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Marvel’s "Luke Cage"
Eine Serie zwischen Tiefgang und Enttäuschung

"Luke Cage": Eine Serie zwischen Tiefgang und Enttäuschung
Die Serie lässt sich viel Zeit, ihre Figuren vorzustellen. FOTO: Screenshot: Youtube (Netflix)
Düsseldorf. Mit Luke Cage zeigt Netflix die mittlerweile dritte Superhelden-Serie aus dem Marvel-Universum. Und die kann in unserer spoilerfreien Review nicht ganz überzeugen. Von Ludwig Jovanovic

Was tut man, wenn man Superkräfte und eine Haut so undurchdringlich wie ein Panzer hat – inklusive rasanter Selbstheilungskräfte? Man versteckt sich und möchte auf keinen Fall ein Held sein. So geht es Luke Cage (Mike Colter), der in Pops (Frankie Faison) Friseursalon den Boden kehrt und die Fenster putzt – und abends noch als Tellerwäscher im Nachtclub "Harlem's Paradise" arbeitet. So beginnt die neue Netflix-Serie, die nach ihrem Superhelden Luke Cage heißt. Ein Unbekannter auf dem TV-Bildschirm ist er indes nicht. Schon vergangenes Jahr trat er in der Serie "Jessica Jones" auf. Nun darf er als Hauptfigur 13 Episoden bestreiten. Und das Ergebnis ist leider etwas durchwachsen.

Die Serie lässt sich in den ersten fünf Folgen sehr viel Zeit, die Figuren vorzustellen und sie in Position zu bringen. Das muss nichts Schlechtes sein.  Aber es zieht sich anfangs etwas. Zudem ist fast jeder andere Charakter interessanter als Luke Cage selbst: Er will kein Held sein, dann ist er es doch – eine Zeit lang. Bei den ersten Anzeichen von Problemen will er aber die Sachen packen und verschwinden. Seine Unentschlossenheit macht ihn vielleicht zum menschlichsten der Marvel-Superhelden bisher. Aber auch zu einem der langweiligsten. Erst als man etwas mehr über seine Geschichte erfährt und langsam versteht, warum er sich so verhält, gewinnt er an Kontur. Bis dahin aber muss man einige Episoden aushalten.

Anfangs viele Längen, aber dichte Atmosphäre

Was aber bis zur sechsten Episode dennoch unterhält, ist die überaus dichte Atmosphäre: Die Musik, das Setting, die Sprache – das alles macht Harlem zu einem lebendigen, greifbaren Ort, der pulsiert und tatsächlich anders wirkt als der New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen in den beiden anderen Superhelden-Serien Daredevil und Jessica Jones. Nur manchmal übertreiben es die Serienmacher mit der Darstellung der Lebenswirklichkeit. Wenn gerade in der ersten Folge lang und breit über Basketball geredet wird, versteht man kaum etwas – außer man ist Fan der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA. Auch das Gespräch zwischen Pop und Luke über afroamerikanische Autoren hinterlässt bei den meisten Zuschauern vermutlich viele Fragezeichen.

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Hochpolitisch und überaus aktuell wird es dafür, wenn es um das Verhältnis zwischen der mehrheitlich farbigen Bevölkerung und der Polizei geht oder die sozialen Verhältnisse in Harlem eine Rolle spielen. Gerade im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf ist die Serie so ein Statement gegen die dumpfe Propaganda eines Donald Trump. Das war vielleicht ungewollt, es zeigt aber das Potenzial der Serie. Und das scheint in der zweiten Hälfte dann richtig durch.

Einer der Bösewichte, Cornell "Cottonmouth" Stokes, wird so nuancenreich von Mahershala Ali dargestellt, dass es nicht mehr überrascht, wenn wir etwas über seine Kindheit erfahren – und erleben, was für ein komplexer und zerrissener Charakter er ist. Auch Alfre Woodard als Cornells Cousine Maria Dillard spielt mit so viel Beherrschtheit und Zurückhaltung, dass der Fernseher regelrecht explodiert, wenn sie die Kontrolle verliert.

Aber den tiefsten Eindruck hinterlässt Simone Missick als Polizisten Misty Knight, die in dem Chaos, das in Harlem ausbricht, verzweifelt versucht, den Überblick zu behalten. Und Rosario Dawson darf wie schon in den anderen Marvel-Serien zuvor als Krankenschwester Claire Thompson mal wieder das Leben von Superhelden retten. Dafür bekommt sie in Luke Cage mehr zu tun als in Daredevil oder Jessica Jones und gewinnt so an Tiefe.

Grandiose Leistung der Schauspieler, schwacher Über-Schurke

Die Serie wird von der grandiosen Leistung der Schauspieler getragen. Mike Coltor schafft es, aus Luke Cage dann doch einen interessanten Charakter zu machen: aus dem eher unentschlossen, etwas zögerlichen Menschen wird ein Held, der nicht mehr davon läuft – und der den Unterprivilegierten Stolz und Würde verleiht. Sein Hoodie mit Einschusslöchern wird so zum Staffelende in Harlem ein Zeichen der Identifikation mit Cage.

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Mit den überraschenden Wendungen könnte die Serie so ein neues Niveau erreichen. Nur leider verschenken die Serienmacher dann wieder jede Menge Potenzial: Mit Willis "Diamondback" Stryker (Eik LaRay Harvey) wird ein neuer Bösewicht präsentiert, dessen Name schon von Anfang an über allem liegt. Nur leider wirkt er dann wenig bedrohlich, sondern eher wie eine klischeebeladene Karikatur eines Schurken. Zumal der Konflikt mit Luke Cage wenig überzeugend in Szene gesetzt wurde und sehr konstruiert scheint. Diamondback ist einfach nur böse, aber alles andere als beeindruckend oder vielschichtig. Auch andere Nebenfiguren wie Hernan "Shades" Alvarez (Theo Rossi) wirken angesichts der Zeit, die ihnen gewidmet wird, am Ende reichlich überflüssig.

Die erste Staffel zeigt, dass die Serie durchaus noch wachsen kann. Und mit drei oder vier Folgen weniger und einem besseren Über-Schurken wäre Luke Cage schon jetzt ein großartiges TV-Erlebnis geworden. So aber bleibt die Serie hinter ihren Möglichkeiten und den beiden anderen Marvel-Serien Daredevil und Jessica Jones zurück.

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