| 08.23 Uhr

TV-Talk mit Sandra Maischberger
"Amokläufer kann man erkennen"

Maischberger mit Prof. Dr. Britta Bannenberg: "Amokläufer kann man erkennen"
Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen. FOTO: ARD
Düsseldorf. Sandra Maischberger hatte in ihrer Sendung drei Menschen zu Gast, die Familienangehörige bei einem Amoklauf verloren haben oder selbst fast Opfer geworden wären. Eine Kriminologin gab Antworten auf die Frage: "Warum wird aus Hass Mord?" Von Jessica Balleer

Das Thema: Der ARD-Themenabend mit dem Spielfilm "Die Stille danach" um 20.15 Uhr und Maischberger behandelte das Thema Amokläufe. Wie aus Zeit und Raum gefallen wirkte dies angesichts aktueller Themen wie CETA, dem US-Wahlkampf oder der Lage in Aleppo. Dennoch moderierte Maischberger eine sehenswerte Runde – weil die Gäste viel preisgaben und Kriminologin Britta Bannenberg konkrete Antworten zu Amokläufen geben konnte.

Die Gäste:

  • Arbnor Segashi (seine Schwester starb beim Münchner Amoklauf 2016)
  • Gisela Mayer (Mutter eines Amok-Opfers von Winnenden 2009)
  • Pascal Mauf (Überlebender des Erfurter Amoklaufs 2002)
  • Prof. Dr. Britta Bannenberg (Kriminologin).

Fauxpas des Abends: Gleich zu Beginn leistete sich Sandra Maischberger ein No-Go, als die Moderatorin ihren Gast Pascal Mauf zu seinen Erlebnissen in Erfurt befragte. Er hatte den Amoklauf 2002 hautnah miterlebt und schilderte eindrücklich, wie er die Atmosphäre in der Schule wahrgenommen hatte. Doch Maischberger bohrte immer weiter nach. Wie ein Verhör klang das zuweilen, als sie permanent mit der Frage "und dann?" nachfragte.

Über die Sendung hinweg betrachtet konnte man ihr das nötige Taktgefühl  nicht absprechen. Doch an einigen Stellen wurde deutlich, dass Maischberger im politischen Talk zuhause ist.

Frage des Abends: "Kann man Amokläufer erkennen?" – das war die wohl spannendste Frage, die allerdings nicht Maischberger, sondern ein Zuschauer gestellt hatte. Kriminologin Bannenberg bejahte das ausdrücklich. "Die Täter planen teilweise jahrelang, äußern mittelbare Drohungen und deuten möglicherweise die Tat an", sagte sie. Die Eltern seien aber ganz klar nicht immer schuldig.

Bannenberg erläuterte, dass nicht immer die Erfahrung von Mobbing oder Unrecht die Täter zu ihrer Tat treiben. Mobbing sei ein großes Problem, als Motiv für Amoktaten aber eher selten: Seit 1990 habe es 21 Amokläufe gegeben, von denen nur ein Täter gemobbt wurde. Insbesondere Mitschüler seien wichtige Quellen, weil sie Hinweise deuten könnten.

Der beeindruckendste Gast: Arbnor Segashis 14-jährige Schwester starb beim Amoklauf in München. Im ersten Moment habe er gar nicht trauern können. "Alles ist vorbei, komm nach Hause", hatte sein Bruder am Telefon gesagt. Mit ehrlichen Worten beschrieb Segashi, wie er sich von Emotionen distanzieren musste, um der Mutter und seiner Schwester beizustehen. Segashi sprach von Zufall oder Schicksal, er wolle sich aber keine weiteren Fragen stellen, "weil eine Antwort die Situation bei mir zu Hause nicht ändert". Wie es den Täterfamilien gehe, frage man sich erst viel später, gab er offen zu. "Dass auch sie ein Kind verloren haben, ist im ersten Moment weit weg."

Das Leben der Täterfamilien: "Die Familien der Täter reden ungern mit Forschern", sagte Britta Bannenberg. Die Taten haben oft schwere Auswirkungen auf Familien: Ehen zerbrechen, Eltern machen sich Vorwürfe. "Die Täterfamilien sind auch zerstört", sagte die Kriminologin.

Bannenberg brachte in die hoch emotionale Debatte ein wenig Sachlichkeit hinein. Anders als bei typischen Gewalttaten, erklärte sie, bei denen Verwahrlosung oder ähnliches zugrunde liege, seien das oft Mittelschicht-Familien mit ordentlichem Einkommen und materiellem Wohlstand. "Doch das Vertrauensverhältnis ist nie vorhanden. Das Kind ist auch in der Familie ein Außenseiter, indem es sich isoliert."

"Amok gab es bis Winnenden für mich nicht"

Was für eine taffe Frau, dachte sich der Zuschauer, als Ursula Mayer über Winnenden und den Verlust ihrer 24-jährigen Tochter sprach. "Amok, so etwas gab es bis Winnenden in meiner Welt nicht." Sie hatte randalierende Schüler im Kopf, als man ihr 2009 erste Informationen zukommen ließ. Lehrer seien nicht betroffen, sagte man ihr zunächst. "Auch wenn es herzlos klingt, ich war erleichtert", gab Mayer zu, denn ihre Tochter war Referendarin an der Realschule. Den Leichnam enthielt man ihr vor: "Ich denke, dass es die Hilfskräfte gut gemeint haben. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass es falsch war", sagte sie. Auch Maischberger erkannte, dass Mayer mit einer "großen Selbstverständlichkeit" erzählte.

Fazit: "Warum wird getötet?" Dass getötet wird, sei das Resultat einer jahrelangen Planung: Bis zu vier Jahre vor einer Tat gebe es bereits erste Gedanken daran. Die Täter stilisierten sich als Opfer. "Seit München haben wir eine andere Qualität. Seit Paris eine andere Welt", sagte Bannenberg. Europa müsse mit einem Terroranschlag rechnen. Und Vorfälle wie in Würzburg oder Ansbach seien auch für Amokläufer ein Trigger. "Die Terrortaten sind Vorbild für Amokläufer. Es geht um die grandiose Tat, die auch durch die Medien mitinszeniert wird."

Täter seien in ihrer Persönlichkeit gestört, narzisstisch und egozentrisch. Sie suchten den ultimativen Showdown, erklärte Bannenberg. "Dass jemand verschont wird, gibt es nicht." Bannenbergs Ausführungen machten Maischbergers Talk zu einem der wenigen, an dessen Ende viele Fragen ansatzweise erklärt werden konnten.

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