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Sehenswertes Schäuble-Porträt
"Macht und Ohnmacht": Der Eiserne Schatzkanzler

Porträt in Bildern: Das ist Wolfgang Schäuble
Porträt in Bildern: Das ist Wolfgang Schäuble FOTO: dpa, wk jai
Düsseldorf. Am Montag zeigt das Erste um 21.30 Uhr ein gelungenes Porträt über Wolfgang Schäuble, den Primus der Euro-Finanzminister. Schaurig wird darin der "dunkelste Tag" im Leben Schäubles ins Licht gerückt: das Revolverattentat von 1990. Von Reinhold Michels

Der Film "Macht und Ohnmacht" über Wolfgang Schäuble ist exzellent. Ob er in die Geschichte der TV-Porträts eingehen wird? Man wird sehen. Indes, der Mann, um den es geht, hat geschichtliches Format. Ein Fragezeichen braucht man da nicht hinter den Bundesminister der Finanzen, den Doyen des Kabinetts und seiner Eurogruppen-Kollegen zu setzen.

Schäubles Ehefrau Ingeborg, die im Film ebenso ausführlich zu Wort kommt wie die älteste Tochter Christine, hätte ihren Wolfgang gerne als Professor an der Uni Freiburg gesehen. Da hätte er sicherlich kluge rechtswissenschaftliche Bücher geschrieben; er aber strebte in die Politik und schrieb Geschichte. Als diese 1989/90 zu einem ihrer seltenen Tigersprünge ansetzte, war der von Schäuble zunächst tief bewunderte und heute wohl ebenso tief verachtete Helmut Kohl Bundeskanzler. Kohl wurde zum Kanzler der Einheit, und Schäuble zum Schmied des deutsch-deutschen Einigungsvertrages - eines ungeheuren Werkstücks, das von dem badischen Staatsdiener par excellence und seinem heute vergessenen ostdeutschen Partner Günther Krause höchste Anstrengung im Intellektuellen und Physischen verlangte.

25 Jahre später wird beides wiederum von dem bald 73-Jährigen erwartet. Breiten Raum nimmt im Fernsehporträt von Stephan Lamby der weniger geliebte, dafür umso mehr respektierte "Eurofighter" Wolfgang Schäuble ein, der Primus inter pares im Kreis der Euro-Finanzminister. Es leuchten auf Schäubles Härte mit sich und anderen, seine Kopfmenschen-Gabe zur nüchternen Analyse, auch Schäubles Sarkasmus etwa gegenüber dem griechischen Irrlicht Yanis Varoufakis, das als Kurzzeit-Finanzministers Athens und Professor Seltsam "uns Euro-Kollegen noch einmal gebührenfreie Vorlesungen gehalten hat".

Gut heraus gearbeitet wird Schäubles für manche unfassbar große Loyalität gegenüber seinem Förderer und Fallensteller Kohl sowie der Kanzlerin Angela Merkel. Sie schlug ihn gegen seinen (heimlichen?) Wunsch 2004 nicht als Bundespräsident vor und entschied sich für das leichtere Gewicht Horst Köhler. Das Schwergewicht Kohl trieb es mit seinem Besten noch ärger. Die Filmpassagen über das in der CDU-Parteispendenaffäre 1999/2000 bis zur Eiseskälte herunter gekühlte Verhältnis der beiden Männer lassen mental Wattierte frieren. Schäuble wirft Kohl kaum verhohlen vor, die Story mit den anonymen Spendern und dem Ehrenwort womöglich erfunden zu haben, und der von Kohl gedemütigte deutet seinen Verdacht an, dass Kohl Hintermann einer auf ihn, Schäuble, zielenden "ordentlichen Intrige mit kriminellen Zügen" gewesen sein könnte. Politischer Kriminal-Tango der Extraklasse.

Schaurig wird der "dunkelste Tag" im Leben Schäubles ins Licht gerückt: das Revolverattentat von 1990. Den ersten Knall hörte der sofort Querschnittsgelähmte noch. "Ich spüre meine Beine nicht", röchelte der Getroffene. Als er aus der Bewusstlosigkeit erwachte, wollte er nicht mehr leben. Tochter Christine, die das Unheil miterlebt hatte, machte dem Vater klar, "dass solche Gedanken Blödsinn sind".

2010, als er in Brüssel zusammengebrochen war und seinem Sohn das Testament zeigte, war es Angela Merkel, die Frau Schäuble am Telefon - er sagt: "überraschend und bestärkend" - , bat, sie möge ihrem Mann Rücktrittsgedanken ausreden. In diesem Sommer keimender Spannungen mit Merkel um den Härtegrad gegen Athen überlegte Schäuble erneut, ob ein Rücktritt geboten sei. Es überwog der "Eiserne Schatzkanzler" in ihm. Wie lange noch?

Info "Macht und Ohnmacht", ARD, Mo., 21.30 Uhr / "Varoufakis - Das Interview" u.a. zu Schäuble, Phoenix, heute, 21.40 Uhr

Quelle: RP
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