßig auch die sprechende Gänseblümchenwiese mit Mutter-Beimerschen Fürsorgequalitäten: "Wirklich süß, ihr beiden, hat mir gut gefallen." Zu wem sie das sagte? Haben wir verdrängt. Hat aber auf jeden Fall gestimmt. Motsi Mabuse trug am Freitagabend ein florales Inferno, dass sie, obwohl gerade erst 36 geworden, ungefähr 20 Jahre älter erschienen ließ. Wenn das Laura Ashley noch erlebt hätte.

Joachim Llambi

Er sagt als Drill Instructor und harter Hund des Formats Sätze, die man sofort in die nächste Parkbank schnitzen möchte: "Die Schritte müssen beim Tango mit der Ferse angesetzt werden." Llambi gibt den blasierten Bescheidwisser auch in Folge fünf von Staffel zehn in Perfektion. Er wirkt zunehmend so beflissen und emsig wie Frollein Rottenmeier, die Hausdame und strenge Gouvernante aus "Heidi". Was längst so legendär ist wie die Champions-League-Niederlagen von Bayern München gegen spanische Spitzenclubs: Seine Kabbeleien mit Moderator Daniel Hartwich. Es gilt: Nimmst du mir das Eimerchen weg, hau ich dich mit dem Schippchen auf den Kopf. Oder umgekehrt. Und dann noch mal von vorn.

Die Testosteronschleuder

Die Promis und ihre Tanzpartner FOTO: RTL

Gil Ofarim, wer sonst? Er schaffte das, was in der Geschichte von "Let's Dance" zuvor noch keiner geschafft hat: Er bekam in drei aufeinanderfolgenden Shows jeweils die Höchstpunktzahl. Diesmal ergatterte er keine 30 Punkte und erfüllte an der Seite der Profitänzerin Ekaterina Leonova – besonderes optisches Kennzeichen: extrem heiße Katze – trotzdem alle Erwartungen.

Bleibt der Mann, bei dem man sich sekündlich mehrfach fragt: Wo hört die rasierte Brustbehaarung auf? Und wo fängt der akkurat gestutzte Bart an? Ofarim ist auf Du und Du mit seinem Körper und ein echtes Bewegungs- respektive Tanztalent. Er umschleicht, umschmeichelt und umtanzt Ekaterina Leonova wahlweise mit der Geschmeidigkeit und Lässigkeit eines Tigers auf Sonntagnachmittagsspaziergang. Er übersteht auch eine schwächere Tanzrunde locker. Weil das Revier längst abgegrenzt und markiert ist. Oder wie es Daniel Hartwich formulierte: "Der Mann, der mit seinen Blicken nasses Kaminholz entzünden kann."

Ofarim wird bei "Let's Dance" weiter brennen und weibliche Herzen in Wallung bringen. 

Gesichtskirmes des Abends

Zuverlässiger Lieferant dieses mimischen Ausnahmezustands: Faisal Kawusi. Er gibt seine diversen Rollen immer perfekter. Mal ist er der lustige Dicke, der sich selbst "Fettsack" nennt und davon erzählt, wie er als Kind gemobbt wurde. Dann ist er wieder die reflektierte und coole Type, die seinen aus Afghanistan geflüchten Eltern in der Rückschau dankbar ist: "Wir konnten hier so werden, wie wir sind." Das ist RTL-affine Tränentreiberei im Einspielfilm – und zugleich wirklich anrührend.

Er brilliert mit feiner Selbstironie und solider Eigenwahrnehmung, dieser Faisal Kawusi. Und er meint die Sache mit dem Tanzen an der Seite der umwerfend charmanten und unverschämt gut aussehenden Oana Nechiti verdammt ernst – und hat zugleich jede Menge Spaß dabei. Längst alles andere als der heimliche Star der zehnten Staffel.

Fun Fact

Giovanni Zarrella, im Kontext von Bro'Sis von 2001 bis 2006 Teilzeit-Tanzesel, hatte mit der Casting-Band tatsächlich mal einen Nummer-eins-Hit. Die Älteren werden sich daran erinnern, die Jüngeren wollen bitte die Gnade der späteren Geburt genießen.

Raus mit Applaus

Ann-Kathrin Brömmel. War an der Seite des Profi-Tänzers Sergiu Luca gar nicht mal so schlecht. Viel schlechter war Susianna Kentikian zusammen mit Robert Beitsch, die von der Jury auch die niedrigste Punktzahl bekamen. Was Ann-Kathrin Brömmel aber de facto war: nicht schlagfertig und nicht überbordernd sympathisch. Von Daniel Hartwich auf ihren Lebensgefährten Mario Götze – WM-Siegtorschüttze 2014 und Pummelfee forever – angesprochen, gab sie sich recht schmallippig.

Sie sah dabei in ihrem knappen grünen Kleidchen aus wie der erotischste zweibeinige Kunstrasen aller Zeiten, wurde aber trotzdem von den Fernsehzuschauern rausgewählt. Jetzt weiß sie ganz sicher, dass "Spielerfrau" ein Teilzeit-Geschäftsmodell sein kann, aber keine Fernsehpräsenz garantiert.

Egal. Dancing Queen wäre sie eh nicht geworden; die Favoriten auf den Sieg von Staffel zehn bleiben Vanessa Mai und Christian Polanc sowie Gil Ofarim und Ekaterina Leonova. Bis nächste Woche, auf die nächste Runde im Hamsterrad der Emotionen bei "Let's Dance".

Sie wollen keine TV-News mehr verpassen? Folgen Sie unserer Facebook-Seite "TV Flash"!

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Let's Dance 2017: Ann-Kathrin Brömmel fliegt raus


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.